FAZ 22.11.2025
15:47 Uhr

Farrell Und Berger: „Dieser Film hätte mich früher wahrscheinlich umgebracht“


Dreharbeiten in Macao, und man kommt kaum aus dem Bett: Im Interview verraten Hollywoodstar Colin Farrell und der oscarnominierte Regisseur Edward Berger, wonach sie süchtig sind und waren.

Farrell Und Berger: „Dieser Film hätte mich früher wahrscheinlich umgebracht“

Herr Berger, Ihr neuer Film „Ballad of a Small Player“ (zu sehen bei Netflix) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lawrence Osborne. Was genau sprach Sie an dieser Geschichte über einen verkrachten, hochverschuldeten Hochstapler und Spielsüchtigen an, den es von den britischen Inseln nach Macau verschlagen hat? Berger: Ich fand die Zerbrechlichkeit der Hauptfigur spannend, inmitten dieser Welt des Überflusses, für die Macau ja steht. Das erschien mir repräsentativ für die Welt, in der wir leben. In der wirklich alles verfügbar ist, wir davon aber eigentlich nichts brauchen. Und in der uns all diese materiellen Güter am Ende nicht wirklich glücklich machen. Der Protagonist dieser Geschichte ist getrieben von seiner Gier und einer Sucht nach Anerkennung, und er glaubt, dass er diese Anerkennung mittels materiellen Reichtums erlangen kann. Bis er dann irgendwann begreift, dass er das Glück nur in sich selbst finden kann; er muss lernen, sich selbst zu akzeptieren. Die Suche nach dem inneren Frieden war es, die mich an dem Stoff reizte. Zumal im Kontext einer so abenteuerlichen Welt wie Macau, die ich vorher nicht kannte. Deckt sich das mit dem, was Sie an dieser Rolle spannend fanden, Herr Farrell? Farrell: Ich bin immer auf der Suche nach Figuren, die einen inneren Kampf ausfechten müssen, mal mehr und mal weniger intensiv. Männer, die im Grunde ihres Herzens gute Menschen sind, aber fragwürdige Entscheidungen treffen. Oder auch solche, die man vielleicht gemeinhin als schlechte Menschen bezeichnen würde, die aber dann doch auch Gutes tun. Lord Doyle in „Ballad of a Small Player“ war dafür ein Paradebeispiel. Seine moralische Integrität ist höchst fragwürdig, er ist getrieben von einem erbärmlichen Egoismus und steckt in den Fängen gleich mehrerer Süchte. Aber ich konnte erkennen, dass er im Kern ein recht anständiger Typ ist. Weder großartig noch fürchterlich, sondern einfach anständig – und irgendwie verloren. Mir gefiel, dass da zumindest noch die Hoffnung aufglomm, er könnte vielleicht doch rechtzeitig gewisse Fehler kennen und den Bann der Gier, der Sucht und der Ausschweifungen durchbrechen. Waren Sie vorher schon mal in Macau gewesen? Farrell: Nein, und das war der zweite große Anreiz, bei diesem Projekt dabei zu sein. Ich hatte Bilder von diesem auf sehr seltsame Weise romantischen Ort im Kopf und sicherlich auch hier und da mal etwas gelesen. Die Art und Weise, wie dort uralte, fernöstliche Traditionen auf den hypermodernen Kapitalismus prallen, ist unfassbar faszinierend und auch verstörend. Aber ich glaube nicht, dass ich von mir aus darauf gekommen wäre, nach Macau zu reisen. Was bringt Colin denn mit, dass er für eine solche, eben nur fast verlorene Seele der richtige Schauspieler ist? Berger: Ich hatte über die Jahre in seinen Rollen immer wieder gesehen, wie er diese innere Wärme sichtbar macht. Selbst wenn sein Gesicht – wie in „The Penguin“ – unter pfundweise Make-up versteckt ist, verspüre ich für ihn immer eine große Empathie. Ich