Noch ist nicht klar, ob tatsächlich alle noch vorgesehenen Rennen in dieser Formel-1-Saison ausgetragen werden können. Die finalen WM-Läufe in Qatar und Abu Dhabi stehen wegen des Irankriegs weiter auf der Kippe. Möglich, dass es ersatzweise zu einem Grand Prix am Nikolaustag im italienischen Imola kommt. 25 zu gewinnende Punkte mehr oder weniger haben allerdings entscheidenden Einfluss auf das Titelrennen. Die Rennkarawane hat den europäischen Kontinent verlassen, mit dem Großen Preis von Aserbaidschan beginnt die Hochrechnerei. Vor dem 15. WM-Lauf, der wegen eines nationalen Gedenktages bereits am Samstag (13 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) ausgetragen wird, führt Kimi Antonelli mit dem höchst komfortablen Vorsprung von 81 WM-Punkten vor seinem Mercedes-Teamkollegen George Russell. Schon 101 Punkte beträgt der Rückstand von Lewis Hamilton, weitere fünf Punkte dahinter rangiert Titelverteidiger Lando Norris. Bereits beim übernächsten Rennen in Singapur könnte der Italiener theoretisch vorzeitig Champion werden. Auf dem schnellen und unfallträchtigen Stadtkurs in Baku dürfte Antonelli bereits damit beginnen, seinen Vorsprung zu verwalten. Immer noch offen ist, ob und wann Mercedes zum Schutz des Zwanzigjährigen eine Stallorder verhängen wird. Nach dem Rennen in Baku folgt bei Mercedes die Ausbaustufe Die Silberpfeil-Fraktion ist auch das einzige Topteam, das bislang noch kein wesentliches technisches Upgrade gebracht hat. Antonellis acht Siege und einer von Russell zeugen daher von der grundsätzlichen Überlegenheit des Rennwagens. In Aserbaidschan soll der W 17 allerdings letztmals in der bekannten Version an den Start gehen, beim Rennen am Wochenende drauf soll es endlich die ersehnte Ausbaustufe geben. Die Zögerlichkeit hat Teamchef Toto Wolff stets mit den Zwängen eines angespannten Budgets unter dem Kostendeckel begründet. Es kann sich im Wissen um die Stärke des eigenen Motors und Chassis jedoch genauso gut um eine Langzeittaktik handeln mit dem angenehmen strategischen Nebeneffekt, die eingesparten Ressourcen schon ins Modell für nächstes Jahr stecken zu können. Nachdem die Konkurrenten Ferrari und vor allem McLaren zuletzt aber durch regelmäßige Updates immer näher gerückt sind, muss Mercedes nachlegen. Eine halbe Sekunde auf eine Runde sollte drin sein, im Fahrerlager wird sogar über mehr gemunkelt, und Wolff selbst rechnet vor den Kameras zum Spaß munter angebliche Fabelzeiten hoch. Hohn und Lohn eines Überfliegers. Hamiltons Zukunft bei Ferrari hängt am Machtkampf Unabhängig davon, wie gut der runderneuerte Mercedes tatsächlich funktionieren wird, ist die Auseinandersetzung in Baku eine letzte Chance für alle Herausforderer, Boden gutzumachen. Lewis Hamilton wie Lando Norris haben bereits nach Antonellis glücklichem Erfolg in Madrid offiziell Abstand von den eigenen Titelchancen genommen, was aber nicht ganz ernst zu nehmen ist. Der Ehrgeiz der beiden Briten gilt nicht nur der vagen Chance, sondern vor allem der eigenen Stellung. Hamilton will bei Ferrari endlich das Sagen haben, vom Ausgang des Machtkampfs hängt auch die weitere Zukunft des Einundvierzigjährigen in Maranello ab. Norris ist bereits eindeutig die Nummer eins bei McLaren, will aber zumindest den Rekordchampion abfangen, um zu zeigen, dass er doch mehr ist als nur ein Einmalweltmeister. Deshalb ringen sie um jeden Punkt. Bei den anstrengenden Touren mit zwei Dreifachrennwochenenden direkt hintereinander in diesem Rennherbst kann es durchaus noch zu größeren Verschiebungen kommen. Selbst der massiv 147 Zähler zurückliegende Max Verstappen ist aus Erfahrung in die Titelarithmetik einzubeziehen. Für den Niederländer geht es vor allem darum, nicht erstmals seit 2015 in einer Saison sieglos zu bleiben. Alle, die da noch lauern, beschäftigen sich aber stark mit sich selbst. Red Bull Racing ist im Spätsommer wieder besser in Schwung gekommen, Ferrari hingegen hat sich in den letzten Rennen häufig selbst ausgebremst, technisch wie strategisch. Fünf WM-Läufe ohne einen Podestplatz für Hamilton oder Charles Leclerc lassen McLaren als Dritten der Konstrukteurs-WM wieder näher heranrücken. Für Teamchef Fred Vasseur wird es ungemütlicher, intern wie extern wächst in Italien der Druck auf den Franzosen. Vor allem scheint es nicht zu gelingen, das regelmäßig riskante Gerangel zwischen Hamilton und Leclerc auf der Strecke zu verhindern – ausgerechnet bei Ferrari, früher synonym für eindeutige Stallorder. Lewis Hamilton zielt auf zweite Plätze Leclerc, der als WM-Fünfter 24 Punkte hinter dem internen Rivalen Hamilton zurückliegt, sieht nicht die Politik, sondern die Schwäche in der Qualifikation als ursächlich für die Malaise an. Es gehe vor allem um zu große Schwankungen bei der Motorenabstimmung von Strecke zu Strecke: „Es liegt in unseren Händen, einen besseren Job zu machen.“ In Baku, wo das Qualifying bereits an diesem Freitag ausgetragen wird, stand der Monegasse schon viermal auf der Pole Position, konnte daraus aber nie einen Sieg machen. Möglicherweise wird ihn bei einem Motorenwechsel eine Startplatzstrafe zurückwerfen. Der Achtundzwanzigjährige versucht sich öffentlich als Mann des Ausgleichs. Auch die Auseinandersetzung mit seinem direkten Gegner versucht er daher zu relativieren, obwohl die ganze Welt die Eskalationen in Zandvoort und Monza sehen und hören konnte. „Manchmal schieße ich ein wenig über das Ziel hinaus, wenn wir uns duellieren, manchmal er. Aber was bei Ferrari passiert, wird oft überanalysiert und überdiskutiert.“ Lewis Hamiltons Zielsetzung für den Rest der Saison ist hingegen eindeutig: „Das Meiste herausholen.“ Bedeutet für ihn, fast ungewohnt bescheiden, zweimal den zweiten Platz zu erringen – in der Markenwertung wie in der Fahrer-WM. Dazu müsste er aber an George Russell vorbeikommen: „Wenn ich mich mit ihm messen und ihn irgendwie überholen kann, was sehr schwierig ist, da der Mercedes immer noch führend ist, wäre es meiner Meinung nach eine enorme Leistung für uns als Team. Wir dürfen auch nicht vergessen, wo wir herkommen aus dem letzten Jahr.“
