Die Krise einer Vorzeigeindustrie in Deutschland zeigt sich in Marburg wie unter einem Brennglas. Gleich drei Unternehmen aus der Arzneimittelbranche bauen Arbeitsplätze ab. Wenn es bei den bekannten Zahlen bleibt, wird Marburg auf dem Pharma-Campus in einigen Monaten mindestens 1000 Stellen weniger zählen als noch vor einem halben Jahr. Allein am heimischen Standort des australischen CSL-Konzerns stehen Arbeitsplätze in hoch dreistelliger Anzahl auf dem Spiel: Nach dem Aus für die Tochter CSL Innovation mit 500 Beschäftigten könnten auch bis zu 450 Mitarbeiter in der Produktion von CSL Behring ihre Jobs verlieren. Für die Finanzen der auch und gerade dank der Pharmabranche ziemlich wohlhabenden Uni-Stadt muss das aber nichts Schlechtes bedeuten. Oberbürgermeister Thomas Spies weiß und sagt: Für viele betroffene Männer und Frauen ist der Arbeitsplatzabbau ein Unglück. Denn anders als in früheren Zeiten können sie nicht darauf vertrauen, dass sie auf dem Pharma-Campus umgehend eine neue Stelle finden werden. Eine Tür geht zu, eine andere dafür auf: Das ist nicht mehr die Regel. Und andere Arbeitsplätze in der Region sind in der Arzneimittelbranche oder der Chemieindustrie nicht so leicht zu finden. In Mittelhessen prägen im produzierenden Gewerbe eher Autozulieferer das Bild. Marburg dürfte von höherem CSL-Gewinn profitieren Sozialdemokrat Spies weiß aber auch: Nicht jedes Industrieunternehmen ist auch ein guter Gewerbesteuerzahler. Forschende Betriebe überweisen eher wenig, wenn überhaupt. Das kanadische Unternehmen Nexelis forscht in Marburg und schließt den Standort mit 75 Kräften. 500 Arbeitsplätze fallen dem Aus für CSL Innovation zum Opfer, 350 in der Produktion von Biontech weg. Das Mainzer Unternehmen überschwemmte Marburg in der Corona-Hochphase sprichwörtlich mit Gewerbesteuern. Doch hat sich das Blatt längst gewendet. Bleibt vorerst CSL Behring als Zahler aus diesem Quartett. Der Konzern ist profitabel, will aber seinen Gewinn steigern. Die Börse ist unzufrieden mit dem Konzern, wie sich am Aktienkurs zeigt. Der Wert steht so tief wie zuletzt Anfang 2018. Im ersten Halbjahr 2025/26 sackte der Ertrag zwar wegen der Restrukturierungskosten kräftig ab, wie CSL in der vergangenen Woche berichtete. Sollte der Plan für einen nachhaltig höheren Profit allerdings aufgehen und sich der Absatz von Arzneimitteln bald beleben, dürfte auch Marburg bei der Gewerbesteuer davon profitieren. Zumal auch über Investitionen von CSL an der Lahn gemunkelt wird. Derweil kann Spies auf den vor gut zwei Jahren mit 350 Gewerbesteuer-Millionen gefüllten Spezialfonds zurückgreifen, um Defizite abzufedern. Jetzt zeigt sich die mit dem Fonds verbundene Weitsicht besonders. Die links regierte Uni-Stadt genießt die Vorteile der Investition in kostengünstige börsengehandelte Indexfonds. Zinsen und Dividenden inklusive.
