FAZ 06.12.2025
13:50 Uhr

Finale in der Formel 1: Max Verstappen riskiert alles


Trotz einer spektakulären Aufholjagd ist Max Verstappens Rückstand hinter Lando Norris auch vor dem letzten Rennen der Saison noch groß. Trotzdem rechnen alle mit einer guten Chance. Warum?

Finale in der Formel 1: Max Verstappen riskiert alles

Formel-1-Chef Stefano Domenicali freut sich. Sein Geschäft läuft wie geschmiert. Für das laufende Jahr darf er nach dem dritten Quartalsbericht mit einer Umsatzsteigerung von neun Prozent rechnen. Und jetzt bekommt seine Roadshow auch noch ein würdiges Finale in Abu Dhabi. Drei Fahrer streiten sich um den WM-Titel. Lando Norris (McLaren) führt die Fahrerwertung vor dem Finale am Sonntag (14 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) mit zwölf Punkten Vorsprung vor Max Verstappen (Red Bull) an. Dritter ist Oscar Piastri im zweiten McLaren mit 16 Punkten Rückstand. So einen Showdown mit einem Trio gab es in der sechsundsiebzigjährigen Geschichte der Formel 1 erst zehnmal. Zuletzt gewann dreimal jeweils der Außenseiter. Die Historie spricht also für Piastri. Die Wahrscheinlichkeit für seinen Teamkollegen Norris, der nur Dritter werden muss. Für Max Verstappen spricht die Psyche. Dem Titelverteidiger ist nach seinem Heimrennen in Zandvoort Ende August eine Aufholjagd gelungen, die er bei 104 Punkten Rückstand begann. Zuletzt half McLaren kräftig mit, den Niederländer im Rennen zu halten. Ohne die Disqualifikationen in Las Vegas und den kapitalen Strategiefehler in Qatar am vergangenen Sonntag wären jetzt die McLaren-Fahrer im Titelrennen unter sich. Norris würde mit zwölf Punkten Vorsprung vor Piastri in das Finale gehen. Allein Verstappens Präsenz treibt die Gegner zu Fehlern Doch Verstappen ist noch da. Und er geistert in den Köpfen seiner Gegner herum, treibt sie allein durch seine Präsenz in Fehler. McLarens Teamführung wirkt zu passiv, statt das Heft in die Hand zu nehmen wie Verstappen und seine Ingenieure. Doch das sind nur die weichen Fakten. Auf dem Papier hält McLaren die Trumpfkarten in der Hand. Norris und Piastri sitzen im besseren Auto. Der Mercedes MCL39 ist ein Alleskönner, der nur in Montreal, Monza, Baku und Singapur nicht siegfähig war. Red Bull hat seinen RB21 verbessert, doch der Bolide fällt mit einem teils tückischen Fahrverhalten auf, wenn sich die Bedingungen ändern. In Singapur, Mexiko, Brasilien und Qatar dauerte es zu lange, bis die Ingenieure eine Fahrzeugabstimmung ausgetüftelt hatten, die Verstappen ein Auto in die Hand gaben, mit dem er aus eigener Kraft gewinnen konnte. Man muss mit Prognosen in diesem Jahr vorsichtig sein. Bei den knappen Abständen wurden sie oft genug auf den Kopf gestellt. Auch Experten täuschten sich. McLarens Teamchef Andrea Stella schätzte Red Bull in Qatar stärker ein als seine eigenen Autos. Es war umgekehrt. Dafür sah der Italiener McLaren für das Streckenlayout des Yas Marina Circuit in Abu Dhabi besser gerüstet. Im vergangenen Jahr besetzten seine Fahrer die erste Startreihe, Norris gewann souverän. Die „Papaya-Regeln“ bremsen McLaren aus Dass McLaren mit zwei Fahrern gegen einen antritt, ist eigentlich ein Vorteil. Doch der britische Rennstall stellt sich mit seinem teils übertrieben wirkenden