Ein „Psssst“ zieht durch die Traube zusammengesteckter Köpfe backstage nach der Schau von Marni. Mittendrin steht die neue Chefdesignerin der Marke und erklärt ihr Debüt. Die Modeleute hören konzentriert zu, immer wieder zischt es von irgendwoher, weil eben doch nicht alle still sind. Meryll Rogge erzählt, wie sie sich von den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren inspirieren ließ, was den Kundinnen Marni-Mode damals bedeutete – und wie sie, Rogge, Marni selbst trug. Lange bevor die Belgierin Marni-Designerin wurde, war sie nämlich Marni-Kundin. Da waren der Marni-Rock, den sie als Jugendliche zur Hochzeit ihres Bruders trug, und die Marni-Holzclogs, die sie sich vom ersten Gehalt als junge Designerin bei Marc Jacobs leistete. Die Marke traf damals mit ihrem eklektischen Stil unter Kreativen einen Nerv. Meryll Rogge schaut in ihrer ersten Kollektion zurück auf diese Zeit und bietet zugleich etliche Versatzstücke für die Garderobe von heute: dicke Anoraks in den für das Haus typisch mutigen Farben wie Grasgrün und Sonnenblumengelb, Strickteile mit Reißverschlüssen, Klimperschmuck. „Wir“, und damit meint Meryll Rogge ihre Leute im Team, „wollen diese Stücke selbst tragen, ehren und für lange Zeit behalten.“ Irankrieg: eine weitere Unsicherheit Die Luxusbranche hat gerade wenig Anlass für Jubel. Die meisten Marken verkaufen weniger Waren. Das hat mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten zu tun. Und Luxus ist, wie der Begriff schon sagt, entbehrlich. Donald Trumps Zollüberraschungen machen das Exportgeschäft zudem unberechenbar. Damit, dass die Chinesen bald wieder in die Läden strömen, rechnet niemand mehr. Und während noch unklar ist, inwiefern der Irankrieg das bislang stabile Konsumklima in den Golfstaaten bedrohen könnte, ist für die italienischen Luxusmarken seit dem Wochenende eine weitere Unsicherheit dazugekommen. Immerhin das ist gewiss: Jeder braucht etwas zum Anziehen. In Mailand, wo sich zwischen die Olympischen und die Paralympischen Spiele noch die Modewoche gequetscht hat, beschäftigen die Designer sich in ihren Kollektionen für den nächsten Herbst mit dieser simplen wie elementaren Aufgabe. Wobei, apropos Olympia: Von Sportswear inspirierte Mode ist für den kommenden Herbst eher nicht vorgesehen. Auch die „Fuck ICE“-Anstecker, das Accessoire dieses Winters, trägt auf der Straße niemand mehr. Auf den Laufstegen sind die Designer ohnehin vorsichtig geworden mit politischen Botschaften. Sie haben Angst, an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen. Miuccia Prada formuliert es nach ihrer Schau so: „Bei mir ist alles politisch. Und zugleich ist nichts offensichtlich politisch. Dafür würde ich kritisiert werden.“ Anzüge sind überall Zudem scheint den Designern klar zu sein, dass ein guter Look längst auch aus Kleidern der vorvorletzten Saison und ein bisschen Vintage bestehen kann. Entsprechend bringen sie viele Teile zur sanften Outfit-Aktualisierung: eine Brosche am Revers bei Boss zum Beispiel, einen dicken Schal bei Missoni, einen personalisierbaren Gürtel bei Tod’s. Das ist mäßig kreativ. Aber in Zeiten, da die Marken weniger verkaufen, werden aus Modenschauen ironischerweise umso größere Verkaufsschauen. Die vielen Anzüge sind immerhin eine Rebellion gegen das Jeans-und-Sneaker-Diktat. Wenn mal wieder ein moderner Gentleman lamentiert, der Anzug