Saskia Abdalla bringt Licht an den Ort, den sie mit dem dunkelsten Moment ihres Lebens verbindet. Im Hafengebiet von Köln-Niehl läuft sie über einen Trampelpfad in Richtung Rheinufer. Hier, hinter Krananlagen, Containerstapeln und Türmen eines Heizkraftwerks, am Zipfel der zwei Kilometer langen Landzunge, wurden am 14. November 2021 ihre beste Freundin und deren Sohn ermordet. Der Vater des jungen Kian erstach sie mit einem Messer. Am Tatort, ein paar Meter vom Ufer entfernt, steht heute ein weiß lackiertes Fahrrad, das mit Blumen, Luftschlangen und Fotos geschmückt ist. Um den Lenker wird Abdalla eine Lichterkette wickeln. Es ist ihre Art zu zeigen: Derya und Kian, wir vergessen euch nicht. An diesem Septemberabend hängen Wolken am Himmel wie graue Vorhänge. Der Wind verweht Abdallas lange rote Haare, ein dicker brauner Schal wärmt ihren Hals. Sie sagt: „Wenn es im September schon so ungemütlich ist, wie war es wohl im November, als Derya hier stand?“ Rund 250 Kilometer von Köln-Niehl entfernt schlendert Diana König durch den Ebertpark in Ludwigshafen. Als Kind ging sie mit ihrer Tante hier entlang, im Sommer schauten sie alle paar Wochen nach den Ziegen, Hasen und Eseln, die früher in Gehegen lebten. König, 49 Jahre alt, verbindet den Ort bis heute mit ihrer Tante. An einem Freitag im August ist sie hergekommen, um von ihr zu erzählen. Am 5. März 2019 fragte sie ihre Tante per Whatsapp, wann sie von deren Hamburg-Reise nach Hause komme. „Wird spät“, schrieb Lydia um 20.44 Uhr. Es war die letzte Nachricht, die sie von ihr bekam. König wusste nicht, dass Lydia gleich nach der Rückkehr ihren Ehemann treffen würde, von dem sie sich elf Wochen zuvor getrennt hatte. Und Lydia wusste nicht, dass ihr Noch-Ehemann in der gemeinsamen Wohnung in die Kommode im Flur zwei Pistolen gelegt hatte. Saskia Abdalla vermisst ihre beste Freundin – und Diana König ihre Tante Zwei Frauen, die vermissen: die eine ihre beste Freundin, die andere ihre Tante. Zwei Frauen, die damit leben müssen, dass ein Mann, dem sie vertrauten, zum Mörder geworden ist. Zwei Frauen, die sich fragen: Hätte ich sie schützen können? In beiden Fällen hat ein Mann entschieden, das Leben einer Frau zu beenden. Taten wie diese geschehen meist dort, wo Menschen sich am sichersten fühlen: in ihrem eigenen Zuhause. Die Fälle füllen Randspalten in Lokalzeitungen, die Täter werden oft als enttäuscht oder verzweifelt beschrieben, fast so, als sei das eine Begründung. „Als er die Liebe verlor, griff er zum Messer“, titelte die „Bild“-Zeitung nach dem Fund von Deryas Leiche. Bei Lydia schrieb die „Rheinpfalz“ von einem „Beziehungsdrama“. Keiner der Texte bezeichnete die Tat als das, was sie ist: ein Femizid. Saskia Abdalla und Diana König sind diejenigen, die in den Berichten nicht auftauchen. Die, die mit dem Femizid leben müssen. Hinterbliebene. Auch sie sind Opfer des Femizids. Beide haben sich diese Rolle nicht ausgesucht. Doch sie suchen sich aus, was für Opfer sie sein wollen. Lydia und Diana Im Ebertpark setzt sich Diana König auf eine Bank und zieht ein Foto aus der Tasche. Lydia lächelt in die Kamera. Sie trägt Wimperntusche, Make-up und hellroten Lippenstift. Das Foto entstand siebeneinhalb Jahre vor der Tat, 59 Jahre alt war sie damals. Lydia sehe „verschmitzt“ aus, findet König. Sie mag das Bild, weil es bei einem Fotoshooting entstand, das sie spontan buchten und bei dem sie „total viel Spaß“ hatten. Nur Lydias Mann sei von den Fotos nicht begeistert gewesen. Er habe gefragt: „Hat die Pampe im Gesicht sein müssen?