Erinnerungen müssen dichter als Wasser sein, aber ähnlich flüssig, wenn es nach Kristen Stewart geht. Ihr Regiedebüt „The Chronology of Water“ beginnt mit einem Bilderstrom: ein roter Badeanzug, ein Körper gleitet im Sprung ins Becken, Blut vermischt sich unter der Dusche mit klarem Wasser, strudelt in den Abfluss. Nein, sagt die Frau, die diese Geschichte erzählt: „So erinnere ich das nicht.“ Was wir Gedächtnis nennen, sei nichts anderes als eine chaotische Masse. Erinnerungen kristallisieren sich erst heraus, wenn man daraus eine Geschichte macht. Wie also setzt man sein eigenes Leben zu so einer Geschichte zusammen? Lidia Yuknavitch, an deren gleichnamigem autobiographischem Roman sich Stewarts Film orientiert, fängt ihre Geschichte mit der Totgeburt ihrer Tochter an – ein Bewusstseinsstrom aus Schmerz und Leid, bei dem die Zeitebenen springen wie die Nadel auf einem Kratzer im Vinyl. In Form von Netzhautblitzen erinnere sie Dinge, schreibt Yuknavitch gleich zu Beginn ihres Romans. Stewart geht das Wagnis ein, diese Idee auf die Leinwand zu übersetzen. Wie ein Blinzeln schieben sich immer wieder Erinnerungsfetzen in den Erzählfluss, deuten Vergangenes an, ordnen Gegenwärtiges ein. Manchmal, wenn sich der Lebensweg bei großen Entscheidungen an einer Kreuzung gabeln könnte, meint man in den blinzelnden Bildern sogar mögliche Zukünfte zu erkennen. Was also ist hier die Geschichte? Lidia wächst in einem strengen Elternhaus auf. Ihr Vater missbraucht sie und ihre Schwester und die Mutter – verbal, physisch, auch sexuell. Frei ist Lidia nur im Wasser. Im roten Badeanzug springt sie in den Pool, härtet sich ab, zieht Bahnen, gewinnt Trophäen. Sie weiß, der Sport ist ihr Ausweg. Dank ihrer Leistungen erhält sie ein Teilstipendium für die Uni. Der Vater will ihr das Studium erst verweigern, weil ihre Schwimmergebnisse nicht für die Vollfinanzierung ausgereicht haben. Lidia geht trotzdem. Auf die Härte folgt der Exzess Endlich meint sie, frei zu sein: „My own nights, my own days.“ Auf die Härte und Strenge des Heranwachsens folgt der Exzess der Adoleszenz: Partys, Drogen, Sex. Sie verliebt sich in einen, der nett ist, aber ihrem Temperament nichts entgegenzusetzen hat. Die beiden heiraten schnell, Lidia wird schwanger – und bringt das Baby tot zur Welt. So hart und klar und unsentimental, wie Yuknavitch diese Erfahrung in ihrem Buch beschreibt, zeigt das auch Stewart im Film. Wir sehen das Blut, das tote Baby, den leblosen Leib an der Brust der Mutter. Es ist ein schmaler Grat, auf dem Stewart sich hier bewegt – sie hält die Balance, rutscht nicht in Mitleidsmanipulation oder Schmerzvoyeurismus ab. Später wird sie mit ähnlich kühlem Blick Sex und Körper in Ekstase einfangen. Sie weiß, wenn man stilistisch viel wagt – hier also im Schnitt wahre Wunder vollbringt und die Zuschauer herausfordert –, darf man auf anderer Ebene durchaus leisere Töne anschlagen. Obwohl die Hauptfigur immer wieder aus dem Off zu hören ist, überlässt Stewart ihr nicht das Erzählen. Vielmehr dient ihr der Stimmeinsatz dazu, die einprägsamsten Sätze aus dem Roman in den Film zu holen. Das Erzählen übernehmen die Bilder: Die Asche des toten Kindes passt in eine Hand. Das Paar ist am Meer, Lidias Schwester begleitet die kleine Trauerfeier am Strand. Dem Gatten der Schwimmerin will es nicht gelingen, die Urne so weit zu werfen, dass die Wellen sie forttragen können. Lidia nimmt die Asche, geht mit Kleidern in die Fluten, übergibt dem Meer, was von ihren Hoffnungen übrig ist. Die Ehe ist kurz darauf zu Ende. Und Lidia