Ein Jahr nach dem „Wahnsinn“ geht es genau so weiter. Wobei das, was Sam Darnold in dieser Saison im Trikot der Seattle Seahawks gezeigt hat, fast noch außergewöhnlicher ist als das, was NFL-Star T. J. Hockenson vor fast genau zwölf Monaten mit genau diesem Wort beschrieb: „Wahnsinn“. Der Quarterback führte sein neues Team im Kampf um den Titel in der National Football League (NFL) nun sogar ins Halbfinale. Noch ein Sieg, dann stehen Darnold und Seattle im Super Bowl; dort, wo die Seahawks seit 2015 nicht mehr waren: dem größten Spiel im American Football mit deutlich über 100 Millionen TV-Zuschauern weltweit. „Ich glaube nicht, dass das viele erwartet hätten“ Dass Darnold und Seattle das schaffen würden, haben ihnen vor der Saison nur die Wenigsten zugetraut. Ein gutes Team sind sie schon, die Seahawks, aber reicht es auch für den ganz großen Sprung? „Ich glaube nicht, dass das viele erwartet hätten“, sagt der langjährige NFL-Quarterback Matt Hasselbeck dazu. Warum? Weil vom Team, das 2014 den Super Bowl und dank einer insgesamt erfolgreichen Ära in den vergangenen gut zwei Dekaden auch zahlreiche Fans in Deutschland gewann, zuletzt kaum etwas übrig geblieben war. Die gefürchtete Verteidigungsreihe, die berühmte „Legion of Boom“? Passé. Der Franchise-Quarterback Russell Wilson? Abgegeben an die Konkurrenz. Erfolgstrainer Pete Carroll? Anfang 2024 vom Hof gejagt, als er mit den Seahawks die Play-offs verpasste. Und dann war da eben noch Darnold. Der Spielmacher. Kopf und Arm der Mannschaft. Einer, der den Unterschied machen sollte, nachdem es 2025 mit neuem Headcoach Mike Macdonald und Geno Smith als Zwischenlösung auf der Quarterback-Position zwar zu zehn Siegen gereicht hatte, es am Ende aber wieder nichts wurde mit dem Erreichen der K.-o.-Phase um den NFL-Titel. Kann Darnold das überhaupt, den Unterschied machen? Um Darnold aber, den neuen Spielmacher in Seattle, kreiste seit seiner Verpflichtung eine drängende und für die Seahawks ganz entscheidende Frage: Kann Darnold das überhaupt, den Unterschied machen? Ja, da war der „Wahnsinn“ aus der Vorsaison, als Darnold fast wie ein Phönix aus der Asche emporgestiegen war und die Minnesota Vikings, sein damaliges Team, völlig überraschend genau dorthin führte, wovon sie in Seattle träumten: die Play-offs. Zwar war dort für Darnold und die Vikings gleich in der ersten Runde Schluss; gegen die Los Angeles Rams, die nun in der Nacht zu diesem Montag (0.30 Uhr MEZ bei RTL und DAZN) wieder Darnolds Gegner sein werden. Und dennoch waren viele in der NFL überaus beeindruckt von dem, was Darnold bis dahin gezeigt hatte. Aus einem einfachen Grund: weil er zuvor in seiner Karriere so gut wie gar nichts gezeigt hatte. 2018 wurde er an dritter Stelle in der NFL-Draft von den New York Jets ausgewählt. Er galt als eines der größten Talente seines Jahrgangs, doch mit den hohen Verheißungen kamen auch die hohen Erwartungen. Die konnte der damals gerade 20 Jahre alte Kalifornier nie erfüllen. Darnolds Zeit bei den Jets wurde zu einem Fiasko. Nach drei Saisons schickte ihn das Team davon. Bei den Carolina Panthers lief es kaum besser. Zwei Jahre später wechselte er als Ersatzspieler zu den San Francisco 49ers, kam überwiegend nur noch zu wenigen Kurzeinsätzen. „Das Team, wo Quarterback-Karrieren sterben“ Doch plötzlich lief in Minnesota alles anders, es war Darnolds Durchbruch. Wie war das möglich? „Sam war einer der