FAZ 28.11.2025
10:44 Uhr

Fernsehjournalist Müntefering: Er erfand die „Sendung mit der Maus“


Der Sauerländer Gert K. Müntefering prägt das deutsche Kinderfernsehen nachhaltig. Sein Lebenswerk umfasst Klassiker wie „Pan Tau“ und die „Sendung mit der Maus“. An diesem Freitag wird er 90 Jahre alt.

Fernsehjournalist Müntefering: Er erfand die „Sendung mit der Maus“

Wer das Lebenswerk des Gert K. Müntefering betrachtet, wird drei wiederkehrende Elemente erkennen: Er ist Erzähler, Vater und Erfinder. Erzählen ist seine Leidenschaft, wie jeder merkt, der sich länger als fünf Minuten mit dem früheren Kinder- und Familienprogrammchef des WDR unterhält. Zur „Westfalenpost“ kam der Sauerländer 1955 auch, weil seine Mutter sich zuvor eine Schreibmaschine der Marke Concordia vom Friseurinnengehalt abgespart hatte. Erzählen wollte er, als er einige Jahre danach zur „Kölnischen Rundschau“ wechselte. Das Fernsehen sei ja eine ungeheuerliche Sache, lassen seine zwei tschechischen Kooperationspartner Václav Vorlíček und Miloš Macourek eine der Hauptfiguren der „Märchenbraut“ später sagen. Ein Handlungsstrang thematisiert, wie sich Kinder mit falschen Erzählungen manipu­lieren lassen. Müntefering passierte das nicht. Den Weg zum Fernsehen suchte er, sobald er sich bot. So wurde er zum Vater des deutschen Kinderfernsehens. Seine beiden eigenen Kinder landeten später selbst beim Film. Was der Erfinder Müntefering in 37 Jahren hinterließ, ist Kernbestand der Kinderkultur. „Ich hatte nur ein bisschen Geld, und das gehörte mir nicht.“ Der Geschichtenerzähler Müntefering hatte ein Gespür, was Kindern Freude macht, und eine Intuition, dass ihnen etwas zumutbar ist. Sein Konzept der „Sendung mit der Maus“ mit „Lach- und Sachgeschichten“ trägt bis heute. Die Kooperation mit tschechischen Erzählerteams (Jindřich Polák und Ota Hofman waren das zweite) brachte Klassiker wie „Pan Tau“, „Luzie, der Schrecken der Straße“, „Der fliegende Ferdinand“, „Die Besucher“ und eben „Die Märchenbraut“ hervor. Dazu Stoffe wie „Käpt’n Blaubär“, „Kasperle und René“ und „Schlager für Schlappohren“ – subversiv, fordernd, nie reine Berieselung. Aber eben auch nicht pädagogisch. Ein Grimme-Preis, zwei Bambis, ein Bundesverdienstkreuz und viele weitere Preise zeugen vom Respekt des Publikums für diese Stoffe. Als er 2023 in Karlsbad mit einem Ehrenpreis geehrt wurde, stellte er sich dem Publikum knapp vor: „Ich hatte nur ein bisschen Geld, und das gehörte mir nicht.“ Doch der zur (Selbst-)Ironie neigende Müntefering spielte seine Rolle herunter: Er ermöglichte große Produktionen, die es ohne ihn nicht oder nicht so gegeben hätte. Die paneuropäische Produktion „Als die Tiere den Wald verließen“ stellte den Zeichentrick von hier auf eine neue Stufe. Nach der Zeit beim WDR wurde er Honorarprofessor der Uni Kassel. Schon in den Sechzigerjahren hatte er zehn Thesen zum Kinderfernsehen formuliert: „Das Fernsehen ist der Geschichtenerzähler für Kinder“, lautet der erste Satz. Dem Kinderkanal von ARD und ZDF wurde er zum Geburtshelfer, warnte aber, dass Stoffe aus dem Hauptprogramm abgeschoben werden. Dass der KIKA demnächst zum reinen Internetkanal werden dürfte, ist bezeichnend für ein Kinderfernsehen, dem die Visionen ausgegangen sind. Müntefering hatte sie. An diesem Freitag feiert er seinen 90. Geburtstag.