“ Von Geburt an seien Lydia und sie einander nah gewesen, sagt König. „Als meine Mama mich zur Welt brachte und es noch kein Telefon gab, war es Lydia, die immer in die Telefonzelle rannte und fragte: ,Ist sie schon da?'“ Wenn sie krank war, habe Lydia sich täglich erkundigt, wie es ihr gehe. Warmherzig, fürsorglich – so sei Lydia auch nach einem schweren Schicksalsschlag geblieben. 1983 starb ihr Sohn bei einem Verkehrsunfall. Er war 13. König war etwa 20 Jahre alt, Mitte der Neunziger, da bekam sie das erste Mal mit, wie Lydia sich trennte, so erzählt sie es. Weil es zu Hause nicht mehr ging, zog Lydia in ein Frauenhaus. In den folgenden Jahren schlüpfte sie immer wieder bei der Familie unter, ging ins Frauenhaus, mietete eine Wohnung. Mal blieb sie Tage, mal Wochen, mal Monate. Jedes Mal kehrte sie zu ihrem Mann zurück. Lydia hat sich an Weihnachten von ihrem Mann getrennt Anfang Januar 2019, zwei Monate vor ihrem Tod, schickte Lydia ihrer Nichte über den Facebook-Messenger eine neue Telefonnummer. König wusste sofort, was Sache ist. Nach fast jeder Trennung, sagt sie, habe Lydia ihre Nummer gewechselt und sich über Facebook gemeldet, von einem ihrer vier Accounts. Am Telefon erzählte Lydia, am zweiten Weihnachtsfeiertag 2018 habe sie das Allernötigste in ihren Koffer gepackt. Ausweis, Kontoauszüge, Führerschein. Sie verließ ihren Mann, da war er gerade mit dem Hund draußen. In den Wochen danach erlebte König ihre Tante als gelöst, als „das Gegenteil“ von dem, wie sie zuvor in der Beziehung war. Die Sechsundsechzigjährige bekam nun eine kleine Rente, hing nicht länger vom Geld des Manns ab. Sie schmiedete Pläne, reiste nach Hamburg, schwärmte vom „König der Löwen“ und schickte Fotos von „Henssler Henssler“, dem Restaurant. König war sich sicher: Diese Trennung war anders. Diesmal würde Lydia es schaffen. Derya und Saskia Am Rheinufer in Köln-Niehl kniet Saskia Abdalla vor dem Fahrrad, das an ihre beste Freundin erinnert, und drahtet pinkfarbene Dekoblumen an die Speichen. „Derya hat Wildblumen geliebt“, sagt Abdalla. 148 Sonntage zuvor, am 14. November 2021, bekam sie um 21.28 Uhr eine Nachricht. Derya Seyhun sagte das geplante Zoom-Treffen ab: „Bruder, lass morgen machen. Wieso, weshalb, warum erkläre ich dir morgen.“ Abdalla fragte nicht nach. „Derya hat immer gesagt: Mach dir keine Sorgen. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“ Derya Seyhun, 24 Jahre alt, zog ihrem vierjährigen Sohn Kian seine Skihose über den Schlafanzug. Um 21.56 Uhr verließen sie die Wohnung in Köln-Kalk und setzten sich ins Auto. Am Wendehammer des Niehler Hafens trafen sie gegen 22.20 Uhr Kians leiblichen Vater. Derya wollte seit Wochen mit ihm reden: über den Unterhalt, den sie von ihm forderte, über Kian, der immer öfter nach seinem Vater fragte. Derya war mit ihm nie in einer Beziehung gewesen. Ein paar Monate vor dem Abitur hatte sie mit ihm geschlafen und beschlossen, Kian allein großzuziehen. An diesem Abend stimmte er dem Treffen spontan zu und schlug den