Diese beiden Filme haben einander absolut nichts zu sagen. Ähnliche Stoffe, unvereinbare Menschenbilder: „No Other Choice“, gedreht in Südkorea von Park Chan-wook, und „Rental Family“, gedreht in Japan von Hikari. Der erste Film zeigt der Welt das kantige Gesicht des Schauspielers Lee Byung-hun, der zweite trägt die weichen Züge seines Kollegen Brendan Fraser. Lee spielt einen Papiererzeugungsfachmann, der seinen Job verliert und als Verbrecher versucht, seiner Frau, seinen Kindern und Hunden den sozialen Absturz zu ersparen. Die wichtigste Person im Film ist Ri-one, die von Choi So Yul gespielte kleine Tochter des haltlosen Helden, die kaum je spricht, nur manchmal Worte anderer wiederholt. Mit ihrem Cello sagt sie etwas, am Ende lauscht die Mutter und begreift, was Worte nicht kennen. Ein Kleindarsteller als Statist für das wirkliche Leben Auch Brendan Fraser hat in „Rental Family“ eine Tochter, aber seine Vaterschaft ist die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Fraser spielt einen Kleindarsteller, der in Tokio nicht genügend Rollen des Typs „trauriger Amerikaner“ findet und deshalb bei einer Agentur anheuert, die Statisterie fürs wirkliche Leben vermietet: Computerkumpel für einsame Nerds, bezahlte Beerdigungsgäste für die Bestattung zu Lebzeiten – und eben den fiktiven auswärtigen Vater des Kindes einer alleinerziehenden Mutter, die den Mietling bei der Bewerbung der Kleinen auf einen begehrten Platz an der bestmöglichen Schule vorführen will. Das Mädchen, auch in diesem Film heimliches Zentrum des Geschehens, glaubt den Behauptungen der Mutter und bastelt dem angedrehten Alten ein Geschenk (schwebende Sehnsucht nach Nähe: ein Meerestier-Mobile). Während „No Other Choice“ von Südkorea sagt, dort seien familiäre Geborgenheit und äußere Ehre einander so nah wie Würgeschlangen bei der Paarung, sagt „Rental Family“, Japan lasse Auseinandersetzungen über psychosoziale Nöte nicht zu und funktioniere über Rituale und Mummenschanz. „No Other Choice“ ist eine morbide Satire. „Rental Family“ ist eine Therapieromanze, das heißt, die Demonstration eines Erzählverfahrens, das individuellen Seelenschmerz über bedeutsame Begegnungen in schöne Momente verwandelt. Solche Romanzen sind gern ostentativ platonisch, äußerstenfalls am Rand sexuell angekokelt: Ein Todkranker trifft einen Gesunden, ein Schriftsteller eine Nichtleserin, es können auch mal ein Mensch und ein Baum sein („Silent Friend“). Die meisten Therapieromanzen gehören zum Kunstgewerbe, die besten sind Kunst, sofern „Kunst“ noch bedeutet, etwas Neues auf gültige Art oder etwas Gültiges auf neue Art zu gestalten, hier: die Lehre von der therapeutischen Kraft glückhafter Konstellationen leidender Individuen (Psychoanalyse ohne Fachkräfte). Her mit der Familienaufstellung! Eine der schönsten Therapieromanzen überhaupt, das Meisterwerk „Sentimental Value“ von Joachim Trier, konfrontiert eine Tochter, die sich gegen die selbstbezogene Ignoranz ihres Vaters nicht anders zu helfen weiß als mit emotionaler Aufmerksamkeitserzwingung via selbstschädigender Nötigung, als Schauspielerin mit diesem Vater in einer getrennten, aber zeitlich zusammenfallenden und damit geteilten Krise. Die Ichsucht des Vaters ist ein Berufsschaden: Er kann als Regisseur nur beim Dreh und über ein Drehbuch mit der Tochter reden. Die kaputten Verhaltensdispositionen der beiden Figuren passen wie Schlüssel und Schloss; suggestiv wird damit die Ideologie plausibilisiert, die der Therapieromanze so sicher aufhockt wie der Heilsauftrag dem religiösen Kunstwerk: die Annahme, es gäbe auf der Welt keine Probleme, die sich nicht durch die richtige Zusammenstellung persönlich Leidender höheren Zwecken der Selbsterkenntnis und Sorge um andere zuführen ließen. Wohnungsnot? Entlassungen? Handelskrieg, Drohnenkrieg? Her mit der Familienaufstellung. Das Grundverfahren „Aus Kummer wird Kunst, wenn Bekümmerte sich kunsthalber umeinander kümmern“ kann die gezeigte Not auch mal explizit ohne Ausweg lassen und dann kompensatorisch dafür die menschliche Würde der dargestellten Personen allein darin verankern, dass sie halt schlecht dran sind, und desto würdiger, je schlechter sie dran sind (und je düsterer ein metaphysischer Panzerpessimismus dazu sein „semper idem“ grummeln kann). Zuständig für diese Bittervariante ist Darren Aronofsky, neuerdings KI-Serienschöpfer, der zur Strafe dafür mit dem harten Urteil der Kritikerin Gretchen Felker-Martin leben muss, seine „misanthropic films“ seien „both shallow and hateful“, ebenso flach wie hasserfüllt. Man muss nicht dermaßen streng urteilen. Vielleicht kann das mit keinem Massenkram bespielte Filmtheater nur überleben, wenn es zum Kellerchen wird, in dem inständiges Flehen und anständiges Leiden sich gemeinsam