sei vom Aussterben bedroht, kann man guten Gewissens auf die Herbst-Winter-Saison 2026 in Mailand verweisen. Hier sind sie zahlreich zu sehen, für Männer wie Frauen. Zu den Highlights: Marco de Vincenzo versieht seine britisch anmutenden Pepita-Karo-Modelle mit bestickten Bordüren bei Etro, Maximilian Davis verlängert das Zweireiher-Sakko bis zum Knie bei Ferragamo, und Matteo Tamburini interpretiert den Dreiteiler bei Tod’s neu, mit passendem Hemd. Boss aus Metzingen, die Anzugmarke schlechthin, ist also in Mailand richtig. Designer Marco Falcioni ist entsprechend bemüht, gute Anzugstimmung zu verbreiten. Backstage, vor der Schau, nimmt er einen alten Katalog aus den späten Achtzigern zur Hand. Darauf zu sehen: Männer im Schnee, im Anzug. „Schauen Sie, wie glücklich sie sind. Wo sieht man so etwas noch in der Mode?“ Damals, so erinnert sich Falcioni, kombinierte man zu Hose, Jacke und Hemd noch Krawatte und Einstecktuch. Für das Styling im Herbst 2026 bedeutet das: Unter dem Blazer blitzt der Seidenschal hervor. In Block C sitzen auf den Plätzen 65 und 67: Anna Wintour und Madonna Und häufig sitzt noch ein Mantel obendrüber. Während die allgemeine Kauflaune am Boden ist, kalkulieren die Marken offenbar mit der Verzweiflung: Der Wintermantel ist schließlich das erste Stück im Kleiderschrank, das man irgendwann nicht mehr sehen kann. Bei Max Mara sind die Schultern gerundet, die Knöpfe winzig. Ferragamo kommt mit zweifarbigen Modellen, versetzt Knopfleisten, steppt das Leder – womit ein echter Beweis für die Handwerkskunst aus diesem Land vorliegt. Es ist jedenfalls ein besserer als die vielen hohlen Phrasen, die bei diesem Stichwort gerne herbeigezogen werden. Dolce & Gabbana setzt derweil die Knöpfe gleich auf den Rücken. Die Models auf dem Laufsteg drehen sich, damit die Fotografen auch dieses Detail aufnehmen. Die Bilder sind natürlich nichts gegen jene aus dem Publikum. In Block C sitzen auf den Plätzen 65 und 67: Anna Wintour und Madonna. Instagram ist wenige Minuten später am Samstagmittag geflutet mit Aufnahmen dieser Ikonen. Bleibt der Donnerstag, auf Instagram ist es der Prada-Tag. Einerseits, weil Meta-Chef Mark Zuckerberg wegen eines möglichen Deals mit dem Sonnenbrillenunternehmen Luxottica, das auch Prada-Modelle herstellt, bei der Schau in der ersten Reihe sitzt. Andererseits, weil Miuccia Prada und Raf Simons in einer selbst in Krisenzeiten von Maximalismus getriebenen Branche mit der schlichten Idee von nur 15 Models für ihre Megaschau kommen. „Jede Frau entscheidet ja für sich, was sie anzieht, was möglich ist“ Auch hier geht es um das An- und Auskleiden. Jedes Model erscheint also viermal, und mit jedem Auftritt legt es eine Schicht Kleider ab. Mal sind es Jacken mit zerschlissenem Stoff am Reißverschluss, mal abgewetzte Lederteile, mal ungebügelte Hemden. Mal sind es hauchdünne Seidenkleider mit floraler Perlenstickerei. Im Publikum sitzt derweil – Zufall – eine Frau mit ebendiesem Perlenmuster auf ihrem alten Prada-Strickcardigan. Er stammt aus der Herbst-Winter-Kollektion 2017. Modestücke als treue Begleiter, die mit den Jahren nur besser werden. „Jede Frau entscheidet ja für sich, was sie anzieht, was möglich ist“, sagt Miuccia Prada nach der Schau. Soll auch bedeuten: Die Designer müssen heute gar nicht mehr daran denken, Trends vorzuschreiben. Anziehen ist eben jedem selbst überlassen.