jüngsten Quarterbacks, als er gedraftet wurde. Dazu kam er zu den Jets, einem Team, wo Quarterback-Karrieren sterben“, sagt Hasselbeck. Das mag drastisch klingen, doch seit 2000 starteten für New York mehr als 20 verschiedene Spielmacher. Die Jets sind nicht nur eine der erfolglosesten Mannschaften in der NFL, sie gelten auch seit vielen Jahren als eine der am schlechtesten gemanagten. „Sam hat dort nicht gut gespielt. Aber er hat auch unter keinen guten Umständen gespielt. Und er hat zu früh gespielt“, sagt Hasselbeck. Verletzung um Verletzung, aber insbesondere auch Fehler um Fehler um Fehler: Darnold war nicht bereit, in der stärksten Football-Liga der Welt mitzuhalten. Aber Darnold glaubte weiter an sich. In San Francisco trainierte er unter Headcoach Kyle Shanahan, der von vielen in der NFL als „Offensiv-Mastermind“ beschrieben wird. Darnold reifte, lernte, wurde besser. In Minnesota bekam er dann Vertrauen geschenkt und Verantwortung übertragen. Er spielte nicht spektakulär, aber zuverlässig, was reichte, um mit einem starken Teamgerüst um sich Spiele zu gewinnen. „Manchmal musst du als Quarterback einen Schritt rückwärts gehen, um zwei nach vorne machen zu können“, sagt Hasselbeck, der selbst einst für Seattle auf dem Feld stand. „Sam war bei den Vikings einer der besten Quarterbacks, die es in der NFL gab. Dann kam er zu den Seahawks. Und er hatte wieder ein unglaublich großartiges Jahr.“ „Großartig, wirklich großartig“ Darnold, mittlerweile 28 Jahre alt, musste in Minnesota weichen für den jungen, talentierten Spielmacher J. J. McCarthy, in dem die Vikings langfristig ihre Zukunft sehen. In den vergangenen Monaten aber hat Darnold eine eindrucksvolle Antwort auf die Frage gegeben, ob er mehr sein kann als nur einer, mit dem man in der NFL einige Spiele gewinnen kann. Nämlich, dass er auch einer ist, der für ein Team Spiele gewinnen kann. In 14 von 17 Partien der Hauptrunde ging Seattle in dieser Saison als Sieger vom Feld. Nie in der bisherigen Geschichte der Seahawks waren es mehr. Nicht nur konnte Darnold seine Quote Interceptions zu werfen – seine bislang größte Schwäche in der NFL –, nach unten korrigieren, auch hat er seinem Spiel zwischenzeitlich eine souveräne, teilweise sogar spektakuläre Komponente hinzugefügt. Mit 4048 Yards Raumgewinn nach Pässen rangiert er auf Platz fünf der Liga. Nach dem beeindruckenden 41:6-Erfolg über die 49ers am vergangenen Wochenende, Darnolds erst zweitem Play-off-Spiel, bei dem er sogar mit einer Muskelverletzung zu kämpfen hatte, sagte Receiver Cooper Cup: „Da waren einige Würfe dabei, bei denen man dachte: ‚Mann, der lässt es krachen!‘ Sam war zuverlässig, hat die Mannschaft geführt. Und er hat einige Pässe gespielt, die wirklich unglaublich waren.“ Auch bei den Seahawks passt das Team um ihn herum. Die Defensive ist wiedererstarkt, war in vielen Kategorien sogar die Stärkste der gesamten NFL. Receiver wie Kupp, Jaxon Smith-Njigba oder Rashid Shaheed sorgen dafür, dass aus Darnolds Pässen Punkte werden. Der neue, gerade 38 Jahre alte Cheftrainer Macdonald lässt in seiner zweiten Saison den Eindruck entstehen, als könne um ihn herum etwas entstehen. Die Zutaten für eine neuerliche Erfolgsära in Seattle sind also beisammen. Und Sam Darnolds Leistungen? Bei den Seahawks benutzen sie längst ihr eigenes Wort dafür: „Großartig“, sagte Macdonald in dieser Woche über seinen Quarterback. „Wirklich großartig.“