Treffpunkt vor. Dass er sie dort in einen Hinterhalt locken würde, ahnte Derya nicht. Saskia Abdalla und Derya Seyhun kannten sich seit der fünften Klasse Saskia Abdalla lernte Derya Seyhun in der fünften Klasse kennen. Anfangs hatten sie kaum miteinander zu tun. „Derya wusste, wer sie war. Sie war total modebewusst. Ich war die Schüchterne, die jede Woche das Gleiche anhatte“, sagt sie. In der siebten Klasse wurden die Tischgruppen neu sortiert, Saskia landete neben Derya. Erst teilten sie den Tisch in zwei Hälften, meine Seite, deine Seite, so erzählt es Abdalla. Nach zwei Wochen gab es keine Trennlinie mehr. Die beiden tauschten Stifte, lachten, tuschelten und führten eine Strichliste, wer sich wie oft meldete. Von Derya bekam sie Schminktipps. Derya backte Kuchen für den Geburtstag von Abdallas Mama. Nach dem Abitur wollte Abdalla Krankenschwester werden. Derya sagte: „Nein Saskia, wir haben nicht das Abi, um eine Ausbildung zu machen. Du studierst!“ Ohne Derya, sagt die Neunundzwanzigjährige, hätte sie sich nie für das Grundschullehramt beworben. In der Wohnung von Deryas Vater treffen sich Freunde, um zu trauern Ein paar Stunden bevor sie das Fahrrad schmückt, sitzt Abdalla in Köln-Kalk im Wohnzimmer von Ersin Seyhun. Er ist Deryas Vater. Bei ihm haben sie und Kian bis zu ihrem Tod gelebt. Bei ihm haben Familie und Freunde nach dem Femizid getrauert. Etwa 40 Leute saßen auf den beiden großen Sofas, auf Stühlen und auf dem Boden, tranken Çay, aßen Suppe, erinnerten an Derya und Kian. Ersin Seyhun hat Videos gedreht. Manchmal sieht er sie an, wenn er trauert. Neben Abdalla sitzt an diesem Sonntag eine weitere Freundin von Derya. Lilly S., die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will, erinnert sich gerne an Deryas Lachen, das den ganzen Raum erfüllte, und an ihr großes Herz. S. sagt, Derya habe sich für andere eingesetzt. Sie habe gewollt, dass es allen gut gehe. Abdalla ergänzt, dass es Derya gewesen sei, die Anil in die Freundesgruppe integrierte – den Mann, der sie später tötete. In der Schule sei er eher ein Außenseiter gewesen, „standardnett“, aber „langweilig“. Als Derya schwanger wurde, weihte sie Abdalla nicht ein. Heute glaubt Abdalla, dass ihre Freundin nicht „als die Schwangere abgestempelt“ werden wollte. Derya habe „einfach durchgezogen“, noch eine Woche vor der Geburt habe sie in hohen Schuhen gearbeitet. Sie habe sich gewundert, dass Derya zugenommen hatte, aber gedacht, „wenn man so viel Fast Food isst wie Derya, kann man halt auch dick werden“. Über Deryas Figur hätten sie sich sogar lustig gemacht, der Hashtag „#fätt“ sei zu einem „Insider“ geworden. Plötzlich klingelt das Handy von Diana König Am 7. März 2019 klingelte kurz nach zwölf Uhr das Telefon von Diana König. Was dann passierte, erzählt sie so: Ihr Onkel, der Bruder von Lydia, war dran. Er schrie in den Hörer: „Die Lydia ist tot!“ König sagte: „Ej, mach kein Scheiß, babbel nicht sowas. Die ist daheim. Die muss daheim sein.“ Der Onkel unterbrach sie: „Nein. Hör mir jetzt zu. Sie ist tot. Er hat sie umgebracht.