Er nimmt nur mit, was sich tragen lässt. Einen Koffer, einen Stapel Noten, vielleicht ein paar Adressen. Natürlich sein Instrument. Als er den Bahnhof verlässt, ist nicht nur eine Stadt verloren, sondern ein ganzes musikalisches Umfeld: Ensembles, Schüler, Aufführungen, Routinen. Was bleibt, ist eine Bewegung ins Ungewisse – und die Frage, ob die eigene Musik an einem anderen Ort überhaupt noch gehört werden wird. Denn ein Musiker ohne Öffentlichkeit ist kein Musiker mehr. Was das nationalsozialistische Regime in zahllosen Fällen bewirkte, war nicht allein Vertreibung, Entrechtung oder Exil. Es entzog den Verfolgten die Bedingung ihrer Existenz: die Öffentlichkeit, in der Musik entsteht, zirkuliert und Bedeutung gewinnt. Das Berufsverbot wurde dabei zu einem gezielten Terrorinstrument. Mit dem Verlust von Aufführungsorten, Institutionen und Netzwerken verstummten nicht nur einzelne Stimmen – es entstanden Brüche, deren Folgen die Musikgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts bis heute nur unzureichend erfasst. Hier setzt ein neues Langzeitvorhaben des Akademienprogramms an. Das Projekt „NS-Verfolgung und Musikgeschichte“, das seit 2025 in München und Hamburg aufgebaut wird, will diese Verluste nicht nur dokumentieren, sondern die Musikgeschichte selbst neu vermessen. „Für Wissenschaft und künstlerische Praxis ist genaueres Wissen über die Dimensionen der Zerstörung und ihre globalen Konsequenzen nötiger denn je“, sagt der Projektleiter Friedrich Geiger. Über einen Zeitraum von achtzehn Jahren sollen die Lebenswege verfolgter Musikerinnen und Musiker rekonstruiert, ihre erzwungenen Migrationsbewegungen nachvollzogen und die globalen Folgen dieser Vertreibungen sichtbar gemacht werden. Dabei geht es um mehr als Archiv- und Quellenarbeit. Wenn die Verfolgung vor allem eines bewirkte – den Entzug von Öffentlichkeit –, dann stellt sich die Frage, wie sich diese Öffentlichkeit heute zumindest teilweise wiederherstellen lässt. Eine Antwort liegt in der Verbindung von Forschung und künstlerischer Praxis. An der Hochschule für Musik und Theater München entstehen sogenannte Research Concerts, in denen Werke von verfolgten Komponisten wieder aufgeführt und hörbar gemacht werden. Die Rekonstruktion von Biographien bleibt hier nicht abstrakt, sondern führt zurück in den Raum, aus dem sie einst verschwunden sind: die Aufführung. Bewegliche Darstellungsformen Zugleich knüpft das Projekt an eine der zentralen Infrastrukturen der Exilmusikforschung an: das Lexikon verfolgter Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit (LexM: lexm.uni-hamburg.de), das seit 2005 an der Universität Hamburg aufgebaut und von Sophie Fetthauer maßgeblich betreut wird. Rund fünftausend Namen sind hier inzwischen verzeichnet, doch nur ein Teil der Einträge ist bislang umfassend erschlossen. Das neue Vorhaben greift dieses Instrument auf, erweitert und vertieft es. Eine besondere Rolle spielt die digitale Transformation dieser Daten. Technische Experten entwickeln das Lexikon grundlegend weiter und verbinden es mit Verfahren der Geovisualisierung: Die Wege der Vertriebenen werden als globale Bewegungen sichtbar. Zugleich wird das Projekt mithilfe von KI-gestützten Verfahren darauf ausgerichtet, seine Ergebnisse in bis zu sechsunddreißig Sprachen zugänglich zu machen. Musikgeschichte erscheint so nicht länger als nationale Erzählung, sondern als global verflochtenes Gefüge. Der Begriff des Musikers wird bewusst weit gefasst. Er umfasst nicht nur Komponisten, Dirigenten oder Instrumentalisten, sondern auch Verleger, Produzenten und Akteure populärer Musikformen wie Jazz. Selbst jene, die aufgrund von Verfolgung ihren ursprünglichen Beruf aufgeben mussten und sich