Für die rund 110 Beschäftigten von RW Silicium sind es kurz vor Weihnachten traurige Nachrichten. Nach Informationen der F.A.Z. schließt Deutschlands letzte Produktionsstätte für Silizium im bayerischen Pocking zum 31. Dezember endgültig seine Pforten. Die Beschäftigten werden an diesem Freitag über die Entscheidung informiert. „Wir mussten diese Entscheidung treffen, weil es trotz aller Versuche letztlich keine wirtschaftliche Perspektive mehr für den Standort gab“, bestätigte Heinz Schimmelbusch, der Vorstandsvorsitzende der Muttergesellschaft AMG Critical Materials, der F.A.Z. die Entscheidung. Der Schritt stimme ihn sehr traurig, sagte Schimmelbusch, aber nach drei Jahren vergeblicher Rettungsversuche könne er keine Erwartungen mehr wecken, die er am Ende nicht halten könne. Nun stehen Verhandlungen mit den Arbeitnehmern an über Instrumente wie Transfergesellschaften oder die Möglichkeiten zur Weiterbeschäftigung an anderen Konzernstandorten. Überraschend kommt die Nachricht freilich nicht: Der Großteil der Belegschaft ist längst in Kurzarbeit. Nach der Schließung des Werkes in der südlich von Passau gelegenen Kleinstadt wird die deutsche Industrie komplett auf den Import von Silizium angewiesen sein, das ein zentraler Rohstoff für die Produktion für moderne Elektronik wie etwa Speicherchips und Sensoren ist, aber auch für Solarmodule und Batterieanoden gebraucht wird. Die Nachricht fällt in eine Zeit, in der sowohl die Europäische Union als auch die Bundesregierung bemüht sind, wegen zunehmender geopolitischer Spannungen die Abhängigkeiten in den Lieferketten vor allem aus China eigentlich zu reduzieren. Doch der Fall von Pocking verdeutlicht die aktuellen Probleme der energieintensiven Industrie am Standort Deutschland und der Rohstoffversorgung wie unter einem Brennglas. Das Gros der Leute ist schon in Kurzarbeit Anders etwa als bei der Rohstoff-Gruppe der Seltenen Erden, für die China die Exportregeln während des Handelskonflikts mit den USA enorm verschärft hat, ist bei der Herstellung von Silizium nicht die Beschaffung des Ausgangsstoffs – in diesem Fall hochreines Quarz – das Problem. In Pocking stammt es sogar aus der Region. Dieses Quarz wird unter hohem Energieeinsatz in speziellen Öfen mit einem elektrischen Lichtbogen zu Siliziummetall umgewandelt. „Nicht die Rohstoffkosten, sondern der regionale Strompreis hat somit entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Siliziumproduktion“, heißt es dazu in einer Analyse der Deutschen Rohstoffagentur. Bis vor wenigen Jahren ging diese Rechnung für RW Silicium auch auf: Mit den vier Öfen wurden rund 30.000 Tonnen Jahresproduktion hergestellt, die vor allem als Grundstoff in die chemische Industrie wanderten, mit Wacker Chemie saß ein Großkunde in der Nachbarschaft. Damit kam Pocking aber auch in besten Zeiten gerade einmal auf einen Anteil von 0,6 Prozent am Weltmarkt, der schon damals zu drei Vierteln in der Hand chinesischer Anbieter war. Die zerstörten Lieferketten während der Pandemie führten sogar zeitweilig zu wilden Preisausschlägen nach oben an den Siliziummärkten, bevor die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine und der daraus resultierende Energiepreisschock die Karten völlig neu mischten. Zahlte RW Pocking zuvor rund drei Cent je Kilowattstunde, waren es danach rund neun Cent für Strom, wie AMG-Chef Schimmelbusch offenlegt. Die Folge: Seit Herbst 2022 läuft die Produktion in Pocking gedrosselt – zuletzt nur noch mit einem der vier Öfen, und das lediglich von April bis Oktober. Schimmelbusch berichtet von vielen Gesprächen während der vergangenen Jahre auf der Suche nach einer Lösung der Stromfrage: „Wir wollten nicht akzeptieren, dass es für dieses kritische Material in Deutschland keine Perspektive geben sollte.