FAZ 22.01.2026
18:03 Uhr

Familie gründet Weingut: Lebenstraum mit eigener Weininsel


Wer gründet inmitten der Weinkrise ein neues Weingut? Eine Apothekerfamilie vom Bodensee schreckt das nicht ab. Sie erfüllt sich im Mittelrheintal einen Wunsch.

Familie gründet Weingut: Lebenstraum mit eigener Weininsel

Der Blick des Weinverkosters schweift ab und gleitet von den Rieslingflaschen auf dem Tisch hin zur imposanten Burg Stahleck. Die thront über der „heimlichen Hauptstadt der Rheinromantik“: Bacharach mit seiner weithin intakten Stadtmauer und den schutzsuchenden, pittoresken Häusern dahinter. Die Perle im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal ist der Geburtsort des neuen Weinguts Baer, das unter Kennern noch als Geheimtipp gilt. Denn trotz manch überzeugender Beurteilung in diversen Weinführern ist die Marktpräsenz der Baer-Tropfen überschaubar. „Der Verkauf ist unsere größte Baustelle“, gibt Hermann Bär unumwunden zu. Noch ist die Gelassenheit ebenso groß wie der Optimismus, dass sich die immense Arbeit in den Steillagen rund um Bacharach bald auszahlen wird. Schon in diesem Jahr könnte eine „rote Null“ in der Bilanz stehen – sofern nicht abermals große Investitionen getätigt werden müssen. Wer kauft in schwierigen Zeiten ein traditionsreiches Weingut und gründet auf dessen Fundament sein eigenes? Wer lässt sich von Warnungen wohlmeinender Wegbegleiter und von Fachleuten der Branche nicht abschrecken? Hermann Bär hat sich und seiner Familie mit dem Erwerb des renommierten Weinguts Bastian einen lange gehegten Wunsch erfüllt und ein beharrlich verfolgtes Ziel erreicht. Liebe zum Riesling dank des väterlichen Weinkellers Dabei hat das Ehepaar Bär mit vier Kindern seinen Lebensmittelpunkt in der Bodenseeregion. Die Eheleute betreiben im südlichen Württemberg und in Freiburg insgesamt sieben Apotheken. Mit 24 Jahren sei er 1979 der jüngste selbstständige Apotheker Deutschlands gewesen, sagt Bär. Die Liebe zum Wein kam mit dem Vater und dessen gepflegtem Weinkeller, in dem vor allem lieblicher Riesling aus Rheinhessen lagerte: „Ich bin mit Wein aufgewachsen.“ Wenig überraschend also, dass er neben der Apotheke mit später drei Filialbetrieben einen Weinhandel aufzog. Weil die Qualität vieler deutscher Weine zu jener Zeit eher mäßig war, konzentrierte sich Bär auf Bordeaux. Die Leidenschaft für den Riesling allerdings blieb davon unberührt. Sohn Peter begeisterte sich ebenfalls, gründete in Freiburg ein Weinfachgeschäft und ließ dem Studium der Betriebswirtschaft noch „Weinbau und Önologie“ in Geisenheim folgen. Ein für die Übernahme geeignetes Weingut sollte drei Kriterien erfüllen. Es sollte eine Immobilie mit Flair und „Seele“ sein, wie Gabi Bär sagt. Zudem sollte es fokussiert auf den Anbau der Lieblingsrebsorte Riesling und ausgestattet mit besten Lagen sein, in denen sich herausragende Tropfen erzeugen lassen. Im Rheingau fand sich nichts Passendes, auch nicht in der Pfalz. Den Durchbruch brachte ein Tipp des früheren Verwalters von Schloss Vollrads im Rheingau, Rowald Hepp. Denn Friedrich Bastian, Winzer in achter Generation in Bacharach, war gewillt, sein dem Verband der Prädikatsweingüter VDP zugehöriges Weingut zu veräußern. Mitsamt der 1880 als Sektkellerei erbauten Immobilie und der kleinen Rheininsel Heyles’en Werth. Die war vor 50 Jahren Drehort für eine Schlüsselszene des Spielfilms „Im Lauf der Zeit“ des Filmemachers Wim Wenders. Die rund 800 Meter lange Insel ist mit knapp 1,7 Hektar Rebfläche ein wichtiger Weinbaustandort, denn hier wird der exklusivste der vier Lagenweine erzeugt. Als sich die Familien Bär und Bastian im Jahr 2021 über den Handel einig waren, herrschte die Corona-Pandemie. Das Stammhaus des Weinguts wurde in dieser Zeit kernsaniert, weil der Investitionsstau sich als beträchtlich herausgestellt hatte. Gleichzeitig wurde die Rebfläche von zunächst sechs Hektar schnell erweitert, nachdem kleinere Winzer ihre Flächen bereitwillig angeboten hatten. Inzwischen werden 21 Hektar bewirtschaftet, von denen aktuell 15 im Ertrag stehen. Viel mehr soll es absehbar nicht werden, auch wenn die Familie offen für die Arrondierung ihrer Weinberge ist. Entstanden ist ein neues Weingut mit neuer Philosophie. Die verbliebenen Bastian-Kunden wanderten ab. „Wir haben bei null angefangen“, sagt Peter Bär. Sein Fokus liegt ganz auf trockenen Weinen, die Eleganz und den Charakter der Weinlagen zeigen sollen. Ihm geht es um langlebige Weine. Dafür gönnt das Weingut den Weinen eine längere Reifephase im Keller. „Unsere Lagen brauchen Zeit“, sagt Peter Bär. Dass nach überstandener Pandemie der Beginn des Weinverkaufs von der größten Krise des Weinbaus in den vergangenen Jahrzehnten überschattet wurde, war Pech. Der Familie Bär ist bewusst, dass der Weinmarkt nicht sehnlich auf ein neues Weingut mit hochpreisigen Weinen gewartet hat. Globale Überproduktion und Konsumschwäche befeuern im Handel einen harten Preiskampf. Der Marktanteil des deutschen Weines ging hierzulande deshalb noch stärker zurück als der ausländischen Konkurrenz. Familie Bär ist aber nicht bange: „Wir müssen auf allen Hochzeiten spielen und Präsenz zeigen“, sagt Peter Bär. Das Interesse auf einer Weinmesse in Paris sei gut gewesen. In diesem Jahr beteiligt sich das Weingut an Europas größter Weinmesse Prowein in Düsseldorf. Auch die Gastronomie ist im Fokus, um Sommeliers als Multiplikatoren zu gewinnen. Die neue Marke „Weingut Baer“, die sich in einer kleinen Weinnische bewegt, muss erst noch mit Strahlkraft aufgeladen werden. Das Mittelrheintal als Weinregion ist zu klein und unbekannt, um Bär den nötigen Schub zu geben: „Wir werden es allein schaffen müssen“, sagt Gabi Bär, und ihr Mann Hermann gibt sich keinen Illusionen hin: „Das ist ein weiter Weg.“