“ König legte auf. Sie schrie. Gemeinsam mit ihrer Mutter fuhr sie zur Polizei. Dort zeigte man ihnen den Geldbeutel von Lydia. König war überrascht von dem, was darin steckte: zwei Fotos von Lydias Sohn. Und eines von ihr, als Kind. In den Monaten nach der Tat hielt König es nicht aus, allein zu sein. Sie ging ins Büro. Sie lief durch den Wald und schrie. Saß sie bei 17 Grad in ihrer Wohnung, bekam sie Schweißausbrüche. Im Supermarkt wollte sie Wurst, Käse und Brot kaufen, vergaß aber Wurst und Käse. Immer wieder versagte ihr plötzlich die Stimme. Der Kopf rotierte, der Mund stand offen, nichts kam raus. Dazu die Wut: Wie konnte der Mann, den sie so lange kennt, der bei so vielen Geburtstagen mit ihr am Tisch saß, so etwas tun? „Warum habe ich das nicht kommen sehen?“ Sie machte sich Vorwürfe: „Warum habe ich das nicht kommen sehen?“ Im Kopf durchlebte sie Momente mit Lydia noch einmal. Momente, in denen es Warnzeichen gab. Die Familienfeier, als Lydias Mann anrief und sie anschrie: „Komm nach Hause!“ Der Einkaufsbummel vor Weihnachten, als Lydia nur auf ihr Handy starrte und mehrmals ihren Mann anrief, um zu sagen, wo sie waren. Es waren Momente, die König als „befremdlich“ empfand, wie sie heute sagt. Genervt sei sie gewesen, deshalb habe sie nichts gesagt. Und sie musste vieles regeln: Wohnung ausräumen. Stellplatz für Lydias Auto suchen. Anwalt finden. Sicherstellen, dass „der Täter“, wie sie ihn seither nennt, nichts mehr für Lydia entscheiden darf. Er, der mutmaßliche Mörder, war vor dem Gesetz weiterhin ihr Ehemann. Bilder und Videos erinnern an Derya und Kian Saskia Abdalla greift zum Smartphone, öffnet den Ordner „Derya & Kian“ und beginnt, durch die Fotos zu wischen: Derya und Kian im Aufzug, Kinderbücher in der Hand, ausgeliehen in der Bibliothek. Der Säugling Kian, schlafend auf Saskias Brust. Derya beim Feiern auf der Straße. Und auf einmal war sie tot. Am 15. November 2021 wurde Derya den ganzen Tag vermisst. Kurz vor Mitternacht meldete sich Deryas Stiefmutter bei Abdalla: Man habe Deryas Leiche gefunden, am Niehler Hafen. Von Kian keine Spur. Die Polizei suche nach ihm. Abdalla konnte es nicht glauben. Sie schrieb ihren Freundinnen, Lilly S. war als Einzige noch wach. Sie telefonierten. Bis vier Uhr morgens schrieben sie bei Whatsapp. Die Familie vermutete zu diesem Zeitpunkt schon, dass Kians leiblicher Vater der Täter sein könnte. S. schrieb Abdalla: „Das war Femizid.“ Sie hört zum ersten Mal den Begriff „Femizid“ Es war das erste Mal, dass Abdalla den Begriff hörte. In den Wochen danach begann sie zu verstehen: Es gibt Morde. Und es gibt Morde, bei denen das Geschlecht einer Frau eine Rolle spielt: weil ein Mann ihr nicht zugesteht, eigene Entscheidungen zu treffen. Weil er nicht erträgt, dass sie einen neuen Partner hat. Oder weil er keine Verantwortung für ein gemeinsames Kind übernehmen will. Am 16. November 2021 wurde Kians Leiche gefunden. Bis nach Worringen, 15 Kilometer von Köln-Niehl entfernt, hatte die Strömung seinen kleinen Körper getrieben. „Hätte ich Derya von dem Treffen abhalten können?“ Diese Frage wühlte Abdalla auf. Nachts schlief sie nicht, tagsüber blieb sie im Bett. In den Uni-Kursen konnte sie nicht folgen, nickte öfter ein. Sie bekam keinen Bissen mehr runter. Wie kann sie essen, wo Derya nicht mehr da ist? Wie kann sie so normale Dinge tun? „Ich hatte das Gefühl, ich betrüge sie, wenn ich mein Leben weiterlebe.