Finnland hat nur rund fünfeinhalb Millionen Einwohner, verfügt aber über eine der größten Armeen Europas. Rund 280.000 Personen können im Konfliktfall rasch mobilisiert werden, etwa 870.000 sind insgesamt Teil der Reserve. Diese Zahl soll nach dem Willen der finnischen Regierung noch deutlich steigen. Aufgrund der Sicherheitslage und da Reservisten zum Teil auch mit mehr als 60 Jahren noch gut einsatzfähig sind, soll die Altersgrenze angehoben werden. Derzeit bleiben Mitglieder des niedrigsten Dienstgrades bis zum Alter von 50 Jahren in der Reserve, Unteroffiziere und Offiziere, bis sie 60 sind. Ab Anfang des kommenden Jahres soll es eine einheitliche Altersgrenze von 65 Jahren geben, unabhängig vom Dienstgrad. Offiziere vom Rang eines Obersts oder eines höheren militärischen Rangs wären sogar ohne Altersobergrenze wehrpflichtig und würden der Reserve angehören, solange sie diensttauglich sind. Mit der Reform würde die Zahl der Reservisten bis 2031 auf rund eine Million steigen. Viele besuchen auch freiwillig Kurse Ein entsprechender Gesetzentwurf befindet sich derzeit in der parlamentarischen Abstimmung. Ende der vergangenen Woche äußerte der Verteidigungsausschuss des Parlaments seine Unterstützung. In einem Bericht des Ausschusses heißt es, der Vorschlag sei „äußerst notwendig“; es gelte, die Fähigkeiten älterer, aber weiterhin einsatzfähiger Reservisten mit besonderen Fachkenntnissen besser zu nutzen. „In der aktuellen Sicherheitslage, in der Versorgungssicherheit, Cybersicherheit und Infrastrukturkompetenz im Vordergrund stehen, werden genau diese Fachkräfte mehr denn je benötigt.“ Kürzlich hatte das parlamentarische Wehrpflichtkomitee in einem Bericht festgestellt, dass es immer mehr Reservisten gibt, deren Einsatzfähigkeit auch im höheren Alter ausgezeichnet ist. Reservisten müssen in Finnland – je nach militärischer Funktion – regelmäßig zu Übungen, doch besuchen viele von ihnen darüber hinaus auch freiwillig Kurse zur Landesverteidigung. Zudem gibt es auch gut besuchte Kurse für Freiwillige etwa zum Zivilschutz. Mit dem Gesetzesvorhaben sollen auch Altersgrenzen für freiwillige Aktivitäten zur Landesverteidigung abgeschafft werden. Erfahrungen mit Überfall durch Moskau In Finnland gilt die Wehrpflicht für alle Männer. Der Wehrdienst dauert bis zu einem Jahr und gilt – auch weil die Rekruten viel leisten müssen – anderen nordischen Staaten wie Dänemark als Vorbild. Im Land sind die schlechten Erfahrungen mit dem russischen Nachbarn allgegenwärtig. Im Winterkrieg, in dem zwischen 1939 und 1940 Tausende Finnen getötet wurden, überfiel die übermächtige Rote Armee das Land. Nach dem Fortsetzungskrieg musste Finnland der Sowjetunion Gebiete abtreten. Deswegen hielt das Land die Verteidigungsausgaben hoch und an der Wehrpflicht fest. „Wir wissen, wozu Russland fähig ist“, sagte Präsident Alexander Stubb dazu kürzlich im Gespräch mit der F.A.Z. Russlands DNA sei die Expansion, Finnlands DNA das Überleben, so Stubb. Derweil hat Stubbs Amtsvorgänger Sauli Niinistö die Europäer dazu aufgerufen, mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin zu sprechen. Russland wolle die Sicherheitsarchitektur Europas grundlegend ändern. Wenn sich die Europäer nicht in die Diskussion einmischten, liefen sie Gefahr, überrollt zu werden, sagte Niinistö dem Dänischen Radio. Wenn die Europäer wollten, dass keine Entscheidungen über die Ukraine oder Europa getroffen werden könnten, ohne dass sie selbst mit am Verhandlungstisch sitzen, so erfordere das einen direkten Kontakt mit Moskau, sagte Niinistö. Er war von 2012 bis 2024 Präsident Finnlands und gilt als Kenner Wladimir Putins.
