FAZ 16.02.2026
15:04 Uhr

Feiern mit Charli XCX: Wir haben die Gästelistenjagd tatsächlich gewonnen


Wie kommt man auf die begehrteste Berliner Party des Jahres? Mit viel Glück und einem neuen Abo-Modell hat unsere Autorin es geschafft – und mit Charli XCX im Studio 1111 gefeiert.

Feiern mit Charli XCX: Wir haben die Gästelistenjagd tatsächlich gewonnen

Es gibt nur eine Britin, zu der ­Berliner aufschauen, wenn es um Partys geht: Charli XCX. ­Dafür sorgte das neongrüne ­Album „Brat“ aus dem Jahr 2024 – eine Mischung aus Club-Pop, Hyperpop, Electroclash und Dance, geprägt von emotionalen Texten, eine Hymne des Hedonismus. Zurzeit ist die Sängerin mit dem ­Mockumentary-Film „The Moment“ auf Pressetour – eine Art Abschiedstournee mit den wirklich letzten Promo-Terminen rund um das Brat-Universum. In dem Film spielt Charli sich selbst und setzt sich humoristisch-fiktiv mit ihrem Erfolg – und den Schattenseiten – nach dem sechsten ­Studioalbum auseinander. Umso größer war die Aufregung, als klar wurde, dass sie zur Berlinale kommen würde – inklusive ­After-Party im Szeneclub „Studio 1111“. Die Plätze auf der Party waren streng ­limitiert. Aber kein Problem – die Gästelistenjagd ist ein Sport, in dem man in ­Berlin geübt ist. Um als Normalo dazu­gehören zu können, gibt es überschaubare Optionen: Entweder man kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt – die angenehmste Variante. Oder man schickt auf gut Glück den DJs eine Instagram-Direktnachricht – diese Vari­ante erfordert ein gewisses Maß an Demut, kann aber erstaunlich effizient sein. Die Aufnahme in die Takt-Community unterliegt einem undurchsichtigen Auswahl­verfahren Seit Ende vergangenen Jahres gibt es eine dritte Variante namens Takt – eine Art Community-Modell, bei dem man zu einem monatlichen Abonnementpreis von zwölf Euro drei Gästelistenplätze bei einer Auswahl exklusiver Veranstaltungen und Konzerte bekommen kann. Natürlich kann man nicht einfach so teilnehmen; die Aufnahme in die Takt-Community unterliegt einem undurchsichtigen Auswahl­verfahren. Beim Bewerbungsprozess wird man etwa nach einem Lied gefragt, das einen am besten beschreibt, nach den Partyreihen, die man in Berlin besonders schätzt, und natürlich nach dem Instagram-Profil – der Visitenkarte des digitalen Zeitalters. Danach heißt es abwarten, ob man von der ­gesichtslosen Takt-Jury akzeptiert wird. Entweder bekommt man eine Nachricht, in der man beglückwünscht wird, es ­geschafft zu haben. Oder man wird nach typischer Berlin-Dating-Manier ­einfach geghostet. Keine Antwort ist die Antwort. Diesem würdelosen Musterungsprozess unterzieht man sich nicht für jeden. Aber bei der Aussicht, Charli XCX live sehen zu können, ist jede Selbstachtung schnell vergessen. Angeblich wurde per Losverfahren entschieden, welche Takt-Jünger es zur Party mit Charli XCX schaffen sollten. Die Whatsapp-Gruppen liefen demzufolge heiß: Hatte schon jemand etwas gehört? Schließlich bekamen eine Freundin und ich tatsächlich das Go – wir hatten die Gästelistenjagd gewonnen. Unsere Namen standen auf der Liste – und der von Timothée Chalamet Also Samstagabend ins „Studio 1111“. Takt hatte Wort gehalten, unsere Namen standen auf der Gästeliste, neben denen von Timothée Chalamet, Kylie Jenner und Dua Lipa. Auf der Tanzfläche ließen sich die drei Prominenten den Abend über ­jedoch nicht blicken – laut ­unbestätigten Gerüchten waren sie immerhin im VIP-Bereich. Egal, denn auf jeden Fall erschien gegen halb eins Charli XCX im Gewusel hinter dem DJ-Pult, das sie jedoch ihrem Mann George Daniel überließ. In ihrer ­Entourage war auch Aidan Zamiri, der bei „The ­Moment“ Regie führte. Sie alle wurden mit ­Jubel, Pfiffen und einem Meer aus filmenden Smartphones begrüßt – für einen Moment fielen die Fassaden teilnahms­loser Coolness der Berliner Kreativszene. Und Charli XCX zeigte am Samstagabend – oder besser Sonntagmorgen – wieder einmal, was es heißt, Brat zu sein, also eine Göre. Während von Frauen oft erwartet wird, brav und angepasst aufzutreten, liefert sie den Gegenentwurf: rauchend, bis in die frühen Morgenstunden tanzend, sich vollkommen dem Hedonismus des Nachtlebens hingebend. Das kann man nun gut finden oder nicht – im „Studio 1111“ waren sich alle einig, noch einmal für einen Abend lang Brat zu sein. Aber auch die größte Brat sieht wohl ein, dass das Partyleben kein Dauer­zustand sein kann. Mit dem Film „The ­Moment“ wolle sie nun endgültig ihre Brat-Ära beenden, sagt Charli XCX auf der Berlinale-Pressekonferenz. Als gegen halb fünf Uhr morgens DJ Petite den Hit „365“ anstimmte – das letzte Lied des „Brat“-Albums – war kein Halten mehr. Noch ein letztes Mal sprangen alle im Takt, wedelten mit Zigaretten und Fächern durch die Luft. Danach zog sich Charli XCX in den VIP-Bereich zurück. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.