Was macht eigentlich die FDP? Die Fragen stellen sich derzeit manche, wenngleich nicht viele. Die meisten haben andere Sorgen und setzen ihre Hoffnung, wenn sie überhaupt welche haben, in erfolgreichere politische Kräfte. Das spiegeln die Umfragen. In denen liegen die Liberalen derzeit noch unter ihrem Ergebnis bei der Bundestagswahl im Januar; damals erreichten sie 4,3 Prozent, nun liegen sie zwischen drei und vier. Geht die Partei still unter? Nicht unbedingt. Wer sich zu erinnern meint, dass es 2013 ganz anders gewesen sei, irrt: Auch unter Christian Lindners Führung büßte sie im ersten Jahr außerhalb des Bundestags weiter an Zustimmung ein. Auch damals wusste sie nicht, was für eine Partei sie eigentlich sein wollte, und hatte wenig Zutrauen in die Kraft der neuen Führung, eine Trendwende zu schaffen. So beschrieb Lindner selbst es Jahre später in seinem Buch über die „Schattenjahre“. „Es wuchs das Gefühl, dass wir kaum etwas gegen diese Flaute tun konnten“, erinnert er sich an das Jahr 2014. „Wie ein ständiges Ziehen an Gummibändern“ Das Jahr eins in der außerparlamentarischen Opposition kam ihm vor „wie ein ständiges Ziehen an Gummibändern, die immer wieder zurücksprangen“. Bei der Europawahl sieben Monate nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag schnitt die FDP noch einmal mehr als einen Prozentpunkt schlechter ab: 3,3 Prozent, und das trotz des weithin anerkannten Spitzenkandidaten Alexander Graf Lambsdorff. So gesehen, verwundert es nicht, dass die Partei auch jetzt wieder eine Talsohle durchschreitet, statt erkennbar mit dem Wiederaufstieg voranzukommen. Es gibt viele Parallelen zu der Lage vor zwölf Jahren: Auch damals regierte eine Koalition aus Union und SPD, die es der FDP leicht zu machen schien, sich als Alternative zu präsentieren. Auch damals bot sich die AfD schon als radikalere Alternative an. Auch damals schwand das Interesse der Journalisten, die kaum mehr Artikel über die Partei schrieben. Und auch damals bezweifelten viele, dass der neue Parteivorsitzende der Richtige sei. Der erinnerte sich später an seinen ersten Auftritt als Chef beim Dreikönigstreffen der Partei, der ihm negative Schlagzeilen einbrachte, zum Beispiel „Schlapp, schlapper, FDP“. Selbstkritisch befand Lindner in seinem Buch, das sei recht treffend gewesen, seine eigene Rede, formal der Höhepunkt der Veranstaltung, „zum Fremdschämen langweilig“. Lindners Rückblick kann Dürr Mut machen Gute Voraussetzungen für den neuen Parteichef Christian Dürr. Der muss kommende Woche sein erstes Dreikönigstreffen in der neuen Rolle bestehen. Er will dafür sorgen, dass die Liberalen Fahrt für die anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aufnehmen. Gut möglich, dass er anschließend ähnliche Kritiken erntet wie Lindner seinerzeit, ihm Orientierungslosigkeit oder Blässe attestiert werden, womöglich auch von Parteifreunden. Lindners Rückblick kann ihm dann Mut machen. Allerdings gibt es nicht nur Parallelen zu damals, sondern auch Unterschiede. Einer der entscheidenden ist, dass die Partei nun schon zum zweiten Mal aus dem Bundestag geflogen ist. Das legt den Verdacht nahe, dass die FDP aus Fehlern der Vergangenheit nicht genug gelernt habe. Das sieht deren Führung selbst so. So sei in den vergangenen zehn Jahren das Ziel verfehlt worden, eine Stammwählerschaft aufzubauen, ergab eine interne Fehleranalyse, deren Ergebnisse Dürr einleuchteten. Die Analyse kam zu dem Schluss, dass die FDP bei den Bundestagswahlen 2017 und 2021 zwar gute Ergebnisse erzielt habe, sich aber nicht ausreichend darüber bewusst gewesen sei, dass es sich in weiten Teilen nicht um dieselben Wähler gehandelt habe. Beide Male wählten mehr als fünf Millionen Menschen die FDP, aber nur zwei Millionen wählten sie bei beiden Wahlen. Die Zeiten, Stammwähler an sich zu binden, sind dabei schwieriger denn je. Viele Menschen sind grundsätzlich weniger bereit als früher, sich langfristig auf Parteien festlegen. Sie ziehen es vor, flexibel zu entscheiden, wem sie ihre Stimme geben. Andere haben sich bis auf weiteres auf die AfD festgelegt. Sie erwarten sich von den Parteien der Mitte nichts mehr. So bleibt ein immer kleinerer Kreis von Wählern der politischen Mitte, die immer heftiger von den entsprechenden Parteien umworben werden. Damit ist für die FDP jeder Tag Großkampftag. Erst recht in jenen Bundesländern, in denen sie noch viel zu verlieren hat, nämlich Sitze in Landtagen oder sogar Regierungsbeteiligungen. In fünf Bundesländern wird im kommenden Jahr gewählt, in vier davon sitzt die FDP – noch – im Parlament. Gerade die ersten beiden Wahlen, im März in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz, sind für die Partei entscheidend. Gelingt dort der Wiedereinzug, könnte man das als das ersehnte Aufbruchsignal deuten. Kann es mit Dürr an der Spitze gelingen? Darüber streiten Anhänger der Partei relativ leidenschaftslos. Denn wer sollte es sonst machen? Da fällt vielen niemand ein. Manche Protagonisten gelten zwar als stärkere Marken, Wolfgang Kubicki etwa oder Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Doch sie polarisieren auch stärker, nach außen und nach innen. Und wenn die FDP eins nicht gebrauchen kann, dann Flügelstreit. Zugleich steht Dürr, Lindners Wunschnachfolger, schwerlich für einen kompletten Neuanfang; er war Fraktionschef während der Ampelregierung und gehörte damit zum engsten Kreis derer, die die Arbeit der FDP prägten. Umso schwieriger für ihn, einerseits Fehler der letzten Jahre einzugestehen, andererseits glaubhaft zu vermitteln, dass sie künftig nicht mehr gemacht würden. Beim Dreikönigstreffen wird sich zeigen, ob er wenigstens die eigenen Leute davon überzeugen kann.
