Kann es einen lustigen Film über sexuelle Gewalt geben? Ist die Frage empörend? Der Film jedenfalls ist es nicht. Die Gewalt (die übrigens nie gezeigt wird) ist es. Und „Sorry, Baby“ erfindet damit wie nebenbei eine neue Art, von Trauma und möglicher Heilung zu erzählen. Eva Victor, 31 Jahre alt (Pronomen: she und they), und ihr Debütfilm „Sorry, Baby“, bei dem sie Regie führte, das Drehbuch schrieb und auch selbst die Hauptrolle spielt, sind in mehrfacher Hinsicht ein Phänomen. Denn nicht nur gibt es ihn, er ist auch extrem erfolgreich: Barry Jenkins („Moonlight“) produzierte den Film, nachdem er Victors Onlinecomedyserie „Eva vs. Anxiety“ gesehen und sie ermutigt hatte, seiner Produktionsfirma das Drehbuch zu schicken, wann immer sie an etwas Größerem arbeiten würde. Beim Sundance Festival gewann er dann den Preis für das beste Drehbuch, daraufhin wurde der Film bei der Quinzaine des Cinéastes in Cannes gezeigt. Nach dem für einen Indie-Film überraschend guten US-amerikanischen Kinostart (anfangs wurde er nur in vier, nach ein paar Wochen dann in mehr als 300 Kinos gezeigt), war Victor unter anderem in der Talkshow von Stephen Colbert zu Gast, wo sie offenbarte, dass sie dort schon Vorschläge für Sketche eingereicht, aber nie eine Antwort bekommen hatte. Wie sie davon erzählte, ist typisch für Victor: Sie meint es durchaus ernst, ist dabei aber zugleich so nonchalant, dass das Ganze auch wie ein Witz wirkt. Es ist eine Direktheit, die nicht dreist ist, sondern eher auf eine sehr kluge Art naiv. Guck hier, so komisch, so merkwürdig ist das Leben, scheint sie zu sagen, und steckt einen mit diesem Staunen an. Sie sagt die ärgerlichen Dinge trotzdem. Nur ist ihr Zugang zu ihnen ein anderer. Genau dieser Zugang, eben diese Komik, die eigentlich nicht abmildert, sondern nur anders ausstellt und sichtbar macht, ist auch für Victors Spiel in „Sorry, Baby“ bezeichnend. Sie erinnert an die frühe Greta Gerwig im Low-Budget-Kino des Mumblecore („Hannah Takes the Stairs“, „Frances Ha“). Ihr Witz entsteht wie nebenbei, durch Understatement und eine stoische Weigerung, die Merkwürdigkeiten des Lebens als selbstverständlich wahrzunehmen. Amerikanisches Independentkino im besten Sinne Das ist amerikanisches Independentkino im besten Sinne: eigenständig, gegenwärtig, ernst und komisch zugleich. Zugänglicher als das einer Kelly Reichardt und doch ähnlich genau im Blick, in den oft ungewöhnlich langen Einstellungen, die gemeinsam mit dem Publikum etwas erforschen wollen. Man kann sich diesen Film nicht anders als mit Victor in der Hauptrolle vorstellen, nicht anders als in ihrer Regie: Das ist sie wohl, die sogenannte eigene Handschrift, die ein Debüt zu einem Debüt macht, das man sich merkt und das bleibt. Der Film erzählt von Agnes (Victor), einer jungen Literaturprofessorin in einer kleinen Unistadt in New England. Sie bekommt Besuch von ihrer besten Freundin Lydie (Naomi Ackie), fängt etwas mit ihrem Nachbarn Gavin (Lucas Hedges) an. So weit, so normal. Sie unterhält sich, in einer sehr schönen, zarten Szene, mit einem Fremden, Pete (John Carroll Lynch), der sie nach einer Panikattacke beruhigt und mit einem Sandwich versorgt. Als sie ihm dann erzählt, dass ihr „something pretty bad“ passiert ist, vor drei Jahren, sagt er: „Drei Jahre sind ja noch nicht so viel Zeit“, und in dieser Anerkennung ihres Traumas liegt mindestens ebenso viel Trost wie in dem sehr guten Sandwich, das er ihr schenkt und das dem Filmkapitel seinen Namen gibt. „Sorry, Baby“ besteht aus vier Kapiteln. Das ist einerseits eine Anspielung auf die Bedeutung von Literatur, hat aber auch etwas Verspieltes: Indem zum Beispiel „The Year With the Good Sandwich“ gleichberechtigt neben „The Year With the Bad Thing“ steht, wird die Gewalterfahrung nicht nur nonchalant in den Alltag eingebettet, einer selbst gewählten, künstlerischen Struktur unterworfen, die über drei Jahre hinweg zwischen verschiedenen Zeiten hin und her springt. Diese Struktur zeigt auch, wie wichtig kleine Gesten und Begegnungen auf Augenhöhe sind, Begegnungen, die Grenzen respektieren und dabei dennoch Nähe entstehen lassen. Der Film ist dabei amerikanisch in einem früheren, im besten Sinne, in dem Begegnungen mit kind strangers Teil des kulturtechnischen Standardrepertoires sind, und auch hier wird Reichardts Einfluss erneut sichtbar. Ein semiautobiographischer, autofiktionaler Stoff Victors Film ist semiautobiographisch, autofiktional. Victor stellt genug Distanz zu ihrer eigenen Geschichte her, um die filmische Erzählung künstlerisch zu formen, und ist nah genug dran, um ihre Dringlichkeit zu vermitteln. Die Regie über sich selbst in der Hauptrolle zu führen, ist für Victor dabei auch ein Mittel, die Kontrolle darüber