Der Kurzroman „Zwei Staatsanwälte“ des sowjetrussischen Physikers und langjährigen Lagerinsassen Georgi Demidow (1908 bis 1987) gelangte nur durch glückliche Zufälle in den goldenen Schatz der russischen Lagerliteratur. Der Text wurde mit Demidows Gesamtwerk 1980 vom sowjetischen Geheimdienst KGB konfisziert, dank der Bemühungen von dessen Tochter während der Perestroika zurückgegeben, aber erst 2009 in Russland publiziert. Er vergegenwärtigt das Drama des stalinistischen Großen Terrors um 1937 mit einem distanzierten Blick, in dem man den Naturwissenschaftler Demidow zu erkennen meint, als Engführung der kontrastierenden Porträts zweier Systemträger von damals, eines jungen Rechtsidealisten und des berüchtigten Staatshenkers Andrej Wyschinski. Diese an eine Versuchsanordnung erinnernde Struktur hat möglicherweise den ukrainischen Filmregisseur Sergei Loznitsa, selbst ein diplomierter Ingenieur, zu der rabenschwarzen Spielfilmtragikomödie inspiriert, die er mit russischen Exilstars an Schauplätzen in Lettland gedreht hat und deren deutsch untertitelte russische Originalversion nun in ausgesuchten hiesigen Filmtheatern gezeigt wird, bevor im Februar kommenden Jahres eine synchronisierte Fassung für ein breiteres Publikum folgt. Provinzgefängnis als klaustrophobischer Symbolort Loznitsa macht das Provinzgefängnis, in dem die durch die Säuberungen beschleunigte Karriere des Nachwuchsjuristen Alexander Kornjew beginnt und endet, zum klaustrophobischen Symbolort und verlegt die im Buch namentlich nicht genannte Region wie aus aktuellem Anlass ins an der ukrainischen Grenze gelegene Brjansk. Das angespannte Gesicht mit der gebrochenen Nase und die alarmierten Augen des dreiunddreißig Jahre alten Schauspielers Alexander Kusnezow, der Kornjew verkörpert, werden zum Spiegel jugendlicher Humanität während seiner zwei Stunden langen Odyssee durch eine Kafka-Welt, in der nichts ist, was es zu sein vorgibt – mit Ausnahme der entkräftet durch den Gefängnishof schlurfenden Häftlinge, von denen einer eine Sackladung verzweifelter Klagebriefe von Mitinsassen verbrennen muss, und verhärmter Frauen, die stumm am Lagertor warten. Loznitsa zeigt sie in quasi-dokumentarischen, tiefenscharf alle bleiernen Grautöne auskostenden Standbildtotalen. Der gerade erst diplomierte Kornjew, der im Film mehrfach als „Student“ bespöttelt wird, wagt, als ihn durch ein Wunder ein mit Blut geschriebener Brief eines Häftlings erreicht, für das kodifizierte Recht einzutreten. Zumal der Absender des Briefs, den er trotz zähen Widerstands der Gefängnisleitung, eskortiert von steingesichtigen Wärtern in dessen elender Zelle aufsucht, ein betagter Juraprofessor ist, der an Kornjews Alma Mater lehrte – und wie der junge Mann selbst ein glühend gläubiger Bolschewik. Der charismatische einundachtzigjährige Alexander Filippenko spielt, dabei oft ukrainische Vokabeln einflechtend, diesen körperlich zerstörten, aber moralisch ungebrochenen betagten Häftling, der seinem jungen Adepten rät, wegen der NKWD-„Sabotage“ in Brjansk die Moskauer Zentrale zu alarmieren. Freilich versucht auch der joviale Gefängnisdirektor (Vytautas Kaniusonis) in einer Anwandlung väterlicher Fürsorge, den jungen Kollegen durch vorsichtige Andeutungen – auf das Schicksal seines offenbar weggesäuberten Vorgängers beziehungsweise eine „Infektionsgefahr“ durch den Delinquenten – zur Vernunft zu bringen, aber ohne Erfolg. Und als im Zug nach Moskau in einer von Nikolai Gogol inspirierten Burleske ein Bürgerkriegsinvalide (brillant auch in dieser Rolle: Filippenko) eine symbolische Moritat darüber zum Besten gibt, dass Lenin persönlich ihm Hilfe versprochen habe, dann aber verschwunden sei, schläft der Sympathieträger an der Schlüsselstelle ein. Die Zentralbehörde von Stalins Strafverfolgung inszeniert Loznitsa im Treppenhaus eines Art-déco-Palais als geschäftige Choreographie wohlgekleideter Funktionäre und geschmeidiger Beschatter, durch die der unbeirrte Provinzjurist sich hindurchkämpft bis zum sowjetischen Chefankläger Wyschinski persönlich. Anatoli Belyj, den die russische Justiz infolge seines Engagements gegen die Ukraine-Invasion als „Ausländischen Agenten“ stigmatisiert hat, verkörpert diesen wegen seiner menschewistischen Vergangenheit umso gnadenloseren Massenvernichter in der zentralen Begegnungsszene als Machtmenschen im Abwehrmodus. Unter einer Stalinbüste mit Leninikone thronend quittiert er den Horrorbericht des jungen Kollegen mit dem Hinweis auf die Sonderrechte des NKWD, gegen dessen Mitarbeiter nur mit Zustimmung der Leitung ermittelt werden dürfe, tadelt schmallippig seine mangelnde juristische Vorsicht – und schickt ihn, mit dem vorgeblichen Auftrag, einen Bericht an ihn aufzusetzen, mit einem behördlichen Zugticket nach Hause. Man verfolgt in dem zwingend gebauten Film gebannt, wie der Held gegen alle Widerstände und Wahrscheinlichkeiten zum Kern der Repressionsmaschine vordringt, und dann doch nicht versteht, wie allumfassend sie ist. Das Zugabteil bei der Rückreise nach Brjansk teilt er mit zwei vergnügten Anzugträgern (bedrohlich skurril: Dmitri Denisiuk und Valentin Novopolski), die sich als „Liquidatoren“ vorstellen, abkommandiert zur Pannenbehebung in einem Brjansker Betrieb. Gastfreundlich bewirtet das Duo seinen Mitpassagier mit Wurstbrot und Wodka, verwickelt ihn jedoch sogleich in eine Diskussion über die angeblich allgegenwärtige Sabotage, wobei die munteren Problemlöser dafür votieren, Volksfeinde vorbeugend zu vernichten, noch bevor sie ihre Verbrechen begangen hätten. Als der Zugschaffner für sie sogar eine Gitarre herbeizaubert, stimmen sie schließlich ein in jener Zeit bekanntes Lied an, das der junge Dmitri Schostakowitsch für einen Propagandafilm über die Planübererfüllung schrieb. Ein, da die beiden mit ihrem frechen Habitus NKWD-Agenten sein müssen, unheilvolles Omen. Kornjew aber verschläft seine letzte Nacht in Freiheit – und erkennt erst in den letzten Filmsekunden, wer seine Mitreisenden sind, und was der Generalstaatsanwalt Andrej Wyschinski in der Hauptstadt wirklich angeordnet hat.