beginnt noch einmal damit, sich ein Leben aufzubauen. Was Stewart hier zeigt, ist die Geschichte einer feministischen Selbstermächtigung. Es ist das Leben einer Frau, die sich von allen Zwängen lossagt und ihre eigene Stimme in der Kunst findet. An der Wucht, mit der dieser Film daherkommt, merkt man, dass hier eine Frau am Werk ist, die selbst gerade ihre eigene Stimme gefunden hat. Vom Teenie-Idol zur ernsten Schauspielerin „Je mehr ein Schauspieler vom Film versteht, desto klarer erkennt er seine Hilflosigkeit, und desto mehr wird er versuchen, die Auswahl der Story, des Regisseurs und des Kameramanns und die endgültige Zerstörung, die man Schnitt oder Redaktion nennt, zu beeinflussen“, schrieb einmal der große Regisseur Josef von Sternberg. Nur die mutigsten Schauspieler entkommen dieser Hilflosigkeit, indem sie die volle Kontrolle über die Kunstform Film ergreifen. Stewart blickt mit Mitte dreißig bereits auf eine lange Schauspielkarriere zurück, in der sich der Wunsch festigte, selbst im Regiestuhl zu sitzen. 1990 in Los Angeles geboren, trat die Amerikanerin bereits mit neun Jahren das erste Mal vor einer Kamera auf. Sie wurde mit ihrer Rolle als Bella in der „Twilight“-Filmreihe zum Teenie-Idol. Paparazzi jagten sie durch die Straßen, noch bevor sie volljährig war. Bei der Arbeit zu David Finchers „Panic Room“ gab ihr Jodie Foster, die selbst als Kinderdarstellerin angefangen hatte, den Ratschlag, sich nicht von der Filmwelt und Hollywood-Angeboten blenden zu lassen und sich stattdessen lieber auf ihr eigenes Gespür bei der Rollenwahl zu verlassen. Stewart beherzigte das. Sie ging nach Europa, arbeitete mit Olivier Assayas für „Die Wolken von Sils Maria“, spielte für Pablo Larraín Lady Di in „Spencer“ und drehte mit David Cronenberg das SF-Drama „Crimes of the Future“. Die Art, wie sie nun selbst arbeitet, scheint sie von diesen Künstlern gelernt zu haben, denn „The Chronology of Water“ trägt die Handschrift einer Autorenfilmerin. Stewart hat klare Vorstellungen davon, was sie erschaffen will, und setzt ihre künstlerischen Entscheidungen mutig um. Dabei helfen ihr einige talentierte Freunde. Jim Belushi spielt Ken Kesey, Autor des Bestsellers „Einer flog übers Kuckucksnest“, bei dem Lidia Yuknavitch einen Schreibworkshop belegt und die Ruhe findet, die sie braucht, um sich als Schriftstellerin ans erste Buch zu wagen. Kim Gordon, legendäre Bassistin und Sängerin der Band Sonic Youth, springt als jene Frau ein, bei der Lidia sexuell loslassen lernt – die Poplegende darf lustvolle Schläge verteilen. Und Earl Cave, Sohn des Sängers Nick Cave, gibt den schluffigen Liebhaber, an dessen Entscheidungsarmut die Ehe zerbricht. Wie viel die Regisseurin sogar das Schauspiel beeinflussen kann, zeigt sich vor allem in der Hauptrolle. Die spielt die Britin Imogen Poots mit großer Intensität und Hingabe. Ihre Lidia Yuknavitch ist wütend, verletzlich und sensibel, zugleich hart, laut und überschwänglich. Was widersprüchlich klingt, verbindet Poots zum komplexen Charakter einer Frau, die nicht aufgibt, egal wie viele Schläge das Schicksal ihr verpasst. Und Stewart hat in Poots mehr als eine Verbündete gefunden. Manchmal, wenn man Poots dabei zusieht, wie sie Lidia spielt, muss man blinzeln, denn in kleinen Gesten, im Gang oder der Art, den Kopf schief zu legen, meint man Stewart und die Art, wie sie ihre Rollen anlegt, zu erkennen. Vielleicht ist aber auch das nur eine Erinnerung, die dieser Bilderstrom freispült. Verwundern würde es nicht: Dieses Wasser erzeugt eine mächtige Brandung.