brauchte jemanden, bei dem das Publikum von Beginn an spürt, dass er es verdient hätte, gerettet zu werden. Diesen Rest Anständigkeit, den es dafür braucht, kann Colin nur mit seinen Augen greifbar machen. Verkorkst und chaotisch sind Worte, mit denen Sie diesen Lord Doyle an anderer Stelle beschrieben haben, Herr Farrell. Muss man als Schauspieler das Gegenteil davon sein, um sich darauf einlassen und in die Abgründe einer Sucht eintauchen zu können? Farrell: Prinzipiell würde ich sagen, dass es für mich immer wichtig ist, mental den Raum zu haben, mich auf meine Rollen wirklich einlassen zu können. Ich erinnere mich noch an eine frühere Beziehung, damals, als ich noch Hoffnungen mit so etwas verband (lacht). Jedenfalls war diese Frau immer frustriert, wenn ich zur Vorbereitung auf ein neues Projekt allein, statt mit ihr wandern ging. Ich nannte das Arbeit, aber sie dachte, sie suche nach Ausflüchten, weil ich keine Lust auf sie habe. Dabei brauche ich das wirklich, zur Vorbereitung: den Raum und die Ruhe, die Abwesenheit von den Ansprüchen des Lebens. Das sind die Phasen, wo das Drehbuch und möglicherweise meine Recherche in mir zu gären beginnen und sich für mich alles um diese Rolle zu drehen beginnt. Nach und nach fange ich an, in mir die Stimme dieser Figur zu finden – und sie wird immer lauter. Klingt das für Sie nach dem Gegenteil von verkorkst und chaotisch? Es klingt auf jeden Fall nach jemandem, der sehr genau weiß, welcher Prozess für ihn als Schauspieler der richtige ist. Aber die Frage zielte eher darauf ab, ob Sie eine solche Rolle womöglich auch hätten spielen können, als Sie selbst früher noch getrunken und mit Suchtproblemen gekämpft haben. Farrell: Ich hätte es damals sicherlich versucht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit gegen die Wand gefahren wäre. Dass ich heutzutage trocken bin und mein Leben mit sehr viel mehr Disziplin führe als früher, tut mir enorm gut. Als Vater, als Bruder, als Freund und eben auch als Schauspieler. Das heißt nicht, dass ich Asket bin, nur gesund lebe oder immer reine Gedanken hätte. Zu behaupten, mein Leben würde sich in konstanter Balance befinden, wäre eine maßlose Übertreibung. Aber mein Zugriff auf mein Bewusstsein ist ein anderer als damals, als ich noch ein aktiver Süchtiger war. Um also Ihre Frage zu beantworten: Dieser Film hätte mich wahrscheinlich umgebracht, wenn ich ihn gedreht hätte, während ich noch getrunken und Drogen genommen habe. Das wäre einfach zu viel für mich gewesen. Diese Figur steckt richtig tief drin in ihrem Murks. Und vermutlich haben Sie recht mit ihrer Andeutung: für mich war es sicherlich sehr hilfreich, dass ich mich in diese Leichtsinnigkeit, das Chaos, die Ungehemmtheit und den Schmerz hinab begeben konnte von der Position der Erdung und Vernunft, die heute größtenteils mein Leben bestimmt. Kann das Filmemachen eigentlich auch eine Art von Sucht sein? Farrell: Es hat auf jeden Fall das Potential dazu. Die Erfahrung, gemeinsam eine Geschichte zum Leben zu erwecken, ist im Idealfall enorm intensiv und kraftvoll. Es stimmt zwar, dass man viele der Menschen, mit denen man da über mehrere Wochen kollaboriert, danach womöglich nie wieder sieht. Aber diese kurze Zeit und diese flüchtigen Begegnungen können so tiefschürfend sein, dass sie dich für immer verändern. Dass du all diesen Austausch hast, diese profunden Erfahrungen machst