FAZ 26.01.2026
10:39 Uhr

F.A.Z. exklusiv: Der Zoll beschlagnahmt immer mehr Cannabis aus Nordamerika


Allein am Flughafen Köln/Bonn wurden 2025 über zehn Tonnen Cannabis aus den USA gefunden. Auch die EU-Drogenbehörde warnt vor einem Anstieg. Was steckt dahinter?

F.A.Z. exklusiv: Der Zoll beschlagnahmt immer mehr Cannabis aus Nordamerika

Besonders gut versteckt ist das Cannabis in der Regel nicht. Mal ist es ein halbes Kilo, mal sind es 30 Kilo, die in den Luftpost­pa­keten liegen. Die getrockneten Blüten sind eingeschweißt, mehrere Vakuumbeutel übereinander, damit wenigstens der intensive Geruch nicht nach außen dringt. Manchmal hat man zwischen die einzelnen Beutellagen Senf geschmiert, manchmal Currypaste oder Kaffee. Auch Klo­steine haben die Zöllner am Flughafen Köln/Bonn schon gefunden. Auf den Frachtpapieren der Pakete stehen Waren, die ungefähr zu Größe und Gewicht passen: Jeans, Weihnachtsschmuck, ein Basketballkorb mit Ständer. Und noch etwas haben die Drogenlieferungen gemeinsam: Absender jenseits des Atlantiks. Der Flughafen Köln/Bonn ist eines der größten Drehkreuze für Luftfracht in Eu­ropa. 600.000 bis 700.000 Pakete kommen hier jede Nacht durch, rund um Weihnachten sind es auch mal bis zu eine Million. Der Zoll kann nur einen Bruchteil davon kontrollieren. Anhand von Risikoanalysen entscheiden die Zöllner, welche Pakete sie durch ihre Röntgengeräte schicken oder der Hundestaffel vorlegen. Ganz oben auf der Liste der Risikoländer stehen seit einiger Zeit die USA. Fast jede Nacht finden die 15 Drogenspürhunde Cannabis, da hilft auch kein Senf und kein Klostein. Ihre Nasen sind viel zu sensibel. „Wir erleben im Moment eine Schwemme an Marihuanasendungen aus den USA“, sagt Jens Ahland vom Hauptzollamt Köln. „Wir werden damit geflutet, anders kann man es nicht sagen.“ Die USA sind zum Cannabis-Exporteur geworden Seitdem Donald Trump wieder ins Weiße Haus eingezogen ist, führt die amerikanische Regierung den „war on drugs“, den „Krieg gegen die Drogen“, den Präsident Richard Nixon schon in den Siebzigerjahren ausgerufen hatte, in einer völlig neuen Intensität: Sie lässt mutmaßliche Schmuggelboote versenken und hat Nicolás Ma­duro mit der Begründung, er sei der Boss eines Drogenkartells, aus seinem Schlafzimmer in Caracas verschleppt. Ländern wie Mexiko und Kolumbien droht Trump mit Zöllen und Militärschlägen, sollten diese nicht aufhören, die USA mit Drogen zu überschwemmen. Zur selben Zeit hat sich auf dem globalisierten Drogenmarkt eine Entwicklung fortgesetzt, die bisher kaum Beachtung findet: Die USA sind, wie ihr Nachbar Kanada auch, selbst zu wichtigen Produzenten und Exporteuren von Cannabis geworden. Und zwar nicht nur von legalem Medizinalcannabis, sondern genauso von illegalem für den Schwarzmarkt. Warnmeldungen an alle Mitgliedsländer In Europa stießen Zöllner schon ab 2023, 2024 immer häufiger auf Luftpostpakete und sogar ganze Überseecontainer voller Cannabis aus Nordamerika. Am 7. November des vergangenen Jahres verschickte die Europäische Drogenbehörde EUDA nach Informationen der F.A.Z. dann eine Warnmeldung an alle Mitgliedsländer, eine „European Drug Alert System risk communication“. Die Experten der EUDA wiesen darauf hin, dass die Beschlagnahmungen von Marihuana aus den USA und Kanada 2025 noch einmal stark angestiegen seien. Europaweite Zahlen für das ganze Jahr 2025 gibt es noch nicht, aber: Allein in Belgien