“ Der Prozess von Derya Seyhun Drei Wochen nach dem Tod von Derya und Kian liefen durch das Zentrum von Köln 150 Personen mit selbstgemalten Plakaten: „Kian liebte Dinos“ und „Derya liebte es zu lachen, zu tanzen, zu leben“ stand darauf. Der mutmaßliche Täter saß in Untersuchungshaft. Derya und Kian waren beigesetzt, Medien fragten die Seyhuns seltener an. Mit dem Trauermarsch wollten sie den Fall wieder in die Öffentlichkeit rücken. Saskia Abdalla sprach an diesem Dezemberabend in ein Mikrofon. Es war das zweite Mal in ihrem Leben, dass sie eine Rede hielt. Beim Abiball tat sie es mit Derya, nun für Derya. Videos dokumentieren, wie Abdalla sagt: „Wir wollen Derya und Kian die Stimme geben, die ihnen geraubt wurde. Wir finden, dass die Gesellschaft aufgeklärter sein muss, wenn es um Femizide geht. Denn täglich versucht ein Mann, eine Frau zu töten, und an jedem dritten Tag gelingt es ihm.“ Sie sei damals sehr wütend darüber gewesen, dass nur lokale Medien über den Femizid an ihrer Freundin berichteten, erzählt Abdalla heute. Und darüber, wie sie es taten: mit Verständnis für Anils Handeln. Die Angehörigen von Derya bekommen im Prozess nicht die Antworten, die sie sich erhofft hatten Sieben Monate später, am 6. September 2022, urteilte das Gericht: Mord aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen in zwei Fällen. Die Richter stellten die besondere Schwere der Schuld fest, Anil habe „besonders kaltblütig“ gehandelt. Er stach Derya mit dem Messer achtmal in Hals und Brust, Kian sechsmal. Durch diesen Schuldspruch wird er mehr als 15 Jahre im Gefängnis sitzen. Familie und Freunde bekamen das Urteil, das sie gefordert hatten. Antworten bekamen sie nicht – obwohl Anil am achten von zehn Prozesstagen gestand: Er habe sieben Wochen vor der Tat erfahren, dass er der Vater von Kian sein solle. Er hatte das Gefühl, „in die Verantwortung hineingezogen zu werden“. Er war sich sicher, seine Eltern würden ihm „mindestens große Vorwürfe machen“. Es sei „der nicht wiedergutzumachende Fehler meines Lebens“, dass er zum Messer gegriffen habe. Lilly S. war an acht Prozesstagen anwesend, jedes Mal reiste sie von ihrem Studienort Würzburg nach Köln, verpasste deswegen sogar eine Prüfung. Sie spricht von einem „taktischen Geständnis“. Weil sich Indizien gegen ihn häuften, habe er gestanden, um die Strafe zu mildern. Er hätte auch früher gestehen können, um den Angehörigen Leid zu ersparen. Abdalla sagt: „Wenn er rauskommt, ist er 40, dann kann er sein Leben neu starten. Das ist schmerzhaft, weil in 15 Jahren werde ich immer noch zum Grab gehen und mit dem Grab reden.“ Der Prozess von Lydia Fünf Monate nach Lydias Tod begann der Prozess gegen ihren Ehemann. Er wurde wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Beide Seiten gingen in Revision. Die Verteidigung forderte ein niedrigeres Strafmaß, die Staatsanwaltschaft fand, das Urteil sei „hinter seiner Schuld zurückgeblieben“. Der Bundesgerichtshof folgte dieser Sichtweise: Das Mordmerkmal der Heimtücke sei „mit nicht tragfähigen Erwägungen verneint worden“. Der Fall musste neu verhandelt werden. König sah das als ersten Erfolg. Doch sie wusste, wie viel Kraft ein Prozess abverlangt. Würde sie das noch einmal durchstehen? Aus ihrer Sicht verhandelten die Richter über Lydias Würde, und es war ihre Aufgabe, sie zu verteidigen. Diana König kämpft