und dich mit diesen spannenden Menschen und Themen beschäftigst, ohne dass irgendetwas davon direkte Auswirkungen auf deinen Alltag zu Hause hat, hat eine überwältigende Kraft, die berauschend sein kann. Ich verstehe sehr gut, dass man das wieder und wieder erleben will. Also geht es nicht ohne? Farrell: Ich kenne Menschen – nicht nur Schauspieler, sondern auch ganz andere Mitglieder einer Filmcrew –, die ohne die Dreherfahrung kaum leben können, worunter ihr Privatleben jahrzehntelang massiv leidet. Genau deswegen bin ich so dankbar, dass ich über die Jahre gelernt habe, auch ohne auszukommen. Ich liebe meine Zeit fernab der Arbeit, fernab eines Filmsets. Früher dachte ich, dass dieser Beruf meine Existenz ausmacht, auch wenn ich das so vermutlich nie zugegeben hätte. Heute weiß ich, dass ich mehr bin als nur das und dass es Wichtigeres in meinem Leben gibt. Wie steht es um Sie, Herr Berger? Könnten Sie glücklich sein, auch ohne dass Sie Filme drehen? Berger: Das ist nicht ganz einfach. Filme zu drehen, ist eine wunderbare Erfüllung. Man schüttet sein ganzes Herz in ein Projekt, investiert seine gesamte Energie. Dadurch erlebt man ein unbeschreibliches Hoch – und hat am Ende so etwas wie eine postpartale Depression, die einen vollkommen leer zurücklässt. Wie ein Musiker nach einer Tour erlebt man tatsächlich einen Zusammenbruch. Also macht man sich auf die Suche nach dem nächsten Projekt, um dieses Gefühl noch einmal zu erleben. Der Vergleich mit der Sucht ist also durchaus nicht verkehrt, denn natürlich will man immer wieder zurück in diese Höhen. Wobei ich mich natürlich an einem ganz anderen Punkt meiner Karriere befinde als Colin. Der erlebt all das seit 25 Jahren, mit riesigem Erfolg auf der großen Weltbühne. Ich spiele auf diesem Niveau erst seit fünf Jahren mit. Dass vor mir dieser reich gedeckte Tisch voller Hummer, Champagner und Torte steht, ist noch eine sehr neue Erfahrung. Die Versuchung ist groß, all das auf einmal zu essen – und sich danach womöglich zu übergeben. Für den Moment will ich deswegen noch zugreifen, die Pläne für die nächsten Filme stehen, bevor ich eine Pause einlege und vielleicht mal wieder fasten muss. Doch solange die Auswahl noch so üppig ist, möchte ich das nutzen. Denn ich weiß, dass der Tisch auch mal wieder leer sein wird. In der ersten Szene von „Ballad of a Small Player“ wacht Lord Doyle in seinem Hotelbett auf und stößt bei der Aussicht auf einen weiteren Tag in seiner Haut erst einmal ein herzhaftes „Fuck“ aus. So sehr, wie Sie von Ihrem Beruf schwärmen, kennen Sie solche Momente eher nicht, oder? Farrell: Oh doch, solche Momente erlebe ich durchaus. Gerade beim Dreh zu diesem Film kam das manchmal vor. Hätte mich da an manchen Morgen jemand beim Aufwachen gesehen, hätte ich wohl ausgesehen wie ein geprügelter Hund. Allerdings nicht, weil ich irgendwie meiner eigenen Existenz überdrüssig gewesen wäre, sondern weil die 14-stündigen Arbeitstage ihren Tribut forderten. Die Dreharbeiten waren anstrengend, nicht nur weil wir wenig Zeit hatten und es viele Auflagen einzuhalten galt, sowohl seitens der Regierung Macaus als auch der Casinos, in denen wir drehten. Normalerweise würde ich in solchen Fällen immer versuchen, die Erschöpfung und dieses fast an einen Kater erinnernde Gefühl abzuschütteln oder dagegen anzukämpfen. Doch für diese Rolle erschien es mir passend, mich dem völlig hinzugeben.