Das hätte man auch vor vier Jahren haben können: Damals boten die Hanauer Stadtwerke den Gemeindewerken des Nachbarorts Großkrotzenburg an, gemeinsam die dortige Fernwärmeversorgung zu organisieren. Großkrotzenburg lehnte ab – man hatte eigene, ehrgeizige und aus Sicht der damals Verantwortlichen viel umweltfreundlichere Pläne als die Hanauer: ein eigenes Kraftwerk, gespeist unter anderem aus Flusswärmepumpen am Main. Kooperation im zweiten Anlauf Bis dahin hatten die heutigen Partner ihre Fernwärme aus dem Kohlekraftwerk Staudinger bezogen, für vergleichsweise wenig Geld wurde dessen Abwärme in die Heizkreisläufe eingespeist. Doch mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung entfiel diese Option. Hanau entschloss sich zum Bau eigener Kraftwerke, wasserstofffähig und darauf ausgelegt, auch die Abwärme von Rechenzentren zu nutzen. In Großkrotzenburg dagegen wollte man die Flusswärmepumpe, eine große Solaranlage und eine Biomasseanlage nutzen, um die Lücke zu schließen. Im März war Schluss mit dem Traum: Kosten zu hoch, keine Chance auf einen marktfähigen Preis für die Endkunden: Das für das Vorhaben gegründete Gemeinschaftsunternehmen der Gemeindewerke und des Energieversorgers EAM ging in Insolvenz. Versorgt werden die Fernwärmekunden in Großkrotzenburg noch vom Kraftwerk Staudinger aus, dort stehen mittlerweile gemietete Heizkessel. Das ist wenig umweltfreundlich – und vor allem teuer. Drastische Preiserhöhung Wegen der drastisch höheren Preise verabschiedeten sich in Großkrotzenburg um die 80 der einstmals 720 angeschlossenen Haushalte von der Fernwärme und nutzten aus, dass es in der Gemeinde keinen Zwang zum Anschluss an das Fernwärmenetz gibt. Wer geblieben ist, darf jetzt zumindest auf einen geringfügig niedrigeren Tarif hoffen, aber vorerst treiben die Fehler der Vergangenheit die Preise noch in die Höhe. Kunden sowie die Verantwortlichen im Rathaus und den Gemeindewerken baden nun eine Fehlentscheidung aus, die von anderen getroffen worden ist. Das frühere Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit speiste sich in Großkrotzenburg aus der Vergangenheit: Dank des Staudinger-Kraftwerks war die Gemeinde reich und pochte auf ihre Selbständigkeit, während zu Zeiten der Gebietsreform andere Kommunen verschmolzen. Lang ist’s her, inzwischen hat der Hanauer Nachbarort zu kämpfen. An der Gefühlslage hat das nicht viel geändert: Mit dem Vorschlag, über ein Zusammengehen mit der Großstadt nachzudenken, hat sich der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Aloys Lenz wenig Freunde in der Ortspolitik gemacht, auch wenn die beiden Kommunen nur den sprichwörtlichen Steinwurf weit auseinanderliegen. Aber über weitere Möglichkeiten der Kooperation zwischen den Nachbarn kann man auch so nachdenken. Manchmal wiegen Sachzwänge schwerer als lokaler Stolz – nicht nur bei der Fernwärme.
