Über Tauben könne man in Frankfurt endlos diskutieren, sagt Michael Weber, Ortsvorsteher für die Frankfurter Innenstadt. Der CDU-Politiker weiß, wovon er spricht. In seinem Beritt liegt die Bahnunterführung an der Frankenallee, einer der größten Sammelplätze für Tauben in Frankfurt. Die Tiere schätzen die Brücke, unter der sich einer der Zugänge zur S-Bahn-Station Galluswarte befindet, eine viel genutzte Umsteigestation. Wer dort auf den Bus wartet, darf in puncto Hygiene nicht zimperlich sein. „Da kommt immer etwas von oben“, sagt Weber – Regen sei es nicht. Keine 100 Meter entfernt, an der Mainzer Landstraße, befindet sich der Haupteingang zu dieser S-Bahn-Station, ebenfalls unter einer Brücke. Dort ist die Stadt Frankfurt vor einigen Jahren aktiv geworden, hat an der Unterseite der Bahnunterführung Stahlbleche anbringen lassen, damit sich die Tauben nicht mehr zwischen den Brückenstreben niederlassen und brüten. Zudem wurden Netze und Gitter an den Seiten befestigt, um auszuschließen, dass die Vögel nicht doch noch einen Zugang finden. Wenige Tage vor Weihnachten musste die Stadt vermelden, dass sie Teile der sogenannten Taubenvergrämung „zurückbauen“ werde. In der Vergangenheit seien die Netze immer wieder gezielt geöffnet oder beschädigt worden, um Tauben das Einfliegen und Brüten zu ermöglichen. Dabei hätten sich einige von ihnen „in den engen Strukturen verirrt“, nicht mehr herausgefunden und seien verendet. In der Folge wurde der Stadt Tierquälerei vorgeworfen, mit entsprechenden Anzeigen. Schutznetze sabotiert Straßenbahnhaltestelle und Gehwege würden künftig vielleicht nicht stärker verschmutzt, heißt es weiter in der Mitteilung der Stadt. Das Bauwerk aber allemal. Doch die Stadt sah offenbar keine andere Möglichkeit für diese Bahnbrücke als den Abbau von Netzen und Gittern. Unter den vorhandenen Rahmenbedingungen sei diese Entscheidung die „tierschutzfachlich verantwortlichste Option“, teilt das zuständige Amt für Straßenbau und Erschließung mit. Die Unterführung an der Frankenallee ist nicht Frankfurts einziger Tauben-Hotspot. Zu den Brennpunkten mit dem höchsten Beschwerdeaufkommen zählen nach Angaben des Umweltdezernats auch die Unterführungen an der Stresemannallee in Sachsenhausen und am Westbahnhof. Auf Nachfrage verweist die Stadt noch auf weitere Plätze und Unterführungen, an denen es „Meldungen wegen des vermehrten Aufkommens von Tauben und der damit verbundenen negativen Folgen“ gebe. Dazu zählen die Autobahnbrücke an der Praunheimer Landstraße in Hausen, der Gravensteiner Platz in Preungesheim, wobei die Tauben auch dort unter Brückenabschnitten nisten, und am Dalbergkreisel in Frankfurt-Höchst, im Westen der Stadt, in der Nähe einer Bahnunterführung. Inzwischen haben die Tauben zudem die wachsende Zahl von Photovoltaik- und Solarthermieanlagen auf Frankfurts Dächern für sich entdeckt. Die Tatsache, dass sie darunter ihre Nester bauen, beeinträchtigt nach Angaben der Stadt die „technische Funktionalität und Wirtschaftlichkeit“ der Anlagen. Auf stadteigenen Dächern führten die Taubennester noch zu keinen Beeinträchtigungen, deshalb versuche die Stadt, sie von dort noch nicht zu vertreiben. Genaue Taubenzahl unbekannt Wie viele Tauben es insgesamt in Frankfurt gibt, ist nicht bekannt. Nach früheren Schätzungen sollen es zwischen 9000 und 10.000 Tiere sein. Genau weiß es jedoch niemand. Die Stadt hat sich deshalb vorgenommen, in nächster Zeit und mit Unterstützung von Freiwilligen die ungefähre Zahl der Vögel zu ermitteln. Zahlen nennt die Stadt Frankfurt jedoch für die Mengen an Taubenfutter, das, wie das Umweltdezernat mitteilt, illegal auf Gehsteigen und Plätzen verteilt wird. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres seien mehr als 1,7 Tonnen Taubenfutter in der Stadt registriert worden, teilte Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez kürzlich im Stadtparlament mit. Sie geht von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus und führt die nach Auffassung der Stadt steigende Zahl von Tauben in Frankfurt auf die großen Mengen an Futter zurück. Dabei gilt in Frankfurt seit 1970 ein generelles Fütterungsverbot, zum Schutz der Tauben, aber auch, um keine Ratten anzulocken. Ein Verstoß kann beim ersten Mal mit 120 Euro Bußgeld geahndet werden, im Wiederholungsfall mit noch mehr. Laut Stadt reicht das Verbot aber nicht. Ein Teil der Fütterer sei Stadt und Polizei als Wiederholungstäter bekannt. Es handele sich um gezieltes Füttern in großen Mengen. An der Stresemannallee in Sachsenhausen etwa werden nach Beobachtung von Bürgern von „einschlägig bekannten Tierfreunden“ täglich fünf bis acht Kilogramm Taubenfutter verstreut. Falke attackiert Hund statt Tauben Frankfurt ist inzwischen gezwungen zu handeln. „Das Thema Tauben muss dringend priorisiert werden“, fordert auch Stadtteilpolitiker Weber. Die Beschwerden der Bürger seien massiv. Eigentlich sind sich Politik, Stadtverwaltung und Tierschutzvereine einig: Die derzeitige Situation ist für die Tiere wie für die Frankfurter ein Problem, die Tauben müssen von der Straße weg – aber auf tierfreundliche Art und Weise. Kein Einsatz eines Falken, wie es Frankfurt vor rund 20 Jahren versucht hatte, als der Greifvogel am Opernplatz als Erstes einen Hund angriff. Aber auch keine Androhung, Tauben zu fangen, um sie dann per Genickbruch zu töten, wie es die Stadt Limburg vorhatte. Gebraucht wird, da sind sich in Frankfurt alle einig, eine stadtweite Strategie. In vielen Städten gilt das „Augsburger Modell“ als in jeder Hinsicht erfolgversprechendes Vorgehen, um ein friedliches Miteinander von Tauben und Menschen zu organisieren. Dazu gehört das Aufstellen einer ausreichenden Zahl von Taubenhäusern. Dort werden die Tiere gefüttert, die Verschläge regelmäßig gereinigt und gleichzeitig den brütenden Tieren – Tauben brüten ganzjährig – die Eier gegen Attrappen ausgetauscht. Die Hoffnung, die einst wegen ihrer Ortstreue als Brieftauben, aber auch als Fleischlieferanten zunächst gezüchteten und dann genutzten Tiere würden einfach verschwinden, gibt es in Fachkreisen nicht. „Es ist utopisch anzunehmen, dass Städte taubenfrei werden könnten“, sagt Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder. In Frankfurt ist im vergangenen Jahr die dem Umweltdezernat zugeordnete Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“ beauftragt worden, sich des Taubenthemas in der Stadt anzunehmen. In einem ersten Schritt ist die Stelle eines Stadttaubenmanagers geschaffen worden, bei dem die Fäden zusammenlaufen sollen. Die Vollzeitstelle hat seit Mitte Juni Dominik Legrum inne. Er soll die Stadttauben professionell managen, aber auch das Vorgehen der einzelnen Ämter der Stadtverwaltung koordinieren und mit weiteren Institutionen wie der Deutschen Bahn abstimmen. Natürlich soll er auch die zahlreichen Anfragen der Bürger beantworten. Bisher gibt es in Frankfurt nur ein einziges städtisches Taubenhaus. Seit vergangenem März steht es auf dem Alten Friedhof in Bockenheim, um den Taubenschwarm des benachbarten Westbahnhofs aufzunehmen. Es ist derselbe Container, der zuvor rund ein Jahr auf dem Grünstreifen der Frankenallee stand, als Unterkunft für die Tiere an der