FAZ 23.02.2026
20:20 Uhr

Forsa-Umfrage: Die Parallelwelt der AfD-Anhänger


Die Forsa-Umfrage zur Kommunalwahl in Frankfurt zeigt: AfD-Wähler leben in einem eigenen Kosmos. Sie informieren sich anders – und sie blicken anders auf die Stadt.

Forsa-Umfrage: Die Parallelwelt der AfD-Anhänger

Frankfurt muss ein grausliches Nest sein. Es hat keine Lebensqualität, die Stadtverwaltung arbeitet lausig, der Oberbürgermeister ist ein Versager. Und zu allem Überfluss wird das Geld für die falschen Vorhaben verschwendet, für überflüssige Neubauten der Städtischen Bühnen etwa. Ist das der Blick der Frankfurter Bevölkerung auf ihre Stadt und ihre Repräsentanten? Keineswegs. Aber es ist die Sichtweise einer bestimmten Gruppe – derjenigen, die sich als Anhänger der AfD sehen. Die Forsa-Umfrage unter 1014 Frankfurtern im Auftrag der F.A.Z. fördert vieles zutage über die Haltung der Bevölkerung, sie zeigt aber auch: Die Unterstützer der AfD blicken ganz anders auf diese Stadt als alle anderen, bei allen Unterschieden, die natürlich auch zwischen Anhängern der Grünen, der CDU, der SPD und der Linken bestehen. Am deutlichsten wird das bei der von den Mitarbeitern von Forsa offen gestellten Frage nach den drei wichtigsten Problemen in Frankfurt. Hier machte Forsa keine Vorgaben, die Befragten sollten einfach spontan drei Themen nennen, die von den Meinungsforschern dann für die Auswertung unter bestimmten Stichwörtern zusammengefasst wurden. Kriminalität nannten im Schnitt 16 Prozent als eines der größten Probleme in der Stadt, hingegen 36 Prozent der Anhänger der AfD. „Ausländer, Asylpolitik, Flüchtlinge“, so fasste Forsa alle von den Befragten genannten Probleme rund um die Zuwanderung zusammen: Nur ein Prozent der Grünen- und der Linken-Anhänger sehen dies als eine der größten Schwierigkeiten in Frankfurt, drei Prozent der SPD-Anhänger und 13 Prozent derjenigen der CDU; für kleinere Parteien sind Zahlen nicht ausgewiesen. So oder so: alles keine hohen Werte. Im Schnitt aller Befragten: gerade einmal neun Prozent. Ganz anders aber schauen die AfD-Anhänger auf die gleiche Stadt, die gleichen Stadtteile, die gleichen Menschen in ihrer Umgebung: 47 Prozent von ihnen zählten diesen Themenkomplex zu den größten Problemen Frankfurts. Unzufrieden mit der Integration der Zuwanderer Wer meint, das Zusammenleben der einheimischen Bevölkerung und der Zuwanderer zähle zu den größten Schwierigkeiten, die die Großstadt habe, muss folglich auch bei einer anderen Frage anders antworten als alle anderen. Dort ging es um die Zufriedenheit mit bestimmten Politikfeldern, dem Angebot an Kultur, an Sport und Ähnlichem. Die Frage nach der Einschätzung der „Integration und Versorgung der Flüchtlinge“, wie es im Fragebogen heißt, erzielte zwar generell keinen hohen Wert, nur 27 Prozent der Befragten insgesamt zeigen sich damit zufrieden. Doch die AfD-Anhänger können sich mit dem gegenwärtigen Zustand so gar nicht anfreunden, gerade einmal neun Prozent geben an, das sei schon in Ordnung so. Noch deutlicher ist der Unterschied bei der Einschätzung des Themas „Sicherheit vor Ort“: 89 Prozent der Linken-Anhänger zeigen sich mit der Lage zufrieden – der höchste Wert – und auch noch 42 Prozent derjenigen, die sich der CDU zurechnen; SPD und Grüne liegen dazwischen. Aber alle gemeinsam liegen signifikant entfernt von den AfD-Anhängern: Wiederum zeigen sich nur neun Prozent zufrieden. Der ganz andere Blick der AfD-Anhänger spiegelt sich auch in der Beantwortung der Frage, wie wichtig bestimmte Vorhaben der Kommunalpolitik sind. Die Anpassung an den Klimawandel finden im Schnitt 88 Prozent der Befragten wichtig, aber nur 43 Prozent der AfD-Anhänger. Die Schaffung eines Suchthilfezentrums im Bahnhofsviertel halten 69 Prozent aller Befragten für wichtig, selbst 54 Prozent der Anhänger der Union, aber nur 29 Prozent derjenigen, die sich der AfD zurechnen. Ähnlich sind die Unterschiede beim Radwegebau. Vollends auseinander fällt das Ergebnis bei der Frage, ob der Bau einer Oper und eines Schauspielhauses wichtig seien. 