“ Doch weder mit der bayerischen Landesregierung noch in Berlin oder Brüssel sei er mit seinem Anliegen weitergekommen, das Interesse war gering gewesen. Schimmelbusch hat auch versucht, die am nahen Inn auf österreichischer Seite gelegenen Wasserkraftwerke zurückzukaufen, die früher die Versorgung der 1942 in Betrieb genommenen Fabrik mit günstigem grünen Strom sicherten, bevor sie an die Verbund AG abgegeben wurden. Doch der größte Elektrizitätsversorger Österreichs habe kein Interesse daran gehabt, sich von dem lukrativen Geschäft zu trennen. „Es war wohl illusionär, aber ich habe es versucht“, sagt Schimmelbusch. Auch mit dem französischen Energiekonzern EdF habe er über „unkonventionelle Lieferverträge“ gesprochen. Das Vorhaben sei letztlich aber an der Komplexität des Regelwerks gescheitert. Und was ist mit dem Industriestrompreis, den die Bundesregierung doch am 1. Januar unbedingt einführen will, wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in dieser Woche bei einer Veranstaltung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall noch einmal unterstrich? Dieser subventionierte Preis soll für drei Jahre gerade die energieintensive Industrie entlasten, sobald aus Brüssel dafür grünes Licht komme. Für Schimmelbusch keine Option mehr. Zum einen seien zu viele Einschränkungen zu erwarten, etwa dass der Preis nur für die Hälfte des Verbrauchs gelte. Zum anderen hat sich die Lage in der Zwischenzeit nochmals verschärft. 140 Prozent Schutzzoll in USA, 17 in der EU Denn durch den wirtschaftlichen Abschwung in Deutschland sind erhebliche Probleme auf der Nachfrageseite dazugekommen. Die Mengen, welche Großkunden abnehmen, haben sich um etwa die Hälfte dramatisch reduziert. Ein weiterer Grund machte das Problem-Dreieck komplett und besiegelt das Aus in Pocking letztlich: der Preisverfall am Weltmarkt. RW habe zuletzt 40 Prozent unter den Herstellungskosten verkaufen müssen, um überhaupt noch etwas loszuwerden, heißt es aus dem Unternehmen. Solch einen Zustand kann kein wirtschaftlich agierendes Unternehmen lange durchhalten. Der Siliziumpreis bewegte sich lange Zeit in einem Korridor zwischen 2000 und 2500 Euro je Tonne. Heute sind es gerade einmal noch rund 1500 Euro, wenn nicht weniger. Der Grund dafür ist günstiges Silizium vor allem aus China. Für AMG-Chef Schimmelbusch ist klar, dass dieser Preis nicht allein durch niedrigere Stromkosten im Reich der Mitte zustande kommen kann, sondern auch durch Subventionen für dortige Hersteller. Chinas Markt gilt als preissetzend und hat gewaltige Überkapazitäten – die in den kommenden Jahren durch zusätzliche Produktion noch wachsen dürften. Schätzungen zufolge könnte China den Weltjahresbedarf an Silizium heute schon mehrfach stemmen. Europa tue zu wenig gegen die Flut aus dem Osten, findet Schimmelbusch: Während die USA knapp 140 Prozent Einfuhrzölle erhebe auf Silizium aus China und Kanada immerhin noch 47 Prozent, seien es in der EU nicht einmal 17 Prozent. PCC-Chef wettert gegen „Dumpingimporte aus China“ RW