in neuen, oft prekären musikalischen Tätigkeiten behaupteten, geraten in den Blick. Gerade in diesen biographischen Verschiebungen zeigt sich, wie tiefgreifend die Eingriffe des Regimes in das musikalische Leben waren. Dass ein solches Projekt heute im Akademienprogramm angesiedelt ist, verweist auf einen grundlegenden Wandel dieser Forschungsstruktur. Das von Bund und Ländern seit 1979/80 gemeinsam finanzierte Programm gehört zu den langlebigsten und zugleich prägendsten Instrumenten geisteswissenschaftlicher Forschung in Deutschland. Lange Zeit standen hier vor allem große Editionen im Zentrum: historisch-kritische Gesamtausgaben, Denkmälerprojekte, die über Jahrzehnte hinweg das Werk einzelner, meist kanonisierter Persönlichkeiten erschlossen. Die Musikwissenschaft bildete einen Schwerpunkt des Programms – von den großen Komponisten-Gesamtausgaben bis hin zu editorischen Langzeitvorhaben, die das musikalische Erbe in seiner Breite dokumentierten. Auch regional verankerte Grundlagenforschung prägte das Programm. Diese Arbeiten sind bis heute unverzichtbar – doch sie folgten einem Modell, das stärker auf Stabilität als auf Bewegung ausgerichtet war. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat sich dieses Profil grundlegend verändert. Mit der strategischen Neuausrichtung der Akademienunion, die unter dem Stichwort „Perspektive 2030“ firmiert, werden mehrere Entwicklungen gebündelt: die stärkere Internationalisierung der Forschung, die Öffnung für inter- und transdisziplinäre Fragestellungen, der Ausbau digitaler Infrastrukturen und Datenräume sowie eine neue Rolle der Akademien in der gesellschaftlichen und politischen Beratung. Hinzu kommen die gezielte Förderung wissenschaftlicher Karrieren, Fragen von Diversität und Chancengleichheit sowie der Anspruch, Forschungsergebnisse wirksamer in die Öffentlichkeit zu vermitteln. Das Vorhaben zur NS-Verfolgung ist in diesem Sinne exemplarisch. Es richtet den Blick nicht auf ein Werk oder eine Persönlichkeit, sondern auf eine Vielzahl von Lebensläufen. Es verbindet historische Forschung mit digitalen Werkzeugen, technischer Infrastruktur und künstlerischer Praxis – und es ist von Beginn an international angelegt. Dazu gehören auch regelmäßig stattfindende internationale Tagungen, die im Dreijahresrhythmus den Austausch bündeln und das Projekt in einen globalen wissenschaftlichen Diskursraum einbetten. Revision der Musikgeschichte Möglich wird dies durch eine Struktur, die in der deutschen Forschungslandschaft einzigartig ist: die langfristige Förderung über fast zwei Jahrzehnte. Sie erlaubt nicht nur die Tiefenerschließung der Quellen, sondern auch die kontinuierliche wissenschaftliche Entwicklung über Generationen hinweg. Neben der festen Projektstruktur arbeiten in diesem Zeitraum wechselnde Qualifizierende – Doktoranden sowie mehrere Postdocs –, die eigene Forschungsvorhaben im Kontext des Projekts entwickeln. Am Ende steht mehr als eine Revision der Musikgeschichte. Das Projekt entwickelt sich bereits jetzt zu einer Anlaufstelle für Familien, die nach den Spuren verfolgter Angehöriger suchen. Mit den Anfragen wächst auch ein bislang kaum erschlossener Quellenbestand: Nachlässe, Dokumente, Erinnerungen. Daraus ergibt sich eine weiter reichende Perspektive: ob nicht aus dieser Forschung heraus langfristig auch neue institutionelle Formen entstehen müssen – etwa ein Archiv zur Geschichte der verfolgten Musiker, das diese Zeugnisse bündelt und zugänglich macht. Die Wiedergewinnung von Öffentlichkeit – im Archiv, auf der Karte, im Konzertsaal – wäre dann nicht nur ein wissenschaftliches Projekt. Sie wäre ein Akt kultureller Erinnerung, dessen Tragweite weit über die Musikgeschichte hinausreicht.
