Für den Rechtspopulisten Matteo Salvini ist die Sache klar: „In der zivilisierten Schweiz werden sich für viele Menschen die Gefängnistüren öffnen müssen.“ Italiens stellvertretender Regierungschef zielte mit diesem auf der Plattform X veröffentlichten Satz auf jene Personen, die nach seiner Überzeugung für die Brandkatastrophe in Crans-Montana verantwortlich zu machen sind. In einer Bar in dem Schweizer Skiort kamen in der Silvesternacht 40 Menschen durch den Ausbruch eines Feuers ums Leben, darunter sechs Italiener. Zehn weitere Italiener sind unter den 116 Personen, die überwiegend schwer verletzt wurden. Zuvor hatte die Polizei von insgesamt 119 Verletzten gesprochen, diese Zahl am Montag jedoch nach unten korrigiert. Salvini geißelte die „Verbrecher“, die „aus Geldgier Hunderte von Jugendlichen in einem Untergeschoss zusammengepfercht haben – mit offenen Flammen und versagenden Notfallsystemen“. Derart drastische Worte sind von Schweizer Politikern bisher nicht zu vernehmen. Im Land überwiegen noch der Schock und die Trauer über die Brandkatastrophe, die der Bundespräsident Guy Parmelin als „eine der schlimmsten Tragödien in der Geschichte dieses Landes“ bezeichnete. Doch die Fragen werden immer lauter: Wie konnte ein solches Unglück in der vermeintlich so sicheren, perfekt organisierten Schweiz passieren? Und wer ist dafür verantwortlich? Schaumstoffmatten an der Decke Die Ermittler haben darauf noch keine abschließende Antwort. Der Verdacht geht in zwei Richtungen gleichzeitig: Zum einen haben womöglich die Betreiber der Bar „Le Constellation“ die Brandschutzvorschriften nicht befolgt. Zum anderen waren die behördlichen Brandschutzkontrollen, die für Abhilfe hätten sorgen können, offenbar ungenügend oder blieben ganz aus. Durch Videos, Fotos und Augenzeugenberichte ist gut dokumentiert, dass der verhängnisvolle Brand durch Feuerwerkssprühfontänen ausgelöst wurde, die an Champagnerflaschen angebracht waren. Sie entzündeten die zur Akustikdämmung an der Decke der Bar angebrachten Schaumstoffmatten. Dabei handelte es sich nach Einschätzung von Brandschutzexperten um billigen Schaumstoff. Damit hätten die Betreiber der Bar, das französische Ehepaar Jessica und Jacques Moretti, gegen das kantonale Brandschutzgesetz verstoßen. Demnach dürfen Baustoffe an Decken und Wänden öffentlich zugänglicher Räume wie Bars, Restaurants und Konzertsälen nicht brennbar oder höchstens schwer entflammbar sein. Umbauarbeiten im Jahr 2015 In den sozialen Medien veröffentlichte Fotos aus dem Jahr 2015, als die Morettis die Bar übernahmen und sie in Eigenregie umbauten, zeigen dasselbe Dämmmaterial, das nun in Flammen aufgegangen ist und den Vollbrand ausgelöst hat. Mithin stellt sich die Frage, wieso die Behörden nicht interveniert haben. Schon die umfangreichen Umbauarbeiten selbst hätten wohl von einem Brandschutzexperten begleitet werden müssen. Gemäß den im Wallis geltenden Vorgaben hätte dann jährlich eine Kontrolle stattfinden müssen. Nach Aussage von Jacques Moretti gab es in seinem Lokal in den vergangenen zehn Jahren jedoch nur drei Brandschutzkontrollen – was er selbst schon als engmaschige Kontrolle empfand. Anders als in den meisten Kantonen der Schweiz gibt es im Wallis keine obligatorische Gebäudeversicherung und mithin auch keine Überprüfung durch diese. Für die Brandschutzkontrollen sind die jeweiligen Gemeinden in dem Bergkanton zuständig. Der Kanton greift nur ein, wenn er von einer Gemeinde über (nicht behobene) Missstände informiert wird, was in diesem Fall offenbar nicht geschehen ist. Die Treppe verschmälert Pressefragen nach Art und Umfang der bisherigen Kontrollen in der Constellation-Bar beantwortet die stark unter Druck stehende Gemeindeverwaltung von Crans-Montana bisher nicht. Die Walliser Staatsanwaltschaft hat die entsprechenden Informationen angefordert und nach eigener Aussage inzwischen auch erhalten. Die Ermittler gehen zudem der Frage nach, ob der vorhandene Notausgang zugänglich und offen war. Eine frühere Mitarbeiterin der Bar sagte dem französischen Fernsehsender BFMTV, dass der Notausgang verschlossen gewesen sei. Möglicherweise entsprach auch die einzige Treppe, die vom Untergeschoss der Bar, wo das Feuer ausbrach, nach oben führt, nicht den Vorschriften. Im Zuge des Umbaus hatten die Morettis die Treppe verschmälert. Gegen die Barbetreiber ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, fahrlässigen Körperverletzung und fahrlässigen Brandstiftung. Das Ehepaar befindet sich aber nicht in Untersuchungshaft. Dafür seien die Voraussetzungen derzeit nicht erfüllt: „Aktuell bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beschuldigten sich dem Strafverfahren oder der zu erwartenden Strafe durch Flucht entziehen könnten“, teilte die Behörde mit. Sie reagierte damit auf kritische Medienberichte, nach denen die Morettis als französische Staatsbürger nach einer möglichen Flucht nach Frankreich von dort wohl nicht ausgeliefert würden. Für den Zürcher „Tages-Anzeiger“ steht die Tragödie in Crans-Montana für eine kollektive Illusion: „Für den Glauben, in der Schweiz, diesem Land der Gesetze für jede Lebenslage, könne ein derartiger Vorfall nicht geschehen. Dass in einer Bar Sprühkerzen gezündet wurden, spröde Materialien verbaut und Notausgänge nicht frei zugänglich waren, kollidiert mit dem Selbstbild der pflichtbewussten Nation, die sich detailversessen Regeln auferlegt, um das Zusammenleben möglichst organisiert und sicher zu gestalten.“