Silicium ist kein Einzelfall. Im Frühjahr beschloss die PCC- Gruppe aus Duisburg die temporäre Stilllegung ihrer Siliziumproduktion in Island. Die 2018 in Betrieb genommene Anlage in Húsavík mit einer Kapazität von 32.000 Tonnen im Jahr wird zu 100 Prozent mit grünem Strom vor allem aus Geothermie versorgt, was laut Unternehmensangaben dazu führt, dass der CO2-Ausstoß um zwei Drittel niedriger liege als bei vergleichbaren herkömmlichen Anlagen. Der PCC-Vorstandsvorsitzende Peter Wenzel findet gegenüber der F.A.Z. klare Worte zur aktuellen Entwicklung: Man sehe sich nahezu ungeschützt einem zunehmend unfairen und teilweise ruinösen Wettbewerb durch Importe aus Ländern ausgesetzt mit wesentlich geringeren Standards hinsichtlich sozialer Aspekte, Arbeitsschutz, Menschenrechten sowie Umwelt und Klima. „Dumpingimporte aus China, wo etwa in der Provinz Xinjiang große Mengen von Silizium und dessen Folgeprodukten auf Basis von Zwangsarbeit und nicht ansatzweise vergleichbaren Umwelt-, Sozial- und Arbeitsschutzstandards hergestellt werden, erreichen den europäischen Markt nahezu ohne Restriktionen“, so Wenzel. „Absurderweise wurde die Realisierung unseres vorbildlichen Zukunftsprojekts zwar vom Staat gefördert – allerdings nicht mehr durch eine verantwortungsvolle Industrie- und Handelspolitik vor einem ruinösen und unfairen Wettbewerb geschützt.“ Wie Schimmelbusch steht auch PCC-Chef Wenzel der Entwicklung relativ machtlos und frustriert gegenüber. Wenzel will sein Werk aber noch nicht verloren geben: „Wir sind dem Standort fest verbunden und werden nicht vorschnell aufgeben.“ Einen konkreten Termin zum Wiederhochfahren der Anlage gibt es allerdings nicht. Kurzfristig dürfte das ohnehin schwierig sein, denn PCC hat die 110 Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt. Große Hoffnungen setzt das Unternehmen auf seine Anti-Dumping-Beschwerde beim isländischen Ministerium für Wirtschaft, das Ende November beschlossen hat, Ermittlungen aufzunehmen. Wenzel spricht von einem positiven Signal und Lichtblick. Subventionen für neues Werk - kein Schutz für den Bestand Für den 81 Jahre alten Heinz Schimmelbusch geht dagegen mit dem Aus von RW Silicium ein trauriges Kapitel seiner langen Karriere zu Ende. In früheren Jahren hatte „Schibu“, wie er zu seinen einflussreichsten Zeiten genannt wurde, die Frankfurter Metallgesellschaft auf einen atemberaubenden Expansionskurs geführt. Als der Konzern in eine Existenzkrise geriet, musste der deutsch-österreichische Manager seinen Posten räumen und zog nach Pennsylvania, wo er mit AMG einen börsennotierten Rohstoffkonzern erschuf, dem er bis heute vorsteht. Die an der Amsterdamer Börse notierte AMG Critical Materials N.V. kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 850 Millionen Euro. Derzeit baut Schimmelbusch mit AMG große Recyclinganlagen in den USA und in Saudi-Arabien. In Deutschland sind aufgrund der schwierigen Standortbedingungen derzeit keine weiteren Großprojekte geplant. In Bitterfeld fährt AMG aber gerade eine hochmoderne Lithium-Raffinerie hoch – die ohne staatliche Unterstützung entstand, wie Schimmelbusch betont. Einen Seitenhieb auf die Politik kann sich der Manager dann doch nicht verkneifen. „Es ist absurd: Wenn ich eine neue Silizium-Produktion bauen würde, könnte ich wahrscheinlich Subventionen beziehen. Für den Erhalt eines bestehenden Werkes setzt sich dagegen niemand ein.“
