Menschen sind dermaßen oft (und berechtigt) missvergnügt oder niedergeschlagen, dass selbst ein Riesenrudel flauschigster Therapietiere nicht dagegen ankuscheln könnte. Diejenigen Angehörigen unserer Spezies jedoch, die den Trickfilm „Zoomania“ seit seinem ersten Kinolauf im Jahr 2016 ein- oder dreitausendmal gesehen haben (er hält sich in höheren Quantitäten nicht nur glänzend, sondern wird bei jedem Wiedersehen besser), werden sogar im Zustand vollständiger Hoffnungslosigkeit jetzt die Gelegenheit wahrnehmen, sich die Fortsetzung „Zoomania 2“ von Jared Bush und Byron Howard zeigen zu lassen, um erneut Zeit mit den lebenden Gemütsaufhellern zu verbringen, die sie aus Teil Eins kennen – mit Leuten wie dem vollschlanken Geparden und Bummelpolizisten Benjamin Clawhauser zum Beispiel, oder seinem Vorgesetzten, dem Kaffernbüffel Chief Bogo, oder dem Mafiaboss Mr. Big, einer arktischen Spitzmaus mit Augenbrauen von Scorsese (links) und Theo Waigel (rechts), sowie natürlich mit dem Faultier Flash, dessen Reiz hier zu erklären wie fast alles, was Flash sagt oder tut, viel… zu… laaaaaaaangeee... daaaauern… wüüürde. Sie alle leben in Zootopia, einer Fabelmetropole aus mehreren jeweils artgerechten Klimazonen, getrennt durch stabilisierende Wetterwände, regiert von einer gewählten Administrative (Löwe, Schaf, Pferd, je nach politischer Stimmung) und meist friedlich, ganz wie bei dem deutschen Dichter Peter Hacks: „Tiere, muss man wissen, sind arbeitsam, tapfer, heimatliebend und überhaupt stets besten Willens. Das Unglück ist nur, dass sie es sich nicht merken können.“ Wenn dieses Unglück durchschlägt, muss die Ordnung wiederhergestellt werden, was in beiden „Zoomania“-Filmen die Häsin Judy Hopps (erst Landei, dann Ermittlerin) und der Fuchs Nick Wilde (erst Gauner, dann Gesetzeshüter) besorgen. Wie in allen Gesellschaften, in denen Hierarchiebeziehungen existieren, kommt es da zu Fällen, bei denen der Tauschwert einer solchen Beziehung ihren Flauschwert verschlingt. Aber dann reicht in Zootopia meistens der Hinweis, den ein Tierchen seinem Co-Tierchen ziemlich zu Anfang von „Zoomania 2“ zuruft, als ein Schlüssel nicht passen will: „Jiggle it! Jiggle it!“ Also: ein bisschen ruckeln, fummeln, schummeln. Korruption reicht bis in die höchsten Etagen Größere Missstände sind von dieser Lebensweisheit nicht vorgesehen – bis im neuen Film einer Schlange namens Gary De’Snake auftaucht, die etwas mitzuteilen hat, das den kindlichen Rahmen der Veranstaltung zu sprengen droht: Das Märchenland hat mit einigen wirklichen Gemeinwesen gemein, dass seine Ursprungserzählung ein Mythos ist, der ein Gründungsverbrechen verschleiern soll. Die offiziellen Erfinder der Wetterwälle haben diese Technik nämlich in Wirklichkeit anderen gestohlen und diese vertrieben. Die Korruption reicht bis in die höchsten Etagen, selbst hinter dem obersten Amt in Zootopia steht in Wahrheit ein Oligarch. Was machen Judy und Nick da? Sie könnten jammern. Aber stattdessen dringen sie ins Gewebe des Bösen vor und greifen es von innen an – „Entrismus“ heißt sowas politisch, es ist die Form der Gesellschaftskritik, die nicht quengelt, sondern schlängelt. Das sieht lustig aus und ist lehrreich; unterwegs