Die Unwort-Jury hat recht daran getan, „Sondervermögen“ zum Unwort des Jahres zu küren, obwohl das Wort selbst ja kein Unwort ist, sondern ein Opfer, das von Unholden in der Politik missbraucht wird, um Vermögen vorzuspiegeln, wo nur Schulden sind. Das Missbrauchsschicksal erleiden aber auch noch andere Wörter. „Me too!“ könnten auch die Adjektive „komplex“ und „konstruktiv“ rufen. Wenn ein Politiker etwas als komplex bezeichnet, wie etwa die völkerrechtliche Beurteilung der Entführung Maduros durch die Amis, dann kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Wirklichkeit in Wahrheit sehr unkomplex ist, was der Politiker aber aus Gründen der Staatsräson nicht zugeben will. Oft will er nämlich erst komplexe Gespräche mit noch komplexeren Persönlichkeiten über das Komplexe führen. Anschließend heißt es dann oft, sie seien konstruktiv gewesen. Da denkt der naive Beobachter doch: Ah, man hat sich verstanden, vielleicht sogar geeinigt, die Grundlagen für kühne Zukunftskonstruktionen sind geschaffen, nun geht es voran und aufwärts! Wenn man dann aber nach konkreten Belegen für das Konstruierte fragt, muss man schon froh sein, wenn die Politiker sagen: Das ist komplex. Oder, wie jetzt nach den Gesprächen zwischen den Amis, den Dänen und den Grönländern: Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind. Alle drei nannten das wechselseitige Anbrüllen, na klar, konstruktiv. Dann stünden die Russen jetzt schon vor Lemberg Auch in den Verhandlungen mit den Russen über die Ukraine machen die Amis immer nur Fortschritte, meistens sogar größere als jemals zuvor (bei Trump ist alles immer größer als jemals zuvor). Auch diese Fortschritte sind freilich eine komplexe Angelegenheit. Denn wären sie auch nur halb so groß wie von Trump und seinen Leuten behauptet, stünden die Russen schon vor Lemberg. Manche Politiker bemühen freilich noch komplexere Vokabeln, wenn sie das wirklich Schwierige beschreiben wollen. Söder zum Beispiel nutzte das Determinativkompositum „Grauzone“, um uns allen mitzuteilen, wie komplex die Beurteilung der Förderung des sogenannten Meinungsführertreffens am Tegernsee durch die Bayerische Staatsregierung sei. Jahrelang war die großzügige politische und finanzielle Unterstützung eine Selbstverständlichkeit gewesen, aber seit der Ausrichter Wolfram Weimer nicht nur seinen Kontostand erhöhen, sondern auch mit Blaulicht fahren will (um Söders bildhafte Beschreibung des komplexen Problems zu nutzen), ist Schluss mit dem bislang problemlosen Verhältnis. Schirmherr Söder klappte sogar seinen Schutzschirm zu, obwohl man doch gerade in solchen Zeiten einen Schirmherrn braucht; wenn über dem Tegernsee die Sonne scheint, reicht ja auch ein herrenloser Sonnenschirm. Söder traf eine hygienische Entscheidung Aber Söder traf eine „klare hygienische“ Entscheidung, mit der er sich vom Kanzler absetzt, der immer noch an seinem Staatsminister für Kultur und Medien festhält. Die beiden, so Söders konstruktiver Kommentar dazu, seien ja auch „sehr, sehr befreundet“ und hätten „auch viele Bergtouren oder Touren um den See gemacht“. Bei so einer komplexen Beziehung tut man sich mit klar hygienischen Entscheidungen natürlich nicht so leicht wie der bayerische Regierungschef. Der stellte es seinen Ministern und sonstigen Befehlsempfängern frei, ob sie sich auch hygienisch rein fühlen oder weiter Schmuddelkinder sein wollten. Und schon trudelten am Tegernsee weitere Absagen ein, aus Termingründen. Die werden hier ebenfalls missbraucht, um den wahren Grund nicht nennen zu müssen, warum man sich nicht mehr an einem Ort sehen lassen will, an dem man sich früher so gerne sehen lassen wollte wie auf dem Grünen Hügel und in Davos. Da war Söder jetzt doch einmal ehrlicher als andere. Obwohl der Ministerpräsident ja nun wirklich Terminschwierigkeiten hätte, schließlich ist der Anschluss mehrerer Bundesländer an Bayern eine ziemlich komplexe Operation. Sie fragen sich kopfschüttelnd, warum Söder unbedingt das Saarland und Sachsen-Anhalt haben will? Diese Frage stellen Sie sich bei Trump und Grönland doch auch nicht mehr, oder?