Fair Play den Piloten gegenüber manchmal selbst ein Bein. Unterschiedliche Strategien verbieten sich, auch wenn es die Rennsituation manchmal erfordert. Sie könnte dem Verlierer im internen Duell das Gefühl geben, das Team bevorzuge den anderen. Stella beteuert zwar, dass die selbst gewählte Gleichbehandlung nicht der Grund für den Strategiefehler in Qatar war, doch ganz schlüssig ist das nicht. McLaren hätte mit Norris auf den Boxenstopp von Verstappen reagieren und den Schaden wenigstens begrenzen können. Man sah davon ab, weil man so Piastri nicht nur den Sieg, sondern auch seine Titelchance genommen hätte. Die „Papaya-Regeln“ haben McLaren vor allem in Monza ausgebremst. Dort musste Piastri auf Anordnung des Teams seinen zweiten Platz an Norris zurückgeben, weil die Strategen die Boxenstopp-Reihenfolge zum Nutzen des Australiers geändert hatten. Doch Norris fiel nicht deswegen hinter seinen Teamkollegen, sondern weil bei ihm der Reifenwechsel zu lange gedauert hatte. Piastri gehorchte, glaubte aber fortan, seinem Team nicht mehr trauen zu können, zumal ihm ein Platztausch beim folgenden Rennen verwehrt wurde. Norris hatte sich in Singapur mit Feindkontakt an ihm vorbeigeboxt. Piastri erlebte in dieser Phase ein Formtief, das er erst in Qatar überwand. Sonst wäre er längst Weltmeister. Verstappen muss sich um solche Gedankenspiele nicht kümmern. Bei Red Bull dreht sich alles um ihn. Der Teamkollege hat im Training bei Bedarf alternative Fahrzeugabstimmungen zu testen, um mehr Informationen für den Chefpiloten zu sammeln. Yuki Tsunoda ist allerdings auch nicht in der Lage, Verstappen im Kampf gegen McLaren zu helfen. Als der Japaner in Qatar drohte, er wisse, was zu tun sei, wenn er zwischen Verstappen und den McLaren liege, erntete er ein mitleidiges Lächeln der Journalisten. „Es wäre verrückt, das nicht zu tun“ Für Verstappen sprechen seine Erfolge, vier WM-Titel. Seine Gegner müssen sich den großen Traum erst noch erfüllen. Auch die Grundeinstellung der beiden Teams favorisiert den Titelverteidiger. Red Bull geht wie sein Pilot in allen Bereichen bewusst ins Risiko, liegt damit mehr richtig als falsch. Man agiert aggressiv und fordernd. McLaren tritt leise auf, zählt zu den Zauderern, die lieber mal kompliziert denken statt geradeaus. Das trifft vor allem auf die Denker am Kommandostand zu. Der Blackout von Qatar bremste die Strategen nicht zum ersten Mal. Auch in Suzuka, Imola, Spielberg und Budapest hätte McLaren geschickter taktieren können. Für das Finale sind die Verhältnisse vorerst geklärt, kündigt Stella an: „Oscar und Lando dürfen frei fahren. Solange sie beide noch Chancen auf den Titel haben.“ Auf Nachfrage, ob er bereit wäre, sich schon vorher in den Dienst seines Stallrivalen zu stellen, hatte Piastri mit einem entschiedenen Nein geantwortet. Doch es kann in Abu Dhabi der Moment kommen, an dem er nicht mehr ablehnen kann. Wenn Norris eine Runde vor Schluss hinter Piastri Vierter sein würde, dann wird der Australier mit einem Funkspruch rechnen müssen: „Wenn sich klar abzeichnet, dass der eine Fahrer eine Chance hat und der andere nicht, dann werden wir alles tun, um die Fahrer-WM zu gewinnen“, sagte McLarens Geschäftsführer Zak Brown: „Es wäre verrückt, das nicht zu tun.“