Als Friedrich Schiller 1803 in seinem Gedicht „An die Freunde“ von den Brettern schrieb, „die die Welt bedeuten“, war es damals auch schon üblich, von einem „Brett vor dem Kopf“ zu sprechen, wenn jemand ein wenig langsam von Begriff war? Geflügelte Worte und Redensarten drängen sich im Gehirn gern vor, und so könnte man eine erste Inhaltsgabe des Films „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Simon Verhoeven so formulieren: Ein junger Mann namens Joachim träumt von den Brettern, die die Welt bedeuten. Er hat aber noch ein Brett vor dem Kopf, denn er weiß weder genau, warum er sich für die Kunst des Schauspiels berufen fühlt, noch, wie er sich zu den Angeboten seiner Lehrer verhalten soll. Mit einer weiteren Redensart könnte man sagen: Er muss darauf warten, dass ihm der Knopf aufgeht. Oder der Kopf? Das Herz? Das Publikum, das sich für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ interessiert, wird in der Regel schon wissen, dass der Knopf aufgegangen ist. Denn der Film beruht auf dem gleichnamigen Buch von Joachim Meyerhoff, der ein sehr erfolgreicher Schauspieler geworden ist, mehr noch aber ein ungemein beliebter Autor, für den bei seinen Lesungen die großen Bühnen gebucht werden. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, steht für Meyerhoff oft einfach ein Tisch, ein Stuhl und eine Leselampe. In der Villa der Großeltern wäre Platz Wenn einer einmal so weit ist, hat sich eine Menge gut gefügt, und es macht Freude, sich an die Anfänge zu erinnern, als es noch völlig unklar war, was sich alles fügen sollte. Diese Geschichte kann man sich nun auch im Kino erzählen lassen. Der Weg des jungen Joachim beginnt mit einer Lücke, die das Schicksal reißt. Sein Bruder stirbt bei einem Verkehrsunfall, er muss nun allein in die Welt der Erwachsenen aufbrechen. Zu einer gewissen Verblüffung seiner Eltern (Devid Striesow spielt einen eher verspießerten Vater, Laura Tonke eine zugewandte Mutter, die aber auch ihre eigenen Umlaufbahnen hat) möchte Joachim sich an die Otto-Falckenberg-Schule („Fachakademie für darstellende Kunst“) in München bewerben. Der Gedanke erscheint abwegig, wird aber zumindest logistisch begünstigt durch den Umstand, dass Joachim in München zwei Großeltern hat, in deren Villa eigentlich noch Platz für ihn sein müsste. So kommt es zu einer denkwürdigen Wohngemeinschaft. Denn Inge Brinkmann (Senta Berger) und Hermann Krings (Michael Wittenborn) sind ein bestens schräg aufeinander eingespieltes Paar von Originalen, neben denen Joachim sich eigentlich nur konventionell vorkommen kann. Das beginnt schon morgens beim Synchrongurgeln, aus dem Inge und Hermann eine Art Balzritual mit dem gesegneten Tag machen, bevor dann mit Schampus der Gaumen für das Frühstück gelockert wird. Man könnte ein wenig über den berühmten Satz von Tolstoi nachdenken, dem zufolge alle glücklichen Familien einander ähneln, erst das Unglück schafft Eigenheit, vielleicht sogar Individualität. Joachim Meyerhoff legt es mit seiner Autobiographie nicht auf eine Konkurrenz mit „Anna Karenina“ an, aber er berührt auch einen wichtigen Topos über die Kunst: Es sind nämlich offensichtlich die Mischverhältnisse zwischen Glück und Unglück, aus denen Subjektivität entsteht, und in den Familien, diesen altmodischen Röhrenanlagen des Genpools, dampft und gluckert es wie einst in den naturwissenschaftlichen Experimenten in der Schule. Manchmal explodiert auch etwas. Von den Leiden des jüngeren Joachim wissen wir aus dem Film „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2023) von Sonja Heiss, aus dem Laura Tonke und Devid Striesow auch wieder dabei sind, während die Münchner Großeltern erst jetzt ihren Auftritt haben. Glück und Unglück bekommen dadurch auch einen Hauch von „Buddenbrooks“-Epik: Es sieht viel danach aus, als wäre erst durch die Objektwahl von Joachims Mutter das Unglück in die Familie gekommen – ihre Entscheidung für einen tendenziell trübsinnigen Psychologen kann aber durchaus auch als eine Abkehr von den exaltierten Eltern gesehen werden. Allianz zwischen Autorenkino und Kulturindustrie? In „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gibt es eine Szene, in der Devid Striesow als Vater einen Annäherungsversuch an seinen zu diesem Zeitpunkt immer noch weitgehend unbedarften Sohn unternimmt, bewaffnet nur mit einer halb vollen Sektflöte, die zugleich auch eine Behinderung darstellt, denn das Glas ist ja die ganze Zeit im Weg. Es ist ein komplett nebensächlicher Moment, aber er zeigt, dass auch in einem im Grunde harmlosen