beschlagnahmte der Zoll im vergangenen Jahr gut 21 Tonnen Cannabis, fast fünfmal so viel wie 2024. Das meiste entdeckten die Zöllner in Containern aus Kanada, die im Hafen von Antwerpen ankamen. Der niederländische Zoll ver­mel­dete eine Vervierfachung der Funde auf 65 Tonnen, überwiegend aus Nordamerika. In Luxemburg waren es fast drei Tonnen, fast ausschließlich aus den USA. „Es ist offensichtlich, dass der Anteil von Cannabis aus Nordamerika auf dem euro­päischen Markt jetzt erheblich ist“, sagt Robert Pătrăncuş, wissenschaftlicher Analyst der EUDA. „Das ist eine wichtige Entwicklung.“ Der deutsche Zoll veröffentlicht noch keine Zahlen für 2025, die werden erst im Frühjahr auf einer Pressekonferenz mit dem Finanzminister vorgestellt. Alles deutet aber darauf hin, dass sich auch hierzulande der Trend der Jahre zuvor fortsetzt. So hatten die Zöllner am Flughafen Köln/Bonn 2022 zum ersten Mal mehr als eine Tonne Cannabis beschlagnahmt. 2023 waren es mehr als zwei Tonnen, 2024 schon mehr als vier. Und 2025 entdeckten sie nach Informationen der F.A.Z. mehr als zehn Tonnen. Rund 90 bis 95 Prozent davon kamen aus den USA. Spanien wurde zum wichtigsten Produktionsland Der wichtigste Marihuanalieferant für den europäischen Schwarzmarkt war ein paar Jahre lang das kleine Albanien (für getrocknete Cannabisblüten und -blätter; Haschisch, das Harz der Cannabispflanzen, kommt vor allem aus Marokko). Auf Druck der EU arbeitete Albanien dann mit den italienischen Strafverfolgern zusammen, die mit Flugzeugen über das Land flogen und der albanischen Polizei die Koordinaten der ausufernden Plantagen lieferten. Die kriminellen Netzwerke zogen daraufhin näher an ihre Hauptabsatzmärkte in Westeuropa und begannen, ihr Cannabis gleich dort anzupflanzen, versteckt in Lagerhallen, in ehemaligen Supermärkten, in Autowerkstätten. Zum wichtigsten Produktionsland wurde Spanien, wo genug Sonne scheint, dass die Pflanzen in abgelegenen Gegenden auch auf Outdoor-Plantagen großgezogen werden können. „Eigentlich wird in Europa ausreichend Cannabis für den heimischen Markt produziert“, sagt EUDA-Analyst Pătrăncuş. „Es besteht keine Notwendigkeit, es zu importieren.“ Laut den aktuellsten Zahlen der EUDA beschlagnahmten die euro­päischen Zoll- und Polizeibehörden 2023 insgesamt 201 Tonnen Marihuana. Warum also wird nun zusätzlich tonnenweise aus Übersee importiert? Wie so oft, vermutet Pătrăncuş, liegt es am Preis. Es scheine ökonomische Anreize zu geben, das Cannabis deutlich günstiger in Nordamerika zu kaufen und nach Europa zu transportieren, anstatt es lokal zu produzieren, sagt er. In der internen Warnmeldung der EUDA, die der F.A.Z. vorliegt, heißt es, dass die Großhandelspreise in Nordamerika um bis zu zwei Drittel un­ter den Preisen für Cannabis aus Europa liegen könnten. Chinesische Verbrecherbanden profitieren Hauptgrund dafür ist die Legalisierung: Kanada war 2018 das erste große Land, das Cannabis für den Freizeitgebrauch erlaubte. In den USA war Colorado schon 2012 der erste Bundesstaat, es folgten Kalifornien und Dutzende weitere. So entstand eine riesige Industrie. In den USA wird der legale Cannabismarkt heute auf rund 40 Milliarden Dollar geschätzt. Der Schmuggel von Cannabis aus Mexiko über die amerikanische Südgrenze brach dadurch zusammen. Zugleich aber wuchs in den USA selbst der Schwarzmarkt. Bundesgesetze verbieten es bis heute, Cannabis von einem Bundesstaat