FAZ 30.11.2025
18:39 Uhr

Formel 1 in QAtar: „Wir haben einen Riesenfehler gemacht“


McLaren verliert das Strategiespiel beim Großen Preis von Qatar. Der Profiteur ist Sieger Max Verstappen, der Boden gut macht auf den WM-Führenden Lando Norris. Nun kommt es im Dreikampf zum großen Showdown in Abu Dhabi.

Formel 1 in QAtar: „Wir haben einen Riesenfehler gemacht“

Erst die Disqualifikation vor einer Woche in Las Vegas. Nun ein folgenreicher taktischer Fehler beim vorletzten Formel-1-Rennen am Sonntagabend: McLaren beschert dem viermaligen Weltmeister Max Verstappen eine Chance nach der anderen, seinen Titel doch noch erfolgreich zu verteidigen. Der Niederländer gewann den Großen Preis von Qatar vor Oscar Piastri (McLaren) und Carlos Sainz im Williams, während der Führende der Fahrerwertung, Lando Norris, mit Mühe Vierter wurde. Die Zieleinfahrt, akustisch begleitet von einem Feuerwerk, wirkt wie ein Donnerschlag. Das Ergebnis verdichtet den Dreikampf. Norris Vorsprung schmolz wegen des siebten Saisonsieges des Weltmeisters vor dem Finale am kommenden Sonntag auf zwölf Punkte vor Verstappen und 16 vor Piastri. Allerdings würde dem Engländer Rang drei reichen zur Premiere in seiner Karriere. „Das ist unglaublich“, sagt Verstappen, „wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Jetzt ist alles drin.“ „All in!“ Das hatte Verstappen versprochen. Notgedrungen. Ihm blieb nichts anderes übrig nach Rang drei im Qualifikationstraining hinter Piastri und Norris. Sonst hätte er in Qatar abtreten und der McLaren-Fraktion das Rennen um den Titel überlassen müssen. Aber beim Start sah es nicht nach einem großen Risiko aus für den Niederländer. Auf der linken, griffigeren Seite zog er mit dem Erlöschen der Rotlichter schnell auf Höhe des Engländers und kam als Zweiter aus der ersten Kurve – hinter Piastri. Zeit für eine Wende im großen Spiel Der Australier verschenkte keinen Zentimeter. Der „Lusail International Circuit“ liegt ihm: Pole-Position beim Sprintrennen am Freitag, Sieg im kleinen Rennen am Samstag, ein paar Stunden später Schnellster beim Startplatzrennen für den GP. Nach einer Schwächephase im Herbst, dem Verlust der Führung in der Fahrerwertung an Teamkollege Norris, erschien der Auftritt in Qatar wie ein glänzendes Comeback. Er führte souverän, als es krachte, weit hinter ihm. Nico Hülkenberg geriet im Sauber mit Pierre Gasly (Alpine) aneinander, als der Deutsche den Franzosen außen überholen wollte. Der Sauber geriet ins Schleudern, verlor ein Rad, blieb liegen. Zeit für den Eingriff der Rennleitung. Zeit für eine Wende im großen Spiel. Denn die Entsendung des Safety-Cars eröffnet das Taktikspiel: Fast alle Piloten kamen, um Zeit zu sparen während des gedrosselten Tempos hinter dem Sicherheitsfahrzeug, zur Box für den ersten von zwei mehr oder weniger vorgeschriebenen Reifenwechseln. Hersteller Pirelli hatte die Laufleistung aus Sicherheitsgründen auf 25 Runden reduziert. Doch beide McLaren blieben auf der Piste. Eine Fehlkalkulation, weil sie ohne weitere Safety-Car-Phase viel mehr Zeit verlieren würden bei ihren Serviceaufenthalten. McLarens Kommandozentrale erklärte Norris via Funk, es gebe einen Vorteil: „Die anderen sind nicht mehr so flexibel.