Lufthansa geht den nächsten Schritt zur Komplettübernahme der italienischen Fluggesellschaft ITA. Zum Beginn der Hauptversammlung in Frankfurt teilte der Konzern mit, im Juni ihren Anteil von 41 Prozent auf 90 Prozent aufzustocken und eine entsprechende Option für 325 Millionen Euro auszuüben. Bislang war eine Entscheidung darüber im Juni erwartet worden, nun gab der Lufthansa-Aufsichtsrat schon am Montagabend den Weg frei. Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr sagte, zum Einstieg bei ITA Anfang 2025 habe der Konzern „die schnellste Airline-Integration unserer Geschichte“ und den Vollzug aller wesentlichen Eingliederungsschritte binnen 18 Monaten versprochen. „Dieses Versprechen haben wir nicht nur eingehalten. Sondern wir waren noch schneller: Alle kundenbezogenen Schnittstellen sind bereits heute integriert“, sagte Spohr. Eine Ausnahme ist noch die Einbindung der Nordatlantikflüge von ITA in ein Joint-Venture, in dem Lufthansa ihre Amerika-Flüge mit United Airlines aus den USA und Air Canada koordiniert. Dafür stehen noch wettbewerbsrechtliche Genehmigungen aus. Die muss Lufthansa auch noch für die Mehrheitsübernahme an ITA einholen. Der Konzern rechnet damit, sie bis zum ersten Quartal 2027 zu erhalten. Die für eine Komplettübernahme fehlenden zehn Prozent an ITA verbleiben zunächst in den Händen des italienischen Wirtschaftsministeriums MEF. Lufthansa kann diese 2028 erwerben. Rom als sechstes Drehkreuz im Konzern Spohr sagte, dass Passagiere schon jetzt ITA als Teil der Lufthansa-Gruppe erlebten. Die Gesellschaft ist in die zentralen Buchungssysteme eingebunden, das Vielfliegerprogramm Miles and More auch bei ITA eingeführt, und die Frachträume im Unterdeck der ITA-Flieger werden von Lufthansa Cargo mitvermarktet. „Angesichts dieser Erfolgsgeschichte haben wir entschieden, unsere Option zur Übernahme von weiteren 49 Prozent bereits im Juni dieses Jahres auszuüben“, sagte Spohr. Lufthansa baut mit ITA den Flughafen Rom zu ihrem sechsten – zugleich südlichsten – Drehkreuz aus. Über den Knotenpunkt will der Konzern seine Verkehre auf die Südhalbkugel – insbesondere nach Lateinamerika – ausbauen. Für den eigenen Zukunftskurs kündigte Lufthansa vor Beginn des Aktionärstreffens zudem an, neue Flugzeuge zu kaufen. Auch dafür hatte der Aufsichtsrat am Vorabend der Hauptversammlung den Weg freigegeben. Bis 2032 beschafft der Konzern je zehn weitere A350-900-Flugzeuge von Airbus und 787-9 von Boeing. Nach Listenpreisen, auf die üblicherweise Nachlässe gewährt werden, belaufen sich die Aufträge auf 7,7 Milliarden Dollar. Spohr sagte, die Bestellungen seien ein „klares Bekenntnis zu einer modernen Flotte, zu Premiumqualität und zur weiteren Reduzierung von CO2-Emissionen“. Schon im zweiten Halbjahr erhält Lufthansa etwa jede Woche ein neues Flugzeug, um ihre Flotte zu modernisieren. Mit den neuen Aufträgen wächst das Orderbuch auf 232 Flugzeuge, darunter Langstreckenjets. Die Flottenmodernisierung soll nicht nur den Treibstoffverbrauch senken, sondern auch Strukturen verschlanken. Die Zahl der im Konzern eingesetzten Langstreckenbaureihen soll von 13 auf 9 sinken. Die mittlerweile als weniger effizient geltende A340-Reihe soll aus der Flotte verschwinden, ebenso die ältere Jumbojet-Version 747-400 von Boeing. Nach ITA blickt der Konzern derweil auf die portugiesische TAP als nächstes Übernahmeobjekt. Portugals Regierung will knapp 45 Prozent an der Gesellschaft an einen strategischen Investor abgeben, neben Lufthansa interessiert sich auch Air France-KLM dafür. Auf der Hauptversammlung mahnte Ingo Speich von der Sparkassenfondsgesellschaft Deka, dass Lufthansa nach der Devise „Disziplin vor Größe“ vorgehen sollte. TAP würde strategisch gut passen, „aber lassen Sie sich nicht in ein Bietergefecht treiben – insbesondere nicht mit Air France“, sagte Speich. Henrik Pontzen von der Fondsgesellschaft Union Investment wies darauf hin, dass im Konzern schon sehr viele Marken seien. „Deswegen quittiert der Kapitalmarkt ihre Strategie mit Skepsis.“ Beim Lufthansa-Konzern sei das Ganze weniger als die Summe der Teile. „Komplexität frisst Rendite“.
