In einem Heim für junge Mütter, einer Maison maternelle in der Nähe der belgischen Stadt Liège (Lüttich), sitzen einige Frauen um einen Tisch. Es gibt etwas zu feiern. Eine der jungen Klientinnen wurde für ein Praktikum zugelassen, das sie ihrem Traum ein wenig näher bringen soll. Sie möchte Zugbegleiterin werden, ein Beruf, mit dem sie auch Sicherheit verbindet. Er wird ihrem kleinen Kind, das sie allein aufzieht, ein gutes Leben ermöglichen. Das positive Beispiel bleibt eine Episode am Rand in dem Spielfilm „Junge Mütter“ („Jeunes mères“) von Jean-Pierre und Luc Dardenne, in dem mehrere Geschichten von frühen Schwangerschaften und Mutterschaften zusammengeführt werden, die alle an der Maison maternelle einen gemeinsamen Ort haben. Jessica, Perla, Julie, Ariane, sie alle sind noch sehr jung und haben wenig Erfahrung mit dem Leben. Sie kommen aus schwierigen Verhältnissen und sollen nun schon ein Baby beschützen und glücklich aufwachsen lassen. Die Brüder Dardenne sind dafür bekannt, dass sie Geschichten aus dem Alltag von Menschen erzählen, die das Kino sonst oft übersieht. Und so haben sie sich für „Junge Mütter“ an einer sozialen Einrichtung umgesehen, die es mit einem neuralgischen Punkt der Sozialisation zu tun hat: mit der Frage, ob sich eine junge Mutter ihrer Aufgabe gewachsen sieht oder nicht. Im zweiten Fall steht die Möglichkeit offen, das Kind zur Adoption freizugeben – ein Entschluss, der oft mit Schmerzen und schlechtem Gewissen einhergeht. Vier Geschichten haben die Dardennes aus ihren Recherchen destilliert, vier Beispiele für Verkettungen von Umständen, die in ihrer Gesamtheit das Soziale ausmachen. Musik wäre ein Trost Ariane ist mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch bei ihrer Mutter. Sie betritt nur zögernd die Wohnung, denn sie befürchtet, dass auch ein Mann da ist, den sie unter keinen Umständen treffen will. Diese Figur, die schließlich unsichtbar bleibt, ist auch ein Zeichen dafür, wie die Dardennes erzählen: vieles bleibt indirekt zu erschließen, aus Dialogzeilen, aus beiläufigen Details. Arianes Mutter war offensichtlich einmal obdachlos, den toxischen Partner ist sie vorerst losgeworden, auch Alkohol trinkt sie nicht mehr. Sie hat nun eine Wohnung und setzt ihre ganze Hoffnung darauf, mit der Tochter und dem Enkelkind ein neues Leben anzufangen. Doch Ariane leidet unter diesem Druck, unter dieser Übertragung. Sie ahnt wohl, dass es sie überfordern würde, sich um die labile Mutter und um das Kind zu kümmern. In ihrem Fall geht es darum, ob sie den Mut aufbringt, die kleine Lilli in die Obhut anderer Menschen zu geben. Als sie schließlich einem Paar gegenübersitzt, das adoptieren möchte, hat sie vor allem eine Frage: „Spielt jemand von Ihnen ein Instrument?“ Musik wäre ein Trost und ein Schritt ins Freie aus schwierigen Verhältnissen. 1999 wurden die Dardennes mit dem Film „Rosetta“ berühmt, der Geschichte einer jungen Frau, die auf einen Campingplatz lebt, mit einer alkoholkranken Mutter. Die Hauptdarstellerin Emilie Dequenne, die damals entdeckt wurde, starb vor einem Jahr mit 43 Jahren nach einer sehr seltenen Krebserkrankung. Die Weltpremiere von „Jeunes mères“ wenige Wochen später in Cannes wurde so auch zu einem Requiem und zugleich zu einer Demonstration von Konsequenz. Denn Jean-Pierre und Luc Dardenne vertreten mit ihrem Sozialrealismus im europäischen Kino weitgehend singulär eine Position, die eigentlich auch so etwas wie einen Alltag der Filmproduktion ausmachen könnte: kleine, schmucklose Geschichten ohne symbolische Ebenen, allenfalls mit einen Sinn für das Dramatische, der sich von den langen Traditionen des exemplarischen Erzählens seit der Antike inspirieren lässt. Die Dardennes halten unbeirrt an ihrer Marke fest und sind damit auch durchaus erfolgreich. Sie erzählen Geschichten aus einem Herzland Europas: aus der alten Industrie- und Bergbaugegend in Belgien, mit der Stadt Liège als Mittelpunkt ihrer Kosmologie. Menschen reproduzieren, woraus sie sich zu befreien versuchen Auch in „Junge Mütter“ sind die Orte allesamt wenig attraktiv, gerade auch nach heutigen Maßstäben. Die Gebäude, an denen die Frauen ihre Kinderwagen entlangschieben, der Wäschereibetrieb, in dem Jessica ihre Mutter gegen deren Willen aufsucht, nichts davon würde jemand auf einem Netzwerk posten. Ihre Handys benötigen die Frauen vor allem, um den Kindesvätern hinterherzutelefonieren, die auch in mehreren Szenen auftauchen, die aber allesamt nicht im Geringsten auf ihre Aufgabe vorbereitet sind. Mit der einen Ausnahme von Robin, der mit seiner Freundin Julie vielleicht eine Chance hat, auch gemeinsam der Verantwortung gerecht zu werden. Beide haben es gerade erst geschafft, „von der Straße loszukommen“, sich aus einer Mischung aus Obdachlosigkeit, Drogensucht und Verzweiflung zu befreien. Die Afrobelgierin Perla will unter allen Umständen ihren Robin an ihrer Seite haben, muss aber erkennen, dass der Wunsch, ihrem Kind eine Familie zu geben, sich anders erfüllen wird, als sie zuerst dachte: Sie muss zuerst einmal das Verhältnis zu ihrer älteren Schwester klären. Auf den vielen Wegen durch die Stadt, zu Arbeitgebern und rassistischen Vermietern, sammeln die Dardennes Anhaltspunkte für eine implizite Theorie des Sozialen. Wiederholungen spielen darin, wie man das ja auch aus der Psychoanalyse und anderen Deutungen weiß, eine zentrale Rolle. Menschen reproduzieren in ihrer Not das, woraus sie sich zu befreien versuchen. „Junge Mütter“ macht schon mit dem Titel klar, dass es um eine Beobachtungsmenge geht, die auch erlaubt, unterschiedliche Verläufe nebeneinanderzustellen. Der Film geht aber über eine bloße Illustration eines soziologischen Befunds hinaus: Das liegt an der Unmittelbarkeit, die vor allem die exzellenten Darstellerinnen mit sich bringen. „Junge Mütter“ versammelt ein Ensemble, das dem Dokumentarfilm so nahe kommt, wie man das mit einer geschriebenen, erfundenen Geschichte nur erreichen kann. Der französische Philosoph Jacques Rancière spricht in vergleichbaren Fällen von „Wahrfingierung“: gerade für das Genre der Dardennes wäre das ein passender Begriff.
