„La Haine“ beginnt mit zwei Metaphern: einer sprachlichen und einer bildlichen. Während Hubert, einer der drei Protagonisten, von einem Mann erzählt, der aus dem fünfzigsten Stock eines Hochhauses stürzt und sich im freien Fall immer wieder zur Beruhigung sagt: „Bis hierher lief’s noch ganz gut“, sehen wir eine taumelnde Weltkugel, auf die ein Molotowcocktail fällt. Die Welt explodiert. Was aus dem Mann wird, erfahren wir nicht. Nur Huberts Bilanz ist zu hören: „Wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“ Klar ist also: Der Aufprall kommt. Der Film, den Mathieu Kassovitz mit nur achtundzwanzig Jahren drehte, erzählt in strengem Schwarz-Weiß einen einzigen Tag dreier junger Männer aus den Pariser Banlieues. „La Haine“ zeigt die Spirale aus Gewalt und Aussichtslosigkeit, in der sich die Jugendlichen bewegen. Ihm gelang damit vor dreißig Jahren, als der Film in die Kinos kam, ein erstaunlicher Spagat: Er erschloss einem bürgerlichen Publikum eine Realität, die ihm sonst verborgen blieb, und wurde zur Projektionsfläche für jene, die aus vergleichbaren Verhältnissen kamen. Daran, dass Kassovitz selbst weißer Stadtpariser war, der als junger Mann gerne in der Banlieue herumhing, störte sich damals kaum jemand; Identitätspolitik hatten die Universitäten noch nicht verlassen. Sein Film wurde Kult, im Zentrum sowie in der Peripherie. Die Kamera lässt die cité riesig wirken Seit seiner Premiere jedoch begleitet „La Haine“ ein anderer Vorwurf: sein Determinismus. Nicht nur der Mann, von dem Hubert erzählt und der als Parabel des Films dient, prallt mit absoluter Gewissheit am Boden auf. Auch Kassovitz’ Geschichte endet mit einem Knall, der als unvermeidlich inszeniert ist: einem tödlichen Schuss. Aber hätte es nicht auch anders kommen können? Ist die einzige Antwort auf Gewalt noch mehr Gewalt? Die Handlung setzt am Morgen nach dem ersten Knall ein: in einer Banlieue nordwestlich von Paris. Vinz, Saïd und Hubert – ein Jude, ein Araber und ein Schwarzer, die „black-blanc-beur“-Trikolore des migrantischen Frankreichs – reden über die Nacht zuvor. Bei Krawallen zwischen Bewohnern und der Polizei ist ihr Freund Abdel lebensgefährlich verletzt worden. Vinz schwört Rache: Stirbt Abdel, will er einen Polizisten erschießen. Die folgenden vierundzwanzig Stunden bestehen aus Herumlungern, kleinen Demütigungen, aggressiven Worten, zäher Sinnlosigkeit. Umgeben von massiven Betonbauten, die der Kameramann Pierre Aïm in weitwinkligen Totalen vom Kran filmt, wirken die Jugendlichen klein, und die cité wirkt riesig. Hier scheint alles festen Regeln zu folgen: Es gibt Brüder und Dealer, Hierarchien und jene, die am ehesten bereit sind, Gewalt anzuwenden. Vinz, Saïd und Hubert kämpfen damit, sich in diesem System zu behaupten, ohne von ihm verschlungen zu werden. Als die drei nach Paris hineinfahren, verschiebt sich der Blick. Die Kamera wechselt häufig zur Handführung mit kurzer Brennweite, die Straßen wirken eng und nervös, die drei Jungs dagegen breitschultrig und groß. Im Zentrum scheint die Welt aus den Fugen zu geraten: Da ist der Drogendealer, der unvermittelt mit Nunchakus herumfuchtelt, ein alter Mann, der gespensthaft aus einer Klokabine tritt, um ihnen eine Geschichte über Feigheit auf einer Zugfahrt in ein Arbeitslager zu erzählen, und Vernissagebesucher, die die Banlieue-Jungs mit einer Mischung aus Faszination und Distanz wie Zootiere beäugen, während sie bereitwillig weiß bemalte Plastikflaschen als Kunst betrachten. „‚La Haine‘ ist ein Film gegen die Bullen“ In solchen Szenen zeigt sich, dass Kassovitz kein Naturalist ist. „La Haine“ ist keine Dokumentation, sondern eine stilisierte Fiktion: Er legt ein Brennglas über sein Sujet – und das sind weniger die drei Jungs aus der Vorstadt als vielmehr das gesellschaftliche System, das beiden Seiten den Blick auf die Wirklichkeit der jeweils anderen verstellt. Vinz, Saïd und Hubert sind nicht in der Lage, die Städter zu verstehen, und die sind gleichermaßen außerstande, die Beweggründe der Eindringlinge in ihr Milieu zu begreifen. Beide Seiten sind blind für die Welt der anderen; dazwischen, als Torwächter: die Polizei. Die Jungs aus den Banlieues können zwar nach Paris hineinfahren, aber die gesellschaftliche Ordnung hält sie an ihrem Platz. Kassovitz begann die Arbeit an seinem Drehbuch 1993, am Tag, als er von der Tötung des siebzehn Jahre alten Makomé M’Bowolé hörte. Der Jugendliche aus Zaire war in einem Pariser Polizeirevier, an eine Heizung gefesselt, aus nächster Nähe durch den Kopfschuss eines Polizisten getötet worden. Kassovitz wollte keinen neutralen Film drehen. „‚La Haine‘ ist ein Film gegen die Bullen, und ich wollte, dass er auch so verstanden wird“, sagte er damals. Doch so platt ist „La Haine“ nicht geworden. Es ist kein Film gegen einen – es ist ein Film gegen alle, die in diesem System drinstecken. „La Haine“ zeigt nicht den Absturz dreier junger Männer, sondern eine Gesellschaft im freien Fall. Und ihr Sturz verlangsamt sich nicht, solange sich die gesellschaftlichen Unterschiede weiter verschärfen.