“ „Wir haben den Sieg von Oscar weggeworfen“ Während Verstappen und Co. nach spätestens weiteren 25 Runden (32.) – wegen der Vorgabe – wechseln mussten, blieb Norris und Piastri mehr Spielraum für das Timing. Aber war das der wahre Grund? Hing es vielleicht doch mit der Haltung bei McLaren zusammen, niemanden bevorzugen zu wollen. Piastri hätte, obwohl führend, warten müssen, damit Norris als Führender der Fahrerwertung in den vollen Genuss des Vorteils kommen könnte. „Wir haben einen Riesenfehler gemacht“, sagte Zak Brown, Geschäftsführer des Rennstalls McLaren, „wir haben den Sieg von Oscar weggeworfen und einen Podiumsplatz von Lando. Ich werde beide Fahrer in den Arm nehmen.“ Die Entscheidung von McLaren, beide kreisen zu lassen, führte Norris zwar wieder vorbei an Verstappen auf Rang zwei. Allerdings zwang der Plan McLaren zur Flucht nach vorne: nur schnell absetzen von Verstappen, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Anfangs sah es danach aus. Aber auf mehr als acht Sekunden stieg der Vorsprung von Piastri vor Verstappen nicht. Zu wenig, um vorne zu bleiben nach dem ersten Pit-Stop, das war zunächst zu erwarten. Aber dazu drohte Ungemach. Der Rückfall hinter einen Bremser, zumindest hinter Kimi Antonelli im Mercedes. Den sah Piastri, nach seiner Rückkehr auf die Strecke, vor seiner Nase, auf Rang drei. Norris schaffte es so gerade, sich eine Runde später hinter seinem Teamkollegen einzufädeln, vor Fernando Alonso im Aston Martin. Wieder hieß es mit Blick auf Verstappens Vorsprung: Gas geben! Piastri erfüllte die Vorgabe, schoss in der 30. Runde an Antonelli vorbei. Norris folgte ihm auf die leichte Tour, weil der Mercedes-Mann zum Service abbog. Geht die McLaren-Rechnung doch noch auf? Das Strategiespiel schürt die Spannung auf einer Piste, die Überholmanöver aus verschiedenen Gründen kaum zulässt. Nach Verstappens zweitem und letztem Reifenwechsel sehen die Zuschauer auf den voll besetzten Rängen Piastri wieder führend vor Norris und den Champion auf Rang drei. Aber dessen Rückstand beträgt nur neun Sekunden. 25 müssten es sein. So lange dauert in etwa die Abwesenheit beim Service. Kaum zu schaffen, selbst für Piastri, so schnell, wie der erstbeste Red Bull den beiden McLaren folgt. McLarens Führung steckt nun in der Zwickmühle Für Norris erscheint es zwanzig Runden vor dem Ende ganz aussichtslos. Der Engländer rutscht kurz über die Streckenbegrenzung, verliert Sekunden und sieht danach den Jäger im Rückspiegel. Das nächste Malheur mit Folgen. Denn er fällt nach seinem zweiten und letzten Boxenstopp nicht nur hinter Verstappen zurück, sondern auch hinter Sainz und Antonelli. Piastri ist aussichtsreicher, wechselt in die Jägerrolle direkt hinter dem nun wieder führenden Verstappen. Aber er sieht den Chefpiloten von Red Bull nicht, so weit zurück – 18,249. Noch zwölf Runden sind zu fahren. Er müsste gut 1,2 Sekunden pro Tour im Emirat aufholen. Bieten die neuen Pneus die Haftung für einen Supersprint? Nein. Norris kommt kurz vor dem Ende noch an Antonelli vorbei: Vierter. „Wir haben gepokert“, sagte Norris, „das hätten wir nicht tun sollen.“ McLarens Führung steckt nun in der Zwickmühle. Sie wird Piastri überzeugen müssen, dass er beim Showdown am kommenden Wochenende in Abu Dhabi unter Umständen Norris vor Verstappen beschützen muss.