FAZ 06.01.2026
15:38 Uhr

Fall Maduro: Mit 92 Jahren auf der Richterbank


Alvin Hellerstein könnte Maduros Verfahren vorsitzen. Wer Hellerstein kennt, spricht nicht über sein hohes Alter, sondern seine Art: Es sei ihm „scheißegal“, was andere über ihn denken.

Fall Maduro: Mit 92 Jahren auf der Richterbank

Wie es in Alvin Hellersteins Gerichtssaal in New York läuft, machte er während der Anklageerhebung gegen Nicolás Maduro gleich klar. Als der durch die Amerikaner gefangengesetzte venezolanische Präsident zu einer längeren Rede ansetzte, unterbrach der Bundesrichter ihn: Dafür werde an anderer Stelle noch Zeit sein. Jetzt gehe es nur darum, sich zu identifizieren. Hellerstein sei „old-school“, zitierte das Nachrichtenmagazin „Politico“ einen früheren Staatsanwalt. Das ist nicht weiter verwunderlich. Der gebürtige New Yorker aus der Bronx ist 92 Jahre alt. Als Maduro geboren wurde, hatte Hellerstein schon ein Jurastudium an der Columbia University sowie drei Jahre als Militärjurist beim Heer hinter sich und arbeitete als Rechtsanwalt in einer Kanzlei, in der er später Partner werden sollte. Er leitete schon die Verhandlung nach 9/11 Das Verfahren gegen Maduro, dem Hellerstein wahrscheinlich auch vorsitzen wird, könnte das außergewöhnlichste seiner Laufbahn sein. Doch die Liste großer Fälle in seinen 28 Jahren als Bundesrichter ist lang. Er verhandelte die Klagen von Ersthelfern und Fluggesellschaften im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und wurde in diesem Zuge für seine mitfühlende Art bekannt. Er soll sich in seiner Kanzlei stundenlang mit Geschädigten und ihren Familien getroffen haben und wies Angebote für Vergleiche zurück, die er als zu niedrig empfand. Auch dem amerikanischen Präsidenten dürfte Hellerstein kein Unbekannter sein. Er lehnte es zwei Mal ab, das Schweigegeldverfahren gegen Donald Trump auf dessen Wunsch an ein Bundesgericht zu verweisen, und er blockierte im Mai vergangenen Jahres, dass die Regierung Einwanderer ohne ordentliches Verfahren abschieben kann. Wer ihn kennt, sagt über Hellerstein, er mache Dinge auf seine Art – es sei ihm „scheißegal“, was andere über ihn denken. Möglicherweise auch das Ergebnis eines langen Lebens. Einsatz für sowjetische Juden Hellerstein, selbst ein orthodoxer Jude, schrieb seinen Sinn für Gerechtigkeit einmal seinem Engagement für Juden in der Sowjetunion zu, denen er zur Ausreise verhelfen wollte. Um den „Refuseniks“ zu helfen, arbeitete Hellerstein mit Aktivisten zusammen und beschäftigte sich mit dem sowjetischen Auswanderungsgesetz. Ohne ein Wort Russisch zu sprechen, reiste er in den siebziger Jahren – damals schon Vater dreier Kinder – mit einem New Yorker Staatsanwalt und ihren beiden Ehefrauen zu einem „Urlaub“ nach Moskau, um ihr Vorhaben voranzutreiben. In einem fünfzig Minuten langen Videointerview vor drei Jahren konnte Hellstein sich noch an die genaue Adresse des Büros des Leiters der Staatsanwaltschaft in Moskau erinnern, in dem sie damals vorsprachen.