gegen die böse Wirklichkeit verschanzen. Ob das, was da dann läuft, aber in naher Zukunft weniger algorithmen-gesteuert sein wird als irgendein Superheldenschinken, ist noch nicht ausgemacht. Kann die Schönheit den Zuschauer tätscheln? Die ästhetische Empfänglichkeit des Publikums, ein hohes Gut, steht an diesem Punkt allerdings vor der unerwarteten, weil längst für geklärt gehaltenen Frage, wie sie’s mit der Schönheit halten will. „Rental Family“ zum Beispiel hat schöne Szenen: Ein greiser Filmstar betrachtet das Foto einer alten Liebe und guckt dabei so, als fühle er sich vom Bild im selben Moment wiedererkannt, in dem er sich an die Abgebildete erinnert. Zwei Menschen besuchen ein virtuelles Aquarium, das aus nichts als Schimmer und Meertraum besteht. Ein Tempel enthüllt einen Zweifler. Schön ist das alles, sehr schön sogar. Publikum sagt da gern, es sei berührt worden. Berühren, betasten, betreuen: Was macht diese Art Schönheit? Tätscheln? Die Entrückung aus dem Trott alltäglicher Wahrnehmungsroutine war einmal das moderne Kunstideal. Braucht solche Entrückung nicht auch Distanz, über die hinweg sie gerufen werden will? Wenn Schönheit das ist, was aus besagtem Trott ins offene Außersichsein lockt, dann sind seltsamerweise gerade die hässlichsten Tollwut-Szenen in „No Other Choice“ schöner als die schönsten in „Rental Family“. Solche Szenen: Ein Mann erniedrigt sich, Bewerbungsunterlagen in den zitternden Händen, auf einer Firmentoilette, und wir begreifen: Diese Situation ist das Unrecht als Ganzes. Ein Zahn wird in Großaufnahme aus einem Mund gerissen, und wir erkennen: Die Entzündung kommt davon, dass der Mund so viel gelogen hat, nicht von etwas Medizinischem. Eine automatisierte Fabrik, die nur noch einen einzigen Menschen braucht, macht so großen Lärm, dass das Triumph-Gehampel dieses einzigen Menschen, der seinen leeren Sieg über alle Arbeitslosen feiert, als völlig wesen- und wertlos kenntlich wird. Die Unvereinbarkeit dessen, was die zwei hier diskutierten Filme tun, reicht bis ins Hintergrundhandwerk, in den Soundtrack zum Beispiel: Die gewaltige, schon in zig Filmen und Shows verwendete Ich-komme-dir-jetzt-zu-Hilfe-Hymne „Hold On, I’m Coming“ von Sam & Dave begleitet in „No Other Choice“ die Umsetzung eines Mordvorhabens, denn der Mörder glaubt, er morde aus den besten Absichten: Er will seine Familie und das Haus seiner Kindheit retten. Reibung und Widerspruch sind die Eltern des Films So stoßen die euphorisch uneigennützige Stimmung der Musik und die Grausamkeit der Handlung aufeinander; Reibung und Widerspruch sind die Eltern des Films, im permanenten Kampf zwischen (Selbst-)Täuschung und Tatsachen-Schocks. Neben solchen Zügen dieser Neuverfilmung des Donald-Westlake-Romans „The Ax“, den Costa-Gavras 2005 bereits als „Die Axt“ verfilmt hat, wirkt die (an und für sich nicht missratene) Musik zu „Rental Family“ wie die Sorte Berieselung, die man aus den Lautsprechern des Sanifair-Waschraums der Autobahnraststätte zu hören kriegt, während sich eine Fernfahrerin morgens um drei Uhr in Ruhe die Zähne putzt. Es geht nicht darum, jede schlichte Herzensregung als Kitsch zu denunzieren. Die dumme Lagerbildung, die bei manchen Jeremiaden aus der Buchbranche unsere lesbare Welt nach Liebesromanen für Frauen und Sachbüchern für Männer sortieren will und das geringere Ansehen Letzterer beklagt, ist nichts Nachahmenswertes, sondern bloß der neueste geschlechtercodierte Abhub des uralten Müllhaufens idiotischer Verstand-versus-Gefühl-Dichotomien. Die Wahrheit ist auch, dass gerade Frauen in den letzten Kino-Jahrzehnten ihre neuen Blicke ohne jedes ängstliche Blinzeln dem schönen Schock, dem hässlichen Wunder, dem drastischen Seh-Stresstest zugewandt haben – „Trouble Every Day“ (2001) von Claire Denis, „Candyman“ (2021) von Nia DaCosta, „Titane“ (2021) von Julia Ducournau. Aber wozu Kunst und Kunstgewerbe die Leute bewegen wollen, ist nicht egal. Am Ende von „Rental Family“ wird die von Brendan Fraser und der eigenen Mutter getäuschte Schülerin, die Shannon Gorman als komplexe Frage an ihre Umgebung statt als staunende Unschuld spielt, selbst ein Teil der Welt derjenigen, die sie ge- und dann enttäuscht haben: ernüchtert, aber gut drauf. Die Sünden der Erwachsenen sind nicht so schlimm. Am Ende von „No Other Choice“ sieht das anders aus. Die Tochter weiß wohl nicht, dass der Vater Leute getötet hat. Aber diese Unwissenheit kommt, wenn sie denn besteht, daher, dass sie mit seiner Welt nichts zu tun hat. Sie macht ihre eigene: Musik, in Schwermut und zugleich rätselhafter Heiterkeit, als wäre ihr klar, dass Schuld allgegenwärtig ist, aber auch die unauslöschliche Empfehlung, alles anders zu machen als bisher. Vergebung, Neuanfang. Das Erbarmen tätschelt nicht.