Galluswarte. Dort sollte die Fortpflanzungsrate mit Eierattrappen begrenzt werden. Doch die Vögel nahmen das Taubenhaus nicht an. Vermutlich wegen der ansonsten guten Futterversorgung und einer Großbaustelle in nächster Umgebung. Am neuen Standort auf dem Alten Friedhof tummeln sich die Tauben inzwischen gerne, doch Eier haben sie bisher nicht gelegt. „Es braucht Zeit, bis ein Schwarm ein Haus akzeptiert“, sagt Legrum. Es sei nicht ungewöhnlich, dass es mehrere Monate dauere, ehe die Tiere einzögen. Inzwischen wurde der Container gedreht, um den Einflug für die Tauben zu erleichtern, und eine Milchglasfolie am Fenster angebracht, um neugierige Menschen vom Hineingucken abzuhalten – das störe die Tiere, sagt Legrum. Kiloweise illegal Futter ausgestreut Vor allem aber ist rund um den Container illegal Futter ausgelegt worden. Inzwischen werden zweimal täglich die ausgelegten Körner aufgelesen. 280 Kilogramm Futter sind auf diese Weise im vergangenen Jahr entfernt worden. Für Legrum steht fest, dass es sich dabei um gezieltes und professionelles Füttern in großen Mengen handele. Inzwischen zeitigen das Vorgehen gegen das illegale Füttern und die neue Ausrichtung des Containers erste Erfolge: Die Tauben verbringen zunehmend mehr Zeit im Haus. Sollte das Brüten über den Winter nicht einsetzen, plane der Stadttaubenmanager, geschlechtsreife Jungtiere in dem Container anzusiedeln, um die Tiere zur Fortpflanzung zu animieren und ihnen dann Gipseier unterzuschieben. Die Aufgabe des Stadttaubenmanagers ist es, weitere Standorte für Taubenhäuser zu finden. Doch die Suche dürfte nicht einfach werden. Idealerweise sollten Taubenhäuser erhöht stehen, etwa auf Dachböden oder auf hohen Parkhäusern, sagt Legrum. Oft verhindere die verbaute Technik in modernen Dächern die Aufstellung, zudem wolle aber auch kaum jemand ein Taubenhaus in unmittelbarer Nähe haben. Legrum bittet deshalb Bürger und Gebäudebesitzer darum, sich an ihn zu wenden, wenn sie geeignete Flächen zum Aufstellen eines Taubenhauses kennen oder besitzen. Bisher hatte die Stadt Frankfurt das Betreiben der Taubenhäuser dem privaten Stadttaubenprojekt mit Gründerin Gudrun Stürmer an der Spitze überlassen. Es gab Zeiten, da existierten in Frankfurt drei Unterschlupfmöglichkeiten für die Tiere: eine direkt im Westbahnhof und zwei weitere in Parkhäusern in der Innenstadt. Das Taubenhaus am Westbahnhof hat die Deutsche Bahn aufgekündigt, um den Bahnhof umzubauen, und die Parkhausbetriebs GmbH hat ihre Genehmigungen zurückgezogen. Es soll Schwierigkeiten mit der Sauberkeit gegeben haben. Heute betreibt das Stadttaubenprojekt noch einen sogenannten Gnadenhof in Frankfurt-Oberrad. Dort leben rund 400 Tiere in zwölf Volieren. Ähnlich wie in Taubenhäusern wird dort mit dem Austausch von Eiern die Taubenpopulation reguliert. Zusätzliche Taubenhäuser geplant Inzwischen hat sich mit dem Maintauben Tierschutzprojekt ein zweiter Verein in Frankfurt gegründet, der sich um das Wohl der Tiere kümmert und für die Populationskontrolle einsetzt. Gründerin Alexandra Oberste-Dommes betreibt eine vom Veterinäramt anerkannte Pflegestation, in der sie bis zu 35 Tauben gleichzeitig versorgen kann. Auch sie wirbt für die Idee, die Vögel zu betreuen. Dass Tauben auf der Straße leben, sei weder für Tiere noch für Menschen eine gute Lösung. „In einer idealen Welt“, sagt Stadttaubenmanager Legrum, „würden alle Tauben in Frankfurt in Taubenhäusern wohnen“. Dafür wären allerdings weit mehr als 50 Unterkünfte nötig. Vorerst hat Legrum sich zum Ziel gesetzt, jedes Jahr wenigstens ein neues Haus zu eröffnen.
