FAZ 30.12.2025
16:20 Uhr

Familie Prevc: Die slowenische Skisprung-Dynastie


Domen Prevc dominiert nicht nur das Auftaktspringen der Vierschanzen-Tournee, sondern die gesamte Saison. Beim Blick ins Familienalbum stößt man gleich auf drei sehr erfolgreiche Geschwister.

Familie Prevc: Die slowenische Skisprung-Dynastie

Nach der letzten Landung jubelte Domen Prevc im Auslauf der Oberstdorfer Schattenbergschanze mit zwei erhobenen Händen und wippenden Zeigefingern. Er war wieder weit jenseits der grünen Linie gelandet, die er überqueren musste, um in Führung zu gehen. Ganz in der Nähe freute sich der slowenische Equipment-Chef Peter Prevc ausgelassen. Und am Mikrofon des slowenischen Fernsehens kommentierte Cene Prevc als Experte diese Flugshow. Die Aussagen hat womöglich wiederum Nika Prevc freudig empfangen, die 20 Jahre junge Schwester des Trios. Sie alle, die Geschwister Domen, Peter, Cene und Nika, sind und waren herausragende Skispringer. Domen und Nika Prevc bestimmen derzeit gar das Weltniveau in dieser Sportart. Domen Prevc gewann am Montagabend nach souveränen Flügen auf 141,5 und 140 Meter das erste Tourneespringen. Sein Sieg fiel gewaltig aus: Der zweitplatzierte Österreicher, Titelverteidiger Daniel Tschofenig, weist bereits 17,5 Punkte Rückstand auf, das entspricht einer Weite von fast zehn Metern. Der Thüringer Felix Hoffmann, Dritter in Oberstdorf, folgt knapp dahinter. Und auch Hoffmanns deutscher Teamkollege Philipp Raimund, Fünfter am Montag, hat noch allerbeste Chancen – allerdings wie Tschofenig und Hoffmann nach Lage der Dinge nur auf Rang zwei. Denn vorneweg fliegt mit einer unerreichten Leichtigkeit und Ästhetik Domen Prevc, der herausragende Skispringer dieser Weltcup-Saison. Sechs der letzten sieben Wettkämpfe gewann Prevc, bisweilen mit ähnlich riesigem Vorsprung wie in Oberstdorf. Das ist die Definition von überragend, und es ist eher wahrscheinlich als ausgeschlossen, dass Prevc mit dieser Überform auch bei den drei folgenden Tournee-Wettkämpfen für Furore sorgen wird. „Mir schwirren tausend Gedanken durch den Kopf“ Prevc betont, dass seine Flugshows zwar einfach aussehen, es aber nicht sind: „Mir schwirren tausend Gedanken durch den Kopf. Ich bleibe einfach konzentriert, und in Oberstdorf habe ich mich großartig gefühlt.“ 26 Jahre ist er alt, doch erlebt hat er schon viel mehr, als in eine Karriere passt. Seinen ersten von nunmehr 15 Weltcupsiegen erreichte er vor neun Jahren, es folgten drei weitere in jenem Winter. Doch danach war er jahrelang in den Tiefen der Ergebnislisten verschwunden und flog teilweise auch aus dem slowenischen A-Team. Sein Sprungstil – nach dem Absprung kräftig nach vorne jagen –, galt als veraltet. 2019 gewann er noch mal beim Skifliegen, danach gelang ihm bis zum Beginn dieses Jahres wenig. Doch ab dann war er, nach einer Adaptierung seines Stils – gemächlicher nach dem Absprung, große Konzentration auf die Flugphase – plötzlich wieder da. Bei der nordischen Ski-WM von Trondheim gewann er im März Gold von der Großschanze und mit dem Team. Nun könnte mit Domen Prevc zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder ein Slowene die Tournee gewinnen. Damals, 2015/16, hieß der Gewinner: Peter Prevc. Die kleine Schwester gewinnt fast jeden Wettbewerb Peter Prevc, 33 Jahre alt ist als Tournee-Sieger, Skiflug-Weltmeister, Olympiasieger und Gewinner des Gesamt-Weltcups selbst ein hochdekorierter Skispringer. Gemeinsam mit Domen gewann er 2022 WM-Team-Gold im Skifliegen, aktuell arbeitet er als Chef der Materialentwicklung für das slowenische Team. In dieser Funktion wird er neben der Freude über den Sieg seines jüngeren Bruders eine Menge Diskussionen führen müssen: Timi Zajc, der in Oberstdorf zunächst punktgleich mit Tschofenig auf Platz zwei geführt wurde, fiel durch die Materialkontrolle und wurde disqualifiziert. Cene Prevc, der 29 Jahre alte TV-Experte, war ebenfalls Teil des slowenischen A-Teams, stand aber immer im Schatten des älteren und des jüngeren Bruders. Einmal, Ende Januar 2022 in Willingen, schaffte er es in einem Weltcup-Springen als Dritter aufs Podium. Nika Prevc (20) wiederum, Teil vier dieser unwahrscheinlichen Flieger-Dynastie, gilt als die Avantgarde des Frauen-Skispringens. Sie ist zweimalige Weltmeisterin und gewann in der vergangenen Saison zehn Weltcup-Wettbewerbe in Folge und souverän die Gesamtwertung. Auch in der aktuellen Saison gehört sie zur Weltspitze. Die jüngste Schwester der Prevc-Geschwister, Ema, hat sich hingegen für Ballett und gegen Skispringen entschieden. Die Familie Prevc stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Kranj. Vater Božidar Prevc ist Sprungrichter und besitzt ein Möbelgeschäft. Gemeinsam mit Mutter Julijana, einer Bibliothekarin, hat er die Skisprung-Karrieren der Kinder gefördert. Er fuhr zunächst Peter und dann auch dessen Geschwister zum Training auf die nahe gelegenen Schanzen von Planica. Bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2025 in Slowenien belegte Domen Prevc Rang zwei hinter dem Radprofi Tadej Pogacar, aber vor Basketball-Star Luca Doncic. Peter Prevc gewann zwischen 2013 und 2016 viermal in Folge diese Sportler-Kür. Domen und Nika sind überdies jung genug für weitere Großtaten auf den Schanzen. Die nächste Chance für eine spektakuläre Flugshow bietet sich Domen Prevc, Spitzname Domenator, am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen.