FAZ 23.01.2026
17:35 Uhr

Filmbrunch in München: „Wir wissen, was kommt, aber nie, was uns erwartet“


Beim Filmbrunch in München feiert der Bayerische Rundfunk seine „Tatort“-Helden Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl. Genau wie sie hören Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer in Wien auf. Der Abschied ist groß.

Filmbrunch in München: „Wir wissen, was kommt, aber nie, was uns erwartet“

Am Ende war es ein großer Moment: Etwa 200 Besucher des traditionellen Filmbrunchs des Bayerischen Rundfunks erhoben sich, um mit Standing Ovations den Schauspielern Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl minutenlang ihre Referenz zu erweisen. Bettina Ricklefs, beim BR verantwortlich für Spielfilm und Serie, hatte den beiden ein paar anrührende Sätze mit auf den weiteren Weg gegeben – nach 35 Jahren als Batic und Leitmayr mit über 2000 Drehtagen, und etwa 9000 Minuten Film –, „und wenn man es grob zusammenzählt, etwa 850 Millionen Zuschauern nur für die erste Ausstrahlung. Mit Mediathek knackt man locker die Milliarde. Das ist soviel wie die Bevölkerung von Brasilien, USA, Pakistan und Indonesien zusammen“, so Ricklefs. „Das Wiederkehrende entfaltet bei euch mit jedem Mal mehr Tiefe und Kraft. Wir wissen, was kommt, aber nie genau, was uns erwartet. Ihr habt über Jahrzehnte gezeigt, wie man relevant bleibt und seid euch dabei treu geblieben. Ihr habt dem Münchner Tatort eine Seele gegeben.“ Krassnitzer: „Das war berührend“ „Das war berührend“, sagte Harald Krassnitzer im Gespräch mit der F.A.Z.. „Das haben sie verdient. Wir haben nicht einmal die Hälfte der Zeit und der ,Tatort’-Filme im Vergleich zu den beiden. Trotzdem ist es eine gute Entscheidung, dass wir aufhören. Wir sind erleichtert und genießen das Gefühl, dass wir es gemacht haben. Das kann uns niemand mehr nehmen“, sagt Krassnitzer, der im Wiener „Tatort“ den Oberstleutnant Moritz Eisner spielt(e). „Wir müssen es aber nicht noch einmal als Bugwelle vor uns herschieben. Unser letzter ,Tatort’ wird im Oktober ausgestrahlt.“ Das ist ein Punkt, den auch die „Tatort“-Kollegin Adele Neuhauser (Majorin Bibi Fellner) herbeisehnt: „Ich freu mich wahnsinnig, wenn es dann vorbei ist“, sagt sie Dass die beiden gerade wieder vereint vor den Linsen der Fotografen stehen, ist dem BR geschuldet. Sie spielen unabhängig voneinander in Filmen mit, auf die man in Freimann so stolz ist, dass sie bei der Leistungsschau kurz vor der Verleihung des Bayerischen Filmpreises in Ausschnitten präsentiert werden. Neuhauser zu neuer Rolle: „Eine Frau, die sich fragt: War‘s das jetzt?“ Neuhauser hat wieder eine herausfordernde Rolle von Uli Brée auf den Leib geschneidert bekommen. Sie spielt eine verheiratete Frau, die von ihrem Mann nicht mehr begehrt wird und sich in einen Callboy verliebt – mit fatalen Folgen. „Endlich einmal eine Frau in meinem Alter an einem Punkt, den wir alle kennen die Endlichkeit vor Augen, die sich fragt: War‘s das jetzt? Und trotzdem noch so viel Liebe in sich trägt und sich das Recht, zu leben und zu lieben, herausnimmt.“ „Makellos – eine kurze Welle des Glücks“ zeigt Neuhauser am 11. März (ARD) an der Seite von Ulrich Noethen und Manuel Rubey. „Tatort“-Partner Krassnitzer spielt unterdessen mit der Ex-Franken-Kommissarin Dagmar Manzel und bildet mit August Zirner eine Ménage à trois, die auf „Jules und Jim“ rekurriert. „Das sind die Drei, 50 Jahre später“, sagt Krassnitzer. In „Der verlorene Mann“ (Kinostart 7. Mai) zeigt er vermutlich mehr schauspielerische Nuancen als in allen „Tatort“-Minuten zusammen. Mit einschneidenden Folgen: „Wir sind durch die Dreharbeiten richtige Freunde geworden“, sagt August Zirner. Das sind die Sportfreunde Stiller sowieso, die nach 30 Jahren im Rampenlicht inklusive Selbstfindungskrise den BR-Filmer Thorsten Berrar ganz nah an sich heranließen bei einer Doku zur Produktion ihres Comeback-Albums, die im Frühjahr in der ARD-Mediathek läuft. Ebenfalls anwesend beim BR-Filmbrunch war die neue Franken-„Tatort“-Ermittlerin Rosalie Thomass, die als Kommissarin Emilia Rathgeber von Dagmar Manzel den Platz an der Seite von Fabian Hinrichs erbt, den sie in „Gottesgarten“ (Herbst 2026) recht schnell auf Touren bringt. „Endlich darf ich Mia sein“ ist der Titel einer „Lebenslinie“ von Armin Toerkell über den beinharten Biker Sepp aus dem Bayerischen Wald, der sich Anfang 2023 gegenüber seinen Bikerfreunden outet über sein Wunschgeschlecht. „Da haben wir ein paar Bierle mehr nehmen müssen“ kommentieren das die Motorrad-Kumpels trocken. Neben einer eindrucksvollen Biografie über den späten Bowie war vor allem die Doku „Schach im Slum“ Thema beim Brunch. Jan Schmidt-Garre folgte dem nigerianischen Schachmeister Tunde Onakoya in die Slums von Lagos, wo er Kindern Schach beibringt und so einen Weg aus der persönlichen Misere weist. Gelacht wurde auch – über den neuen Eberhofer-Film „Steckerlfischfiasko“, und bei neuen Folgen von „Himmel, Herrgott Sakrament“, in denen Stephan Zinner als Pfarrer Hans Reiser eine Liaison mit einer alleinerziehenden Mutter beginnt. Der anarchische Witz stammt von Franz Xaver Bogner, der im Gespräch den Bayerischen Rundfunk preist: „Hier haben Menschen, die gegen den Strom schwimmen, eine dramaturgische Heimat. Hier konnte ich ein paar Jahrzehnte tun, was ich wollte.“ Diese Heimat ist aber bedroht, folgt man BR-Kulturchef Björn Wilhelm: „Im Moment sind die Verhältnisse besonders schwierig: Weiter steigende Produktionskosten, Fachkräftemangel, Marktkonsolidierung und viele offene Fragen. Und das in einer Gesellschaft, die auseinanderdriftet. Wir wissen alle, wie schwer es geworden ist, Programm für ein Publikum zu machen über alle Grenzen. Das ist aber unsere Aufgabe. Als Bayerischer Rundfunk müssen wir Verbindung schaffen und Austausch. Film kann das. Dazu brauche wir starke Kreative, denen es auch gut geht. Am Ende geht es um mehr als reine Wertschöpfung. Wir reden von Kulturgut. Die Filme leisten ihren Beitrag zum Funktionieren der Welt.“ Zu Ostern machen das Nemec und Wachtveitl als Batic und Leitmayr final in einer „Tatort“-Doppelfolge. Titel: „Unvergänglich“.