FAZ 05.03.2026
08:34 Uhr

Fastenpredigt: Merkel und die Römer


Merkels Fastenpredigt im Kloster Maria Laach

Fastenpredigt: Merkel und die Römer

Der Apostel Paulus hat der ehemaligen Bundeskanzlerin an diesem Abend im Kloster Maria Laach eine Aufgabe gestellt, die nur Angela Merkel schultern kann: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ So heißt es im Römerbrief, Kapitel 12, und Merkel soll an diesem Abend eine Fastenpredigt darüber halten. Das Kirchenschiff ist übervoll, draußen vor der Basilika wartet noch eine Menschentraube vergeblich auf Einlass, als drinnen schon aus Mendelssohns dritter Orgelsonate gespielt wird. Benediktinermönche haben im Chorgestühl Platz genommen, gleich werden sie in der Sprache der Römer im Wechsel aus den Psalmen lesen. Dann folgt der Höhepunkt dieses Vespergottesdienstes: Merkel hält ihre Predigt. Wandel und Erneuerung, davon gebe es mehr als genug in dieser Welt, wird Merkel sagen, aber zunächst führt sie uns nach Pompeji, wo das römische Reich noch heute besichtigt werden könne, so wie es war, als Paulus seinen Brief schrieb. Da gab es die Wohlstandsbürger, und es gab die Sklaven, deren Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. In diese Welt platzte, so Merkel, das Christentum mit seiner Lehre, die alle einschloss, die Reichen, aber vor allem die Armen und Getretenen. Das sei heute so fordernd wie damals für die Römer, ein wohlgefälliges Opfer müsse gebracht werden, um neu zu denken, Gewohntes infrage zu stellen, für Christen eine Lebensaufgabe, wie Paulus schreibt, die zum Handeln verpflichte. Krieg, Hass und das Klima Merkel kommt schnell zur Gegenwart. Wie erreicht ein Politiker hier das Gute, Wohlgefällige, Vollkommene? Muss er sich auch erneuern, wandeln, sich nicht dieser Welt angleichen? Welcher Welt? Merkel sieht drei Herausforderungen: die geopolitische, die der sozialen Medien und der KI sowie die Bewahrung der Schöpfung – kurz: Krieg, Hass und das Klima. Merkel erwähnt die Ukraine, Trump und die finanziellen Ressourcen, die nun angesichts einer ganz neuen Bedrohung (Putin erwähnt sie nicht) neu verteilt werden müssten. Dass jeder Bürger deshalb Zumutungen in Kauf nehmen müsse, sagt sie nicht direkt, aber am Status quo festhalten zu wollen und gerechte Verteilung so zu verstehen, dass immer nur die anderen Zumutungen tragen müssten, sei nicht der richtige Weg. Ein Satz, der nicht fehlen darf Und die KI, die sozialen Medien? Seien wir bereit, uns gegen Hetze, gegen Ausgrenzung zu stellen, fragt Merkel. Seien wir stark genug, Lügen entgegenzutreten? Dann fällt der Satz, der wohl in keiner Rede Merkels fehlen darf, der erste Satz aus dem Grundgesetz: Die Würde des Menschen sei unantastbar. Meistens geschah das zu einem Thema, das Merkel an diesem Abend seltsamerweise gar nicht streift, zur Migration, zur Flüchtlingspolitik, zum Pompeji-Moment ihrer Regierungszeit, in dem sie den Bürgern im Namen des Guten und Wohlgefallens am meisten abverlangte. Unter ihren Römern, die das alles schaffen sollten, rief das bis heute den größten Widerstand hervor. Die Welt, an die man sich nicht anpassen soll, ist auch deshalb eine andere geworden. Beim Klima dagegen hält sich Merkel etwas länger auf. Ihr sei es in ihrer Amtszeit nicht gelungen, mit anderen zusammen die Welt vor einer katastrophalen Entwicklung zu schützen. Vieles sei damals national und international auf den Weg gebracht worden. Aber: „Es war nicht genug“, sagt Merkel, was sie vielleicht auch zu den beiden anderen Punkten sagen könnte. War es genug, was gegen Putin unternommen wurde? War es genug, was gegen Hass und Hetze unternommen wurde? Ist es jemals genug? „Als Christen müssen wir etwas tun“ Es stelle sich die Frage, sagt Merkel, „ob wir Menschen tatsächlich willens und in der Lage sind, im Sinne des Vorsorgeprinzips rechtzeitig zu handeln“. Das laste schwer auf uns. Zur Ermutigung durch den Apostel, der sich vom Saulus zum Paulus verwandelt habe, sagt Merkel an anderer Stelle, gehöre auch, dass Fehler gemacht werden dürften. Aber Fehler als Entschuldigung dafür zu nehmen, nichts zu tun – das gehe gar nicht. „Als Christen müssen wir etwas tun“, Paulus mache jedenfalls Mut dazu, sich nicht in dem Gedanken zu verlieren, man könne ja doch nichts machen. Die Mönche erheben sich zum Hymnus, im Wechsel ihres Gesangs halten sie für Merkel und alle, die gekommen sind, einen Trost bereit. „Erhabener Erforscher der Herzen“, singen sie, „du kennst die Schwäche der Kräfte. / Den zu dir Zurückgekehrten schenke die Gnade der Vergebung.“ In den Fürbitten wird für die österliche Bußzeit um „die Erneuerung unseres Weltbildes“ gebeten. Es gibt Applaus für die Fastenpredigt, für den Gottesdienst, für Merkel, wohl auch aus Dankbarkeit und Erleichterung darüber, dass sie ganz die Alte ist und in Pompeji oder Maria Laach nicht alle Römer dazu gezwungen sind, ihr Weltbild zu erneuern.