gegen die „Schuldumkehr“ Vor den Nachbarn, die in ihrer Aussage von einer „Vorbildehe“ sprachen, Lydias Mann habe „immer so nett gegrüßt“. Vor den Verteidigern, die sagten, „mit jedem Mal, wo sie gegangen ist, hat sie den Partner verletzt“. Vor der „Schuldumkehr“, die sie bis heute wütend mache, sagt König. Als sie die schwere Holztür des Sitzungssaals im Landgericht Frankenthal zum zweiten Mal öffnete, fühlte sie sich stärker als beim ersten Mal, so erzählt König es heute. Auf dem Weg in den Zeugenstand habe sie tief durchgeatmet, wie mit ihrem Therapeuten trainiert, und sich stark gemacht: „Wenn du stotterst, dann stotterst du. Aber du schaffst das.“ Den Mann auf der Anklagebank sieht Diana König nicht an Den Mann auf der Anklagebank sah sie auch dieses Mal nicht an, als sie den Richtern erzählte, wie „gelöst“ Lydia war, als sie frei war. Und wie „gehetzt“ in der Beziehung. Wie er sie einengte, den Kontakt zur Familie verbot, bei ihr im Laden auftauchte. Wie sie sich dafür schämte. Wie sein Misstrauen immer größer wurde, er die Schlinge immer enger zog. Zwischen 2013 und 2019 trennte sich Lydia sechsmal. In diesen Phasen, so geht es aus der Akte hervor, gab der Mann sich hilflos, appellierte an ihr Pflichtgefühl. „Ich weiß nicht, wie ich mir Zucker messen kann. Bitte ruf mich an und hilf mir“, schrieb er ihr. Wenn sie ging, schrieb Lydia ihre Gründe auf Zettel, auch das ist in der Akte dokumentiert: Er bevormunde sie, sie fühle sich eingeschränkt. Worum es ihr ging, begriff er in all den Jahren nicht. Das zeigt eine SMS, die er einen Monat vor der Tat sendete: „Lydia, warum quälst du mich so? Geht es also doch um jemand?“ Lydia habe nicht damit rechnen können, dass er die Waffe bereitgelegt hatte, argumentierte die Kammer im zweiten Prozess. Sie erkannte „deutliche Anzeichen von Eifersucht“. Der Angeklagte handelte laut Urteil „auch aus der Bestrebung heraus“, seine Frau durch den Tod „dauerhaft zu besitzen“. Die Richter verurteilten ihn wegen Mordes aus Heimtücke und unerlaubten Waffenbesitzes zu lebenslanger Haft. Für den Angeklagten, 71 Jahre alt, dürfte das lebenslang bedeuten. Über das Urteil war König erleichtert. Endlich würde „der Täter“ sehen, wie es ist, unter Kontrolle zu sein. Doch es gab eine Situation, die lässt sie bis heute nicht los: die Aussage des Hausarztes, der Lydia und ihren Mann behandelt hatte. Der Arzt sagte aus, Lydias Mann habe mehrfach gedroht, ihr etwas anzutun – und ihrer Familie. So ist es in der Akte dokumentiert. Nicht wörtlich enthalten ist der Satz, den König nicht vergessen kann und den sie so wiedergibt: „Bei erneutem Fehlverhalten bringe ich die Familie um.“ Das Leben ohne Lydia Nach dem „Kampf für Lydia“ begann für König der „Kampf zurück zu mir“. Für ihre körperlichen und seelischen Beschwerden hatte sie inzwischen einen Namen: posttraumatische Belastungsstörung. In einer Klinik fand sie Hilfe, vor allem in den Einzelgesprächen mit dem Therapeuten. Endlich war da jemand, der „nicht voreingenommen und nur für mich da war“. Nach der Therapie trat sie einer Online-Selbsthilfegruppe für Femizid-Hinterbliebene bei. Bei Instagram begann sie, Posts von Frauenrechtsorganisationen zu teilen. In Ludwigshafen vernetzte sie sich mit dem Arbeitskreis Häusliche Gewalt, mit dessen