Herr Klein, Sie scheiden im Sommer aus Ihrem Amt als Antisemitismusbeauftragter und werden Botschafter bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Wollten Sie das so? Nach dann rund acht Jahren in diesem Amt und vier weiteren Jahren, in denen ich mich im Auswärtigen Amt mit Antisemitismus und Holocausterinnerung beschäftigt habe, hielt ich es für an der Zeit, mich beruflich einem neuen Thema zuzuwenden. Mein Hintergrund ist ein diplomatischer, und im Auswärtigen Amt hat man das Rotationsprinzip, das ohnehin alle vier Jahre einen Wechsel vorsieht. Kontinuität ist eine wichtige Voraussetzung, um diese Arbeit gut zu machen, aber es tut dem Amt ebenfalls gut, wenn nach einer Zeit jemand anderes übernimmt. Es war etwas Besonderes, als Beamter in dieses politische Amt zu kommen, neue Strukturen aufzubauen, der Erste in diesem Amt zu sein. Kann man sagen, dass es kaum ein Amt gibt, bei dem man so im Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Debatten steht wie in diesem? Ja, das würde ich sagen. Antisemitismusbekämpfung ist ein Querschnittsthema, ich habe in meiner Amtszeit mit allen Ressorts der Bundesregierungen Kontakt gehabt, Projekte besprochen und Antisemitismus bekämpft. Das löst auch Kontroversen aus. Ich hätte etwas falsch gemacht, wenn es nicht so gewesen wäre. Das Amt kann man gar nicht still ausüben. Wenn man etwas verändern will, muss man auch mal laut werden. Das habe ich nach Kräften versucht. Haben Antisemiten Sie auch persönlich angefeindet? Ich wurde angefeindet, aber glücklicherweise nicht körperlich. Es gab im Alltag Situationen, in denen ich in unangemessener Weise angesprochen wurde und auch entsprechende Mails habe ich bekommen. Das ist unschön – aber dass ich Widerspruch bekommen würde, war mir klar. Eine kräftezehrende Aufgabe. Auf jeden Fall. Alles, was man tut, sollte man mit Herzblut machen, aber gerade bei diesem Amt kommt es entscheidend darauf an. Man wird auch belohnt dadurch, dass man gehört wird. Welche Begegnung wird Ihnen besonders im Gedächtnis bleiben? Es gab diverse berührende Momente. Einer davon war dieser: Im Generalkonsulat in New York hatte ich die Ehre, bei einer Veranstaltung dabei zu sein, bei der Nachkommen deutscher Juden wieder die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten haben. Da habe ich mit einer Familie gesprochen, deren Vater eingebürgert wurde. Für ihn und die Familie war die Einbürgerung Anlass für ein Freudenfest. Es hat mich zu Tränen gerührt, von dem Vertrauen zu hören, das er in Deutschland hat – in das Land, das seine Vorfahren ins Exil getrieben und viele Verwandte umgebracht hat. Können Juden heute noch auf eine sichere und gute Zukunft in Deutschland vertrauen? Die politische Führung unseres Landes mit den maßgeblichen demokratischen Kräften sowie die Polizei und die Sicherheitskräfte tun alles dafür, um das sicherzustellen. Gleichzeitig ist die Lage dramatisch. Antisemitische Straftaten sind sehr stark gestiegen und auch die Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze, die die Lebensqualität von Jüdinnen und Juden so einschränken. Dabei spielen Faktoren eine Rolle, die die Politik nicht allein beeinflussen kann. Die Spannungen im Nahen Osten etwa haben unmittelbaren Einfluss auf Antisemitismus in Deutschland. Was sich auch nach dem 7. Oktober 2023 gezeigt hat. Es ist so unglaublich falsch, dass Juden in Deutschland für das verantwortlich gemacht werden, was im Gazastreifen passiert. Diesen Mechanismus versuche ich mit aller Kraft zu überwinden, denn dadurch wird auch die Erinnerungskultur angegriffen. Dem müssen wir mit Bildung und Aufklärung entgegenwirken, auch dadurch, dass wir die jüdische Community selbst zu Wort kommen lassen. Hier muss ich auch sehen, dass es Grenzen meines Amtes gibt und die Debatte nicht nur von der Politik, sondern auch von der Zivilgesellschaft geführt werden muss, um als Gesellschaft resilient zu werden. Wie hat sich der Antisemitismus in den vergangenen acht Jahren entwickelt? Er hat sich immer aggressiver gezeigt, durch soziale Medien, die politischen Ereignisse, auch die Pandemie zum Beispiel hat stark dazu beigetragen. Mit den politischen Ereignissen meinen Sie den wachsenden Einfluss der AfD? Ich meine das Erstarken von Rechtspopulisten und deren Angriffe auf die Erinnerungskultur, die auch die Gräueltaten der Nationalsozialisten relativieren. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht für Überlebende der Schoa und ihre Nachkommen. Wer wird Ihr Amt übernehmen? Die Nachfolge ist noch offen, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat mir gesagt, dass er sich persönlich um die Nachfolge kümmern wird. Es gibt gute Kandidaten, und ich bin sehr zuversichtlich, dass die Bundesregierung eine gute Entscheidung treffen wird. Ganz wichtig ist, dass die Person die Unterstützung des Zentralrats der Juden bekommt, sonst kann man das Amt nicht gut ausführen.
