Im Fall der Hamburger Familie, die während ihres Urlaubs in Istanbul verstorben ist, konzentrieren sich die Ermittlungen inzwischen auf den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Dabei geht es um das Hotel, in dem Servet und Çiğdem Böcek mit ihrem sechs Jahre alten Sohn und ihrer drei Jahre alten Tochter untergekommen waren. Das türkische Justizministerium hält eine „chemische Vergiftung, die aus der Hotelumgebung herrührt“, nach einer vorläufigen forensischen Untersuchung für die wahrscheinliche Todesursache. Weniger wahrscheinlich sei eine Lebensmittelvergiftung, heißt es in einem Zwischenbericht des Instituts für Forensische Medizin, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Bei der Autopsie der Leichen wurden aber bislang keine toxischen Substanzen oder entsprechende Abbaustoffe gefunden. Auch nicht in den Blutproben, die entnommen wurden, als die Familie anfänglich wegen Übelkeit ambulant in einem Krankenhaus behandelt worden war. Das vorläufige Ergebnis stützt sich unter anderem auf die Tatsache, dass zwei weitere Gäste des Hotels wegen ähnlicher Symptome behandelt wurden. Für ein abschließendes Urteil seien zusätzliche mikrobiologische und toxikologische Untersuchungen nötig. Die Ergebnisse sollen am 28. November veröffentlicht werden. Gelangten giftige Dämpfe über den Badezimmerschacht ins Zimmer? Die Familie Böcek hatte das mittelpreisige Harbour Suites Old City Hotel im Stadtteil Fatih gebucht, der bei Touristen beliebt ist. Sie bekamen das Zimmer 201. Es liegt unmittelbar über dem Zimmer im Erdgeschoss, in dem Insektizide gegen Bettwanzen versprüht wurden – und zwar am Tag, bevor die Familie erstmals Krankheitssymptome verspürte und mit dem Taxi ins Krankenhaus fuhr, das sie jedoch wieder entließ. Laut örtlichen Medien wird vermutet, dass giftige Dämpfe über einen Badezimmerschacht in das Zimmer der Böceks gelangt sein könnten. Türkische Journalisten befragten Fachleute zur Wirkung von Aluminumphosphid. Es gibt aber keine offizielle Bestätigung, wonach diese Substanz eingesetzt wurde. Der Besitzer der beauftragten Firma hat hingegen ausgesagt, dass die synthetischen Pyrethroid-Insektizide Alfasc und Cypermetrin eingesetzt worden seien, die vom Gesundheitsministerium zugelassen seien. Proben der Mittel und die Bettlaken der verstorbenen Familie werden derzeit in Labors untersucht. Zunächst hatten die Ermittler eine Lebensmittelvergiftung vermutet. Die Böceks hatten im Stadtteil Ortaköy, den viele Touristen besuchen, Muscheln, Süßigkeiten, Pide und Kokoreç gegessen, eine türkische Spezialität aus gegrillten Lamm-Darm. Obwohl die Untersuchung der Stände und Restaurants sowie ihrer angebotenen Produkte keine Auffälligkeiten ergab, befinden sich die Verkäufer der vier Lokalitäten weiter in Haft. Sieben weitere Personen wurden am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt, darunter der Hotelbesitzer, Mitarbeiter des Hotels und der beauftragten Firma für Schädlingsbekämpfung. Die Eltern fanden ihre Kinder leblos im Bett vor Die Eltern hatten am vergangenen Donnerstag um drei Uhr nachts einen Krankenwagen gerufen, als sie ihre Kinder leblos im Bett vorfanden. Es war der vierte Tag ihres Istanbul-Urlaubs. Im Krankenhaus konnte nur noch ihr Tod festgestellt werden. Die Mutter starb einen Tag später, der Vater am Montag dieser Woche, nachdem er auf der Intensivstation behandelt worden war. Servet Böcek wurde am Mittwoch in der westanatolischen Stadt Afyonkarahisar beigesetzt, wo zuvor schon seine Frau und seine Kinder beerdigt wurden. Nach der Beisetzung warf Servets Vater Yılmaz Böcek dem Krankenhaus, das die Familie ambulant behandelt hatte, Nachlässigkeit vor. „Wie können sie einen Patienten, der in einem solchen Zustand ist, zurückschicken, ohne ihn unter Beobachtung zu behalten?“, fragte er. Zudem stellte er infrage, warum eine Chemikalie, die tödliche Folgen haben könne, zugelassen sei. Ihm sei bewusst, dass die Medienaufmerksamkeit bald verfliegen werde. Er werde jedoch bis zum Ende dafür kämpfen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. Das Schicksal der Hamburger Familie mit türkischen Wurzeln hat in der Türkei große Anteilnahme ausgelöst und kritische Fragen über die Verlässlichkeit der staatlichen Kontrollsysteme aufgeworfen. Zudem muss das Land negative Auswirkungen auf die Tourismusbranche fürchten. Präsident Recep Tayyip Erdoğan bemühte sich am Mittwoch um Schadensbegrenzung. Die Ermittlungen würden mit „großer Sensibilität“ durchgeführt, versicherte er. „Jeder, der sich als fahrlässig, schuldig oder strafbar erweist, wird entdeckt und nicht verschont werden.“ War der Schädlingsbekämpfer nicht ausreichend geschult? Medienberichte brachten derweil einige Ungereimtheiten zutage. Die Gerichtsreporterin Dilek Yaman Demir berichtete ohne Angabe von Quellen, dass die verdächtigte Schädlingsbekämpfungsfirma in einer Koranschule in Istanbul Aluminumphosphid versprüht habe, woraufhin ein Schüler im Krankenhaus behandelt werden musste. Zudem wurde über einen ähnlichen Todesfall vor zwei Jahren in Antalya berichtet. Unklar blieb, inwieweit der beteiligte Schädlingsbekämpfer für seine Tätigkeit ausreichend ausgebildet war. Er selbst sagte aus, er sei von seiner Firma geschult worden, die jedoch nach Angaben des Besitzers keine Ausbildungslizenz hat und daher nur gelernte Kräfte einstelle. Kaum debattiert wurde dagegen, dass Verdächtigte ohne belastende Belege inhaftiert und auch bei neuem Ermittlungsstand noch nicht entlassen wurden; daran hat man sich in der Türkei gewöhnt.