Mitgliedern sie seither am 25. November die Demonstration gegen Gewalt an Frauen organisiert. Sie las Artikel zu Femiziden. Den Begriff kannte sie aus den Medien, nun wollte sie ihn richtig verstehen – auch, um ihn Freunden und Bekannten zu erklären. „Jetzt, wo Lydia tot ist, gibt es kein normales Leben mehr“ „Wenn ich denen sage, eine Frau wird getötet, weil sie eine Frau ist, verstehen die das nicht. Ich sage immer: Es geht um Kontrolle. Der Mann glaubt, eine Frau zu besitzen. Wenn sie sich trennt, glaubt er die Kontrolle zu verlieren.“ Das Feedback sei bis heute überwiegend positiv, immer wieder stoße sie aber auch auf Unverständnis. Eine Bekannte habe gesagt: „Mensch, jetzt habt ihr so lange gekämpft und habt gewonnen: Warum hörst du nicht auf?“ Eine andere habe gemeint: „Diana, du musst in dein normales Leben zurück!“ König sagte: „Jetzt, wo Lydia tot ist, gibt es kein normales Leben mehr.“ Seit Mai leitet König eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen „Lydia“. Alle zwei Wochen trifft sie von Gewalt betroffene Frauen in Ludwigshafen. Bis zu fünf Frauen sitzen in der Runde. Manche melden sich zu drei Treffen an – und kommen kein einziges Mal. „Die Scham ist ein großes Thema“, sagt König. Wenn sie postet, Demonstrationen organisiert, mit Betroffenen spricht, sei Lydia ihr ganz nah. „Es gibt mir Kraft, ihr eine Stimme zu geben – und all den anderen, die keine Stimme mehr haben.“ Das Leben ohne Derya Im Januar 2022 haben Saskia Abdalla und Lilly S. einen Instagram-Account gestartet. Unter @femizide_stoppen dokumentieren sie seither jeden gewaltsamen Tod einer Frau in Deutschland. Mehr als 60.000 Personen folgen dem Konto. In den Posts beschreiben sie die Tat und deren Vorgeschichte. Und sie zählen: Um den wievielten Femizid des Jahres handelt es sich? Sie tun das, was sie von offizieller Seite vermissen: Das Bundeskriminalamt zählt Jahr für Jahr die Tötungen von Frauen durch (ehemalige) Partner. Tötungen durch Väter, Brüder oder Freunde erfasst die Behörde nicht. Deryas Femizid fehlt in der Statistik, weil sie nicht mit dem Vater von Kian zusammen war. Um die Fälle zu recherchieren, klicken sich die Freundinnen mindestens eine Stunde pro Tag durch Onlineartikel. Manchmal bekommen sie Hass und Drohungen, viel öfter aber Dank und Anerkennung. Eine Nutzerin schrieb: „Es tut mir unaussprechlich leid, dass ihr eure Freundin und ihren Sohn verloren habt. Das, was ihr aber aus diesem Schmerz heraus erschaffen habt, das ist etwas unglaublich Wertvolles, Starkes, Verbindendes.“ Bis heute schreibt Saskia ihrer Freundin bei WhatsApp Der Account, die Demos, die Gespräche – all das hilft. Trotzdem fühlt Saskia Abdalla „immer diese Lücke“. Ihr sei nun klar, dass sie Derya nicht von dem Treffen mit Anil hätte abhalten können. Derya habe ihm vertraut. Doch die Leere „tut einfach nur weh“. Wenn sie durch eine Prüfung fällt, kann Derya sie nicht trösten. Wenn sie im Referendariat unsicher ist, kann Derya nicht helfen. Bis heute schreibt sie Derya bei Whatsapp, das sei „wie ein Ritual“: „Alle dumm außer wir“, „miss you“, „miss you jetzt noch mehr“, „Ich habe bestanden, offiziell Akademikerin“, „Wer hilft mir bei meinem Brautkleid?“. Es sind Nachrichten wie früher. Jetzt bleiben sie ohne Antworten. Mitarbeit: Julia Bellan
