FAZ 05.02.2026
18:19 Uhr

Fahnenträgerin Katharina Schmid: Pionierin vor dem Absprung


Katharina Schmid hat in ihrer Sportart Grenzen verschoben. Bei den Olympischen Spielen steuert ihre Karriere auf das Finale zu – weil die Skispringerin weiß, wann es genug ist.

Fahnenträgerin Katharina Schmid: Pionierin vor dem Absprung

Sie wird wie tausendmal zuvor Anlauf nehmen, die Ski ruhigstellen, den Blick heben, sich präzise auf die Schussfahrt in der Hocke, mit rund neunzig Kilometern pro Stunde, Richtung Schanzentisch vorbereiten. Katharina Schmid weiß, dass der endgültige Abschied näher rückt, doch in diesen Tagen spielen die Gedanken daran für sie keine Rolle. Der Fokus gilt den letzten großen Sprüngen und den Olympischen Spielen von Mailand und Cortina. Sie stehen für eine entscheidende Etappe ihrer Karriere, in der sie zu Medaillen geflogen ist und mit ihren Sätzen eine Sportart verändert hat. Schmid, geboren als Althaus, war nie nur Athletin. Sie prägte mit vielen Auftritten die Standards ihrer Disziplin und schrieb dabei ihre Geschichte. Als sie mit sechs Jahren in Oberstdorf von Hügeln hopste, gab es für Mädchen kaum Frauen als Vorbilder, geschweige denn Perspektiven. Als sie als Teenagerin im ersten Frauen-Weltcup startete, galt das als Experiment. Als sie 2014 in Sotschi bei der olympischen Premiere der Skispringerinnen antrat, machte sie deutlich, dass sie zu den Besten ihrer Generation gehören würde. Schmid sprang lange nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen einen Ruf, der sie begleitete: ewige Zweite zu sein. Sie widerlegte ihn mit dem größtmöglichen Triumph: Bei der Nordischen Ski-WM 2023 in Slowenien gewann sie im Einzel, mit dem Frauenteam und im Mixed Gold. Außerdem sprang sie in Pyeongchang (2018) und Peking (2022) zu Olympiasilber. Was Schmid stets von vielen Mitbewerberinnen unterschied, war der Blick über den Bakken hinaus. Sie hat jeden Entwicklungsschritt des Frauenskispringens miterlebt und manche davon miterzwungen. Die Zugangsberechtigung zu Großschanzen nun auch bei den Winterspielen, dichtere Weltcup-Kalender, die Erlaubnis zum Skifliegen – all das kam nicht von selbst. Sie benannte immer wieder Ungleichheiten und stellte nachvollziehbare Forderungen. Ihre Beharrlichkeit gegenüber (zumeist männlichen) Funktionären, ihre Durchsetzungsfähigkeit unterfütterte sie mit Leistung. Katharina Schmid konnte man nicht einfach überhören. Angemessenere Preisgelder und mehr Sichtbarkeit auch in den Medien für das Frauenskispringen sind nicht zuletzt ihr Verdienst. Schmid will andere Schwerpunkte setzen Dass sie nun aufhört, ausgerechnet in einem Jahr, bevor erstmals eine Vierschanzentournee für Frauen ausgetragen wird, erscheint ironisch. Jahrelang hatte gerade sie für dieses Ziel gekämpft. Nun lässt sie es liegen. „Ich werde aufhören, weil irgendwas immer zum ersten Mal kommt“, sagte sie Ende Dezember nicht mit Erschöpfung in der Stimme, sondern mit Entschiedenheit. Schmid möchte andere Schwerpunkte setzen, sich mehr der Familie widmen, ein Leben führen, das sich nicht in erster Linie um die Frage dreht, wie weit sie kommt nach dem Absprung. Dem Sport, das machte sie deutlich, könne sie durchaus verbunden bleiben, eventuell als Trainerin des Nachwuchses. Nur eben nicht mehr im Rampenlicht. Vorher will sie aber noch bei den Olympischen Spielen um Medaillen mitspringen, und in Norditalien werden gleich zu Beginn die Blicke auf sie gerichtet sein: Schmid repräsentiert Deutschland bei der Eröffnungszeremonie als Fahnenträgerin – allerdings nicht im San-Siro-Stadion von Mailand, wo Eishockeyprofi Leon Draisaitl das Team anführt, sondern am Nebenstandort im Val di Fiemme, rund drei Autostunden entfernt. Die Neunundzwanzigjährige sei von der Nachricht, dass sie an der Spitze des deutschen Teams laufen würde, noch so aufgewühlt gewesen, dass sie sich am Telefon mit ihrem Geburtsnamen Althaus meldete. „Ich bin so aufgeregt! Das ist eine riesige Ehre für mich. Wir haben so viele tolle Sportlerinnen und Sportler, und dass ich ausgewählt wurde, ist unglaublich“, sagte sie dem Übermittler der Nachricht des Deutschen Olympischen Sportbundes nach der Ankunft im olympischen Dorf. Wenn Schmid unweit der Schanzen von Predazzo an diesem Freitagabend die Fahne schwenkt, wird das kein Schlussstrich sein. Danach wird sie noch dreimal springen, vielleicht um Medaillen, die sie sich im Einzel von der Normalschanze und der Großschanze sowie im Mixed insgeheim ausrechnet. Ende März, nach dem Weltcup in Planica, hört sie dann auf. Nicht, weil ihr etwas fehlt, sondern weil sie entschieden hat, dass es genug ist.