30 Prozent aller Befragten bejahen dies. Aber nur ein Prozent der AfD-Anhänger. Ablehnung des Oberbürgermeisters Wer so auf Frankfurt blickt, kann mit den jetzigen Zuständen im Römer nicht einverstanden sein. Sind Sie zufrieden mit der Stadtverwaltung? Selbstredend gibt es bei der Antwort auf diese Frage Unterschiede zwischen den Parteien, doch während im Schnitt 49 Prozent mit „Ja“ antworten, sind es von den AfD-Anhängern nur 17 Prozent. Dass der Oberbürgermeister passable Noten von den Anhängern aller Parteien außer denen der AfD erhält, überrascht dann schon nicht mehr. Sind Sie zufrieden mit der Arbeit von Mike Josef? Im Schnitt bejahen das 53 Prozent der Befragten. Dass er bei den Anhängern seiner eigenen Partei, der SPD, mit 90 Prozent den höchsten Zustimmungswert erhält, ist wenig überraschend, aber von denjenigen, die sich der Union zurechnen, zeigen sich noch 48 Prozent zufrieden. AfD-Anhänger: sechs Prozent. Nach alledem ist es kein Wunder, dass man als Freund der AfD mit seinem Wohnort hadert. Leben Sie gerne in Frankfurt? 79 Prozent aller Befragten bejahen das in der Forsa-Umfrage, bei Anhängern der CDU, SPD, Grünen und Linken werden durchweg Werte von mehr als 80 Prozent erzielt. Anhänger der AfD hingegen geben das lediglich zu 54 Prozent an. Andere Informationsquellen Wie aber informieren sich die AfD-Anhänger über diese schreckliche Welt, in der sie leben? Auch dazu gibt die Forsa-Umfrage Hinweise. Tageszeitungen spielen in der Bevölkerung insgesamt die wichtigste Rolle unter den Massenmedien. 62 Prozent der Befragten nutzen ihre Internetangebote, um sich über das politische Geschehen in Frankfurt zu informieren, 26 Prozent die gedruckte Zeitung. Nicht so die AfD-Anhänger. Bei ihnen liegen die Vergleichswerte deutlich niedriger: bei 53 und acht Prozent. Dafür vertrauen sie in einem beachtlichen Maße einer Quelle, die von Forsa als „Informationen der Parteien“ bezeichnet wird: Während die Befragten im Schnitt nur zu 15 Prozent darauf zurückgreifen, sind es unter den AfD-Anhängern 38 Prozent. Auch nicht näher bezeichnete „Webseiten im Internet“ nutzen sie überdurchschnittlich, das Radio hingegen deutlich weniger als andere. Während die AfD-Anhänger den Zuwanderern und der Kriminalität große Bedeutung beimessen, zeigen sie sich an anderer Stelle unempfindlich. Beispiel Mieten und Wohnungsangebot: Auf die offene Frage nach den größten Problemen wurde dieses Thema von 44 Prozent aller Befragten genannt, auf noch mehr Nennungen kam nur das Thema Verkehr. Unter den AfD-Anhängern nannten dagegen nur 18 Prozent Mieten und Wohnungsangebot, auch die Themen Schule oder soziale Probleme spielen für sie eine untergeordnete Rolle. Aus der vom städtischen „Bürgeramt, Statistik und Wahlen“ veröffentlichten Analyse der Bundestagswahl vor einem Jahr in Frankfurt, bei der die AfD auf 10,0 Prozent der Zweitstimmen kam, geht hervor, dass vor allem Männer und vor allem ältere Bürger diese Partei wählten. Bei Männern kam sie damals auf einen Stimmanteil von 13,1 Prozent, bei Wählern zwischen 60 und 69 Jahren auf 14,1 Prozent. Geographisch erhielt die AfD den größten Zuspruch in Sindlingen mit 18,6, in Sossenheim mit 17,5 und in Nied mit 16,4 Prozent. Die zehn Prozent, die die AfD vor Jahresfrist erzielte, entsprechen in etwa ihrem Potential bei der bevorstehenden Kommunalwahl. Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner spricht von einer „extremen Zerklüftung“ der Wähler in Frankfurt. Es gebe einen „linken Block“ einerseits und die AfD-Anhänger, die mit den Zuständen durchweg unzufrieden seien, auf der anderen Seite. Die CDU stehe dazwischen, habe aber die Chance, die stärkste Partei zu werden. Bei der Forsa-Umfrage, die vom 2. bis 10. Februar stattfand, gaben 24 Prozent an, sie wollten voraussichtlich für die CDU stimmen, 20 Prozent nannten die SPD, 19 die Grünen, zwölf Prozent die Linke und elf Prozent die AfD.