Mainstream-Film die einfachsten Mittel der Komödie immer noch bestens funktionieren. Und Striesow hat mittlerweile ein beachtliches Register an Rollen, in denen er die (männlichen, restpatriarchalen, teilemanzipierten) Unbehaglichkeiten der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft seit 1968 in verschiedenen generationellen Schichten durchgearbeitet hat. Man sieht an solchen Kleinigkeiten vielleicht auch etwas von dem interessanten Mischverhältnis, dem diese Produktion entstammt. Die Berliner Komplizen Film, die Firma von Maren Ade („Toni Erdmann“) und Janine Jackowski, hat sich mit dem Unterhaltungskonzern Warner Bros. zusammengetan. Systemlogisch wäre das eine Allianz zwischen Autorenkino und Kulturindustrie, aber man muss diese Konzepte nicht überstrapazieren: Es reicht, dass Simon Verhoeven, der Regisseur gefälliger Gesellschaftskomödien wie „Willkommen bei den Hartmanns“, durch Meyerhoffs Sensibilität ein paar Schritte näher an jene Nuancen heranfindet, die das deutsche kommerzielle Kino im Prozess seiner Professionalisierung oft vergessen hat. Es gibt inzwischen sehr kompetente Rom-Coms (Romantische Komödien) aus München, Berlin oder Hamburg. Und Sönke Wortmann (demnächst: „Die Ältern“) hat eine eigene Marke daraus gemacht, die Bestsellerlisten für seine Kinoschmöker zu plündern, die in leichtem Ton und mit vielen Stars einen Common Sense beschwören, der halt dann doch oft ins Banale kippt. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ schützt sich schon mit seinem Titel vor einer zu eindimensionalen Adaption. Wer ein Zitat aus dem „Werther“ auf ein Buch schreibt, begibt sich ja in ebenjene Sprachwelten, in denen Bretter „die Welt bedeuten“ konnten. Das Theater ist eine dieser Welten, in der die Zitate und geflügelten Worte noch in Zusammenhängen stehen sollen. Bei Meyerhoff aber ist die Formulierung schon einsam, und damit beginnt sie komisch zu werden. Der junge Joachim kommt mit „Dantons Tod“ zum Vorsprechen, er scheitert profund, auch bei einer Improvisation. Er wird trotzdem genommen und gerät in eine Welt, in der Figuren wie der Werther noch für voll genommen werden – jedenfalls von den Ehrgeizigen in seiner Klasse, die sich auf jede Aufgabe enthusiastisch einlassen. Nicht einmal Eitelkeit ist zu bemerken Joachim aber weiß eigentlich nicht so wirklich, was er an der Schule tut. Er will Schauspieler werden, aber warum, wofür, zu welchem Ende, das könnte er nicht sagen – und auch noch nicht spielen. Nicht einmal Eitelkeit, das naheliegendste aller Motive, kann man an ihm bemerken. Bruno Alexander spielt den jungen Mann als ein Rätsel für sich selbst, und just in einem entscheidenden Moment, als er sogar eine Chance mit einer Filmrolle bekommt, wirft er das Handtuch: Er lässt seine blonden Locken wegschneiden und kommt mit Stoppelkopf zum Dreh. Zum Glück handelt es sich um einen historischen Film, in dem er mit Perücke ohnehin besser aussieht. Es handelt sich um eine Adaption von „Die Leiden des jungen Werther“, und zwar um eine dezidiert altmodische, von einem alten Meister, den Friedrich von Thun mit Gusto als Genie-Karikatur spielt. Die sehr harte Enttäuschung, die Joachim in diesem Kontext erlebt, steht dann schon im Zeichen des nicht mehr ganz so fest sitzenden Bretts. Lange war Joachim wie vernagelt, nur der Aikido-Trainer sah schließlich noch Potential in ihm, doch als es wirklich zu spät ist, regt sich die Begabung, die immer schon da war. Joachim Meyerhoff wurde zu einem erfolgreichen Autor, weil er scharfe Beobachtung nicht nur in Spiel, sondern auch in Worte übertragen konnte. Das Beispiel der Großeltern, die aus allem eine Inszenierung machen, war vielleicht entscheidend für die Hemmung, die aus dem Falckenberg-Schüler mehr als nur einen fähigen Bühnendarsteller machte. Mit Simon Verhoeven hat die Regie bei der Verfilmung nun jemand übernommen, der mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ in seine eigene Familienaufstellung eintritt. Senta Berger ist seine Mutter, sein Vater Michael war auch Regisseur. So kann man nun an zwei Beispielen, an dem Erzähler und an dem Regisseur, darüber nachdenken, ob man sich als Kind eher stabile oder aufregende Eltern wünschen sollte – und in Reaktion darauf die entsprechenden Großeltern. Es ist vielleicht die fundamentale Ironie der menschlichen Existenz, dass sie über diesen Wunsch noch nachdenkt, wo seine Erfüllung oder Enttäuschung doch immer schon vorgestreckt war. Von dieser Ironie weiß „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ auch als Film noch eine Menge.