zurückzuerlangen, was mit ihrem Körper geschieht, sagt sie im Interview. Genauso entscheidend ist es, die Figur Agnes alles erzählen zu lassen und ihr so selbst die Deutungshoheit über das Geschehen zu geben. Das Tattoo einer simplen Fenstersilhouette auf Victors Finger stellt die Verbindung her: Fenster und Häuserfassaden gehören zu den wiederkehrenden und kongenialen Elementen von Victors Bildsprache in diesem Film. So erzählt „Sorry, Baby“ von sexueller Gewalt auch als einer Frage des Raumerlebens. Kann Agnes’ Haus ihr weiterhin ein Schutzraum sein, auch wenn sie nach dem Erlebten bei jedem Geräusch nervös zur Tür geht? Die ausführlichen, auch sehr schönen Einstellungen zu Beginn des Films, die das Haus von außen zeigen, stellen auch eine Analogie her zwischen Haus und Körper: Ist die Schutzhülle noch intakt? Und wie kann eine Schutzhaut noch funktionieren, nachdem sie verletzt wurde? Auch danach, wo es für Frauen eigentlich tatsächlich gefährlicher ist, drinnen oder draußen, fragt der Film. Denn obwohl man ja längst weiß, dass die meiste Gewalt gegen Frauen sich im Innenraum abspielt, in ihrem eigenen zu Hause sogar, lösen gerade im Film dunkle Straßen, auf denen sich eine Frau allein bewegt, noch immer automatisch den stärksten Alarm aus. „Sorry, Baby“ spielt in einer klugen Szene genau damit und revidiert die Erzählung. Besonders entscheidend ist der Raum für die vielleicht wichtigste Szene des Films, die Agnes’ Vergewaltigung zeigt, ohne sie zu zeigen. Es dauert, bis der Film sich diesem Geschehenen nähert, und er stellt damit eine doppelte, nötige Distanz her. „Sorry, Baby“ ist so weit wie nur irgend möglich von Sensationalismus entfernt, enttäuscht jeden Voyeurismus und überlässt der Hauptfigur die Deutungsmacht. Agnes betritt das Haus ihres Professors Preston Decker (Louis Cancelmi), nachdem er ihr vorgeschlagen hat, dort ausführlicher über ihr Dissertationsprojekt zu sprechen, das er „außerordentlich“ und „brillant“ nennt. Decker wirkt sympathisch, er hat neben der akademischen Karriere schriftstellerische Ambitionen und ist sichtlich geschmeichelt, als Agnes eines seiner Bücher kennt und lobt. Er schenkt ihr eine Erstausgabe von Virginia Woolf. So weit, so angenehm. Die Kamera bleibt konsequent vor der Tür Doch Decker versteht die gegenseitige Sympathie vollkommen anders als Agnes. Während sie bei ihm zu Hause ist, bleibt die Kamera konsequent vor der Tür. In einer unbewegten Totalen fixiert sie das Haus, beobachtet, wie es draußen langsam dunkel wird und innen die Lichter angehen. Mehr sieht man nicht. Es ist auch nichts zu hören, außer der Tür, die sich Stunden später wieder öffnet. Agnes kommt heraus und fährt wie in Trance in ihrem Auto nach Hause. Dort wird sie baden und ihrer Mitbewohnerin (Lydie, die wir in den Kapiteln zuvor schon als ihre beste Freundin kennengelernt haben) im Detail erzählen, was geschehen ist. Der Film zeigt dann stoisch und manchmal beinahe satirisch, welche Absurditäten als Nächstes auf Agnes warten: der Arzt, der ihr vorhält, sich gewaschen zu haben und nicht direkt zur Polizei gegangen zu sein („Ich werde es mir für das nächste Mal merken“, entgegnet Agnes trocken). Die Angestellten der Universitätsverwaltung, die ihr zwar versichern, sie wüssten genau, wie es Agnes geht, denn „wir sind Frauen“, ihr aber zugleich mitteilen, dass sie keinerlei Handhabe mehr gegen den Professor haben, da er seine Stelle am gleichen Tag und wenige Stunden vor ihrer Anzeige gekündigt habe. Männliche Körper, männliche Unsicherheit Und dann ist da noch die lustigste Szene des Films, in der Agnes mit ihrem Nachbarn Gavin zusammen badet. Auf einmal geht es um männliche Körper und männliche Unsicherheit, aber nicht als ausgelebte Rachephantasie, sondern als milder und liebevoller Blick auf den Druck, den traditionelle Geschlechterrollen auf Männer ausüben. „Sorry, Baby“ ist eben mehr als ein Traumafilm, er fragt nach Körper und Geschlecht und den Möglichkeiten von Rückzug wie von Begegnung. Victor hebt die Geschichte aus dem Persönlichen heraus und erzählt davon als Phänomen, als zu lösendes Problem für alle. Das Publikum steht zusammen mit der Hauptfigur vor der Frage, was ihr da passiert ist und wie sie bitte schön damit umgehen soll. Das Opfer ist hier nicht die Expertin. Sie wird nicht über das Geschehene definiert, sie darf ratlos sein, erstaunt, sie darf sich unerwartet verhalten. Sie darf weiter beruflich erfolgreich sein. Sie darf mit ihrer besten Freundin über Männer lachen und über sich selbst, eine dreiste Lüge über ihre Katze erzählen und die vermeintliche Professionalität eines Arztes enttarnen. Sie darf ebenso entgeistert sein wie wir, weshalb ihr all das widerfährt. Auch Eva Victors Film darf das. Und es gelingt ihm großartig.
