Ein aktueller Bericht im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ ist geeignet, einem den Appetit auf den Weihnachtsbraten zu verderben: Ein Mann in den Vereinigten Staaten ist an einer Alpha-Gal-Allergie gestorben, einer Allergie gegen Fleisch. Es ist der erste dokumentierte Todesfall durch so eine Allergie. Alpha-Gal ist ein Zuckermolekül, das im Gewebe der meisten Säugetiere vorkommt, nicht jedoch im Menschen. Es findet sich auch im Speichel von Zecken und kann mit einem Biss übertragen werden. Vor allem, wenn man mehrfach von Zecken gebissen wird, kann der Körper sensibilisiert werden und irgendwann allergisch auf Alpha-Gal reagieren. So etwa, wenn Betroffene Fleisch von Rind, Lamm, Schwein oder Innereien essen oder Alpha-Gal-haltige Stoffe wie Gelatine in den Körper gelangen. Die allergische Reaktion beginnt typischerweise erst zwei bis sechs Stunden nach dem Essen. Es tritt ein brennnesselartiger, juckender Ausschlag auf, der Bauch schmerzt, man bekommt Durchfall, manche müssen brechen vor Übelkeit. Alarmzeichen sind, wenn dem Betroffenen schwindelig wird, er nicht mehr gut atmen kann und ohnmächtig wird – ein allergischer Schock. Thomas Platts-Mills und sein Ärzteteam von der University of Virginia schilderten nun die Geschichte eines 47 Jahre alten Mannes, dem nicht mehr geholfen werden konnte. Rindersteak am Anfang der Fleischallergie Der Mann hatte zunächst ein Rindersteak gegessen, es war zehn Uhr abends. Um zwei Uhr morgens war er mit starken Bauchschmerzen aufgewacht, hatte Durchfall bekommen und musste brechen. Doch am nächsten Morgen war er wieder fit. Zwei Wochen später aß er einen Hamburger. Zunächst merkte er nichts, doch vier Stunden später fand ihn sein Sohn bewusstlos und rief den Rettungsdienst. Trotz zweistündiger Wiederbelebung starb der Mann. Seine Frau wollte sich mit der Diagnose „plötzlicher, unerklärlicher Tod“ nicht abfinden und kontaktierte eine Ärztin. Tatsächlich hatte der Mann IgE-Antikörper gegen Alpha-Gal im Körper, was auf eine Sensibilisierung hinweist, außerdem Antikörper gegen Rindfleisch. Auch das Enzym Tryptase war extrem erhöht, was auf eine akute schwere allergische Reaktion hinweist. Die Ehefrau erzählte den Ärzten, ihr Mann hätte im Sommer ein Dutzend Chigger-Bisse am Körper entdeckt. Chigger sind Zeckenlarven, auch sie können Alpha-Gal übertragen. Dass der Mann so stark allergisch reagiert hat und gestorben ist, könnte an verstärkenden Faktoren gelegen haben: Der Mann hatte zum Hamburger ein Bier getrunken und danach Sport getrieben, er war zudem Ambrosia-Pollen ausgesetzt, gegen die er auch allergisch war. Warnzeichen und verstärkende Faktoren Keiner brauche jetzt aber aus Angst vor einer Fleischallergie auf den Weihnachtsbraten zu verzichten, sagt Tilo Biedermann von der TU München. Aber wer Stunden nach dem Fleischgenuss brennnesselartigen Ausschlag oder Magen-Darm-Beschwerden bekomme oder ohnmächtig werde, solle umgehend den Notarzt rufen. „Leider übersehen auch manche Ärzte diese Allergie, vor allem wenn der Patient wie in diesem Falle nur Bauchsymptome hat“, sagt Biedermann. Bei jedem Verdacht sollte eine Alpha-Gal-Diagnostik eingeleitet werden, das sind Routinetests. Gemessen werden zunächst die IgE-Antikörper, anschließend werden Hauttests mit Proben von frischem Fleisch, Schweinenieren oder Gelatine und ein Provokationstest vorgenommen. Dazu verzehrt man unter Beobachtung eine winzige Menge des verdächtigen Fleisches. In den USA hatten von knapp 300.000 getesteten Personen 90.000 IgE gegen Alpha-Gal. Für Europa gibt es wenige Daten. In Dänemark und Spanien fanden sich die Antikörper bei gut fünf bis acht Prozent von 2741 getesteten Erwachsenen. IgE zu haben, bedeutet aber noch lange nicht, dass man allergisch reagiert. Und auch wer von Zecken gebissen wird, bekommt nicht automatisch eine Fleischallergie. Zeckenstiche, die länger als zwei Wochen jucken, können eine Sensibilisierung gegen Alpha-Gal auslösen oder verstärken. „Diese Menschen sollten sich testen lassen“, rät Platts-Mills.