kriegt man so viele neue feine Viecher vorgestellt, dass man die Nebenlieblinge aus dem Ur-Film fast vergisst, was die Freude natürlich um so größer macht, wenn sie dann jeweils auftauchen. Eine filmhistorisch unsterbliche Liebe Zu den neuen Irren gehören neben Gary mit dem krummen Biss und den traurig-hoffnungsvollen Augen diverse Wasserpruster, ein gerissenes Reptil unterm breitkrempigen Hut, ein bestechlicher Ameisenbär und ein Podcast-Biber namens Nibbles Maplestick, dessen hyperpatente Aufklärungsarbeit eine Frage beantwortet, von der vor dieser Antwort niemand gewusst hat, dass sie sich überhaupt stellen lässt: „Was wäre, wenn der Verschwörungsspinner Alex Jones putzig und wahrheitsliebend wäre statt ein garstiger Vollfascho?“ Mehr als im ersten Film geht es diesmal allerdings mitten in dem ganzen gesellschaftspolitischen Remmidemmi im Kern um das kleinstmögliche Modell einer Gesellschaft, in der Leute verschieden, aber einander gleich wertvoll sein können: eine Liebe; die filmhistorisch schon jetzt absehbar unsterbliche von Judy und Nick nämlich. Die Häsin ist niedlich, der Fuchs abgebrüht, aber weil Judys Niedlichkeit dem Krach von Zootopia nicht schutzlos, sondern gewappnet mit Gemeinsinn entgegentritt, kann Nick diese Niedlichkeit nicht als Unbedarftheit abtun und erliegt ihr nach ein, zwei Runden ironischer Gegenwehr restlos. Die fürs jüngste Publikum ausreichend als Freundschaft deutbare, in Wahrheit schwindelerregend tiefe Liebe zwischen den beiden Figuren trägt den zweiten Film noch sicherer als den ersten. Die Heldin und der Held können sie sich, Peter Hacks zum Trotz, offenbar doch merken, selbst in Orkanen der Ablenkung. Nun ist ein unzureichendes Gedächtnis tatsächlich eine auf Erden weit verbreitete Naturstrafe, steht aber der Errichtung künstlicher Dämme gegen sonstige Naturübel nicht grundsätzlich entgegen – beim Biber können wir das wörtlich nehmen, weniger nagestarke Tiere helfen sich anders, „die Bewohner der Löcher und Nester, der Bäume und Sümpfe“, von denen Grandville in seinen Untersuchungen aus dem Staats- und Familienleben der Tiere schreibt, sind auf je eigene Art erfinderisch. Wichtig unter gedächtnisgeschwächten Bedingungen ist bloß, dass den je aktuellen Informationsfluss nichts hindert. Bei Grandville geben Enten eine Zeitung heraus; vor Gericht kriegen sie „einen besonderen Platz, von dem aus sie freilich das, was vorging, weder gut sehen noch hören konnten. Man glaubte wahrscheinlich, dass sie so gut wie die Journalisten unter den Menschen Berichte über das erstatten könnten, was sie nicht gesehen und gehört, und über Dinge zu schreiben vermöchten, die sie nicht verstehen.“ Das Wahre wird tatsächlich von neueren und neuesten Medien oft nicht gesammelt und verbreitet, sondern mit Quatsch vermischt (willkommen im KI-Modus). Der böse Witz daran ist, dass wir uns diese Sorte Vergesslichkeit nicht in der Natur zugezogen haben, sondern sie mit viel Geschick (und unter großen Ausgaben) selbst erzeugen. Wenngleich aber Fuchs und Häsin uns da aller Voraussicht nach auch nicht demnächst raushauen werden, so können sie uns doch, diese Trost findet sich in den „Zoomania“-Filmen mühelos, immerhin sehr nett Gute Nacht sagen.
