Ein einzelner Apfel musste im Irak in den Jahren nach 1990 oft für ein ganzes Mittagessen herhalten. Das Land stand unter Sanktionen durch die Vereinten Nationen, nachdem der Diktator Saddam Hussein das benachbarte Kuwait angegriffen hatte. Lebensmittel wurden knapp, die Bevölkerung verarmte, nur für den Herrscher blieben die Tische selbstverständlich niemals leer. Und auch für die Maler von Porträts gingen die Aufträge nie aus, denn ein Bild von Saddam hing an jeder Wand. Für die kleine Lamia, die in dem Film „Ein Kuchen für den Präsidenten“ mit einem Apfel in der Schultasche zum Unterricht kommt, beginnt der Tag mit einer Durchsuchung: Der Lehrer greift sich einfach ihr Mittagessen. Und als Lamia dann mit den Gleichaltrigen in der Klasse sitzt, erlebt sie eine negative Verlosung. Es gibt nichts zu gewinnen, zugeteilt werden Aufgaben. Die schwierigste davon: einen Kuchen zum 50. Geburtstag von Saddam Hussein zu backen. Normalerweise wäre das keine große Sache, doch in einem Land, in dem Mehl, Eier, Zucker schwer zu bekommen sind, wird daraus eine riesige Herausforderung. Zumal Lamia mit ihrer Großmutter Bibi nicht in einer Stadt lebt, wo man eben einmal um die Ecke in einen Laden geht. Sie sind im Marschland im Süden des Zweistromlands daheim, wo Euphrat und Tigris sich in labyrinthisch verzweigten Wasserläufen in den Persischen Golf verströmen. Lamia paddelt mit dem Kanu zur Schule, und wohnt in einem Haus aus Schilf. Für den Regisseur Hasan Hadi, der selbst aus dieser Gegend stammt, ergibt sich daraus ein attraktiver Schauplatz für einen der raren Filme aus dem Irak. Hadi ist alt genug, um sich an diese Jahre der Isolation zu erinnern, mehr als ein Jahrzehnt vor dem Krieg, den George W. Bush im Jahr 2004 begann, der schließlich zum Fall von Saddam Hussein führte und die Geopolitik fundamental veränderte. Das Mädchen Lamia kann man als die Stellvertreterin des Regisseurs in der Erzählung sehen, mit dem gleichaltrigen Said gibt es auch noch einen Gefährten auf der Odyssee, die mit einer Fahrt in die nächste Stadt beginnt. Dort wird Lamia bald von ihrer Großmutter getrennt, auf einem Rummel findet sie Said, der seine kindliche Verliebtheit in die Heldin möglichst praktisch formuliert: „Sind wir jetzt ein Team?“ Das Team macht Erfahrungen mit dem Alltag im Irak unter dem allgegenwärtigen Präsidenten. Nicht alle der Erlebnisse sind für Lamia und Said in allen ihren Implikationen zu durchschauen, sie werden zum Beispiel nur ahnen, was es mit dem dicken Ladenbesitzer auf sich hat, der in Unterwäsche aus einem Hinterzimmer gelaufen kommt und nach einem Rettungswagen ruft. Bei einer sexuellen Gefälligkeit, die ihm eine schwangere Frau gegen Lebensmittel eingeräumt hat („eine halbe Stunde!“), hat er sich anscheinend so rücksichtslos angestellt, dass die Geburt nun schon im Gang ist und die Frau dringend in ein Krankenhaus muss. Auch der höfliche, schlanke Herr, der Lamia Zucker in Aussicht stellt, ihr aber vorher unbedingt noch etwas zeigen möchte, wird ihr nur ein vages Unbehagen bereiten – dass er sie nicht einfach in ein Kino führt, sondern in ein (für die Verhältnisse eines muslimischen Landes sehr explizites) Sexkino, durchschaut sie gerade so weit, dass sie sich in einem unbemerkten Moment davonstiehlt. An Kleinigkeiten dieser Art kann ein geübtes Publikum erkennen, was für ein Regime Saddam Hussein in etwa führte – er war ja kein religiöser Fundamentalist, sondern ein Autokrat, der aus panarabischen Traditionen kam, die auch zu einem moderneren Staat hätten führen können. Hasan Hadi zeigt an den Erlebnissen seiner kleinen Helden eine Gesellschaft, in der es Bereitschaft gibt, einander zu helfen, in der aber auch viele Menschen, die ein Amt innehaben oder eine Funktion bekleiden, nicht viel für die Hilfesuchenden übrig haben, die sich wortreich an sie wenden. „Bauerngesindel“ ist dann eine geläufige Beschimpfung, ein Signalwort in einer Modernisierungsdiktatur, die mit der Modernisierung nur bis zu großzügiger Zuteilung von Schreibtischposten für Willfährige gekommen war. Hasan Hadi hat in den Vereinigten Staaten Film studiert, inzwischen lebt er wieder in Bagdad. Er setzt mit „Ein Kuchen für den Präsidenten“ bei einer universalen Formel an, die gerade auch in Zensurkontexten (zu denen der heutige Irak nicht im allerstrengsten Sinn zu zählen ist) oft gut funktioniert hat. Mit der Entscheidung für eine Perspektive von Kindern kann ein Erzähler vielen Problemen aus dem Weg gehen, um sie aus einer gleichsam naiven Warte einem erwachsenen Publikum dann doch näherzubringen. Abbas Kiarostami hat mit seinen iranischen Filmen diese Kunst zu großer Meisterschaft gebracht, sein Drehbuch für Jafar Panahis „Der weiße Ballon“ kann auch als Inspiration für Hasan Hadi genommen werden. Und es ist sicher kein Zufall, dass der andere aktuelle Film aus dem Irak, „Irkalla: Gilgameschs Traum“ von Mohamed Al-Djaradi, ebenfalls unmündige Protagonisten hat: Straßenkinder in Bagdad, die dort sehr deutlich als die Waisen der Generation des „Islamischen Staats“ und seiner Opfer gezeigt werden. In beiden Fällen fallen auch Ähnlichkeiten der Schauplätze auf: Zum Wasser zieht es das irakische Kino nicht zuletzt wegen der Gilgamesch-Mythologie, auf die auch Hasan Hadi anspielt. Der europäische Neorealismus nach dem Zweiten Weltkrieg ist der allgemeinere Bezugsrahmen für „Ein Kuchen für den Präsidenten“. Italien oder Deutschland, besiegte Mächte, mussten damals das Leben ganz vor vorn wieder neu lernen, und der Neorealismus war das Kino dieser ersten Schritte. Für den Irak stellt „Ein Kuchen für den Präsidenten“ eine Art Rückprojektion dar. Die Generation, die nun in einem Alter ist, in dem sie Verantwortung für Staat und Kultur trägt, vergewissert sich ihrer Maßstäbe, indem sie an eine Zeit erinnert, in der die einfachen Menschen zwischen den Bomben der Amerikaner (im Zweiten Golfkrieg) und dem Allmachtswahn ihres Herrschers nur geringe Spielräume für Humanität hatten. Lamia und Said erkunden diese Spielräume mit dem ganzen Ernst, den eine schon halb verlorene Kindheit gebietet.