in einen anderen zu transportieren. Die Regelungen in den Bundesstaaten unterscheiden sich sehr voneinander, zum Teil ist der legale Anbau stark beschränkt und hoch besteuert. Für die Strafverfolgungsbehörden verlor der Kampf gegen Cannabis an Priorität. Und so schuf die Legali­sierung beste Bedingungen für kriminelle Netzwerke: ein geringes Risiko und die Aussicht auf hohe Gewinne. In Bundesstaaten wie Kalifornien schossen Tausende illegale Plantagen aus dem Boden. In Oklahoma kam 2023 eine Studie zu dem Schluss, dass die staatlich lizenzierten Unternehmen dort etwa 64-mal so viel Medizinalcannabis produzierten, wie für die Versorgung der registrierten Nutzer in dem Staat notwendig ge­wesen wäre. Auch das vermeintlich legale Cannabis war überwiegend für den Schwarzmarkt bestimmt. Recherchen des Investigativmediums „Pro Publica“ und der „New York Times“ zeigen, dass es vor allem chinesische Verbrecherbanden sind, die den illegalen Can­nabishandel in den USA dominieren. Sie investieren Millionen in halb legale und illegale Plantagen, auf denen dann chinesische Einwanderer schuften. „Mit dem rasanten Wachstum dieser kriminellen Industrie haben die Gangster eine Welle der Gesetzlosigkeit ausgelöst“, schreibt „Pro Publica“: „Gewalt, Drogenhandel, Geldwäsche, Glücksspiel, Bestechung, Urkundenfälschung, Bankbetrug, Umweltverschmutzung sowie Diebstahl von Wasser und Strom.“ Im legalen Cannabishandel sind die Preise trotz der allgemeinen Inflation sowohl in den USA als auch in Kanada eingebrochen – wegen einer enormen Überproduktion. Ob das Cannabis, das nun in Europa ankommt, aus den Überschüssen legaler Plantagen stammt oder von illegalen, ist unklar. „Wir wissen es nicht“, sagt Analyst Pătrăncuş. In ihrer Warnmeldung verwies die EUDA auf Berichte der ame­rikanischen Behörden, dass auf illegalen Plantagen exzessiv Pestizide eingesetzt würden und das Cannabis von dort deshalb stark belastet sein könnte. Cannabis ist an Empfänger in den Niederlanden adressiert Bei europäischen Nutzern hat das Cannabis aus den USA trotzdem einen guten Ruf. Drogenhändler vermarkten es als „Cali Weed“, als kalifornisches Gras. Durch die hohen Qualitätsvorschriften für den legalen Markt und den enormen Konkurrenzdruck sind dort in den vergangenen Jahren Sorten gezüchtet worden, die nicht nur besonders aromatisch sind, sondern auch deutlich stärker. Während europäisches Cannabis laut EUDA im Schnitt zehn bis zwölf Prozent THC enthält, liegt der Wirkstoffgehalt von kalifornischem Gras oft über 20 Prozent. Ein Großteil der Marihuanalieferungen, die der Zoll am Flughafen Köln/Bonn beschlagnahmt, ist an Empfänger in den Niederlanden adressiert. Allerdings, sagt Sprecher Ahland, heiße das nicht, dass es nicht auch in Deutschland lande. Der Drogenmarkt in der EU kennt schließlich keine Grenzen. Außerdem steigt der Anteil deutscher Empfänger. Die Legalisierung in Deutschland scheint die Nachfrage nach „Cali Weed“ nicht zu dämpfen. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigt auf Anfrage, dass ein „stetiger si­gnifikanter Anstieg“ beim Schmuggel von Cannabis aus Nordamerika zu beobachten sei. Das Bundesinnenministerium teilt mit, dass „die Bekämpfung der international organisierten Rauschgiftkriminalität höchste Priorität“ habe, da diese als eine wesentliche Triebfeder der organisierten Kriminalität angesehen werde. Das BKA stehe deshalb in Kontakt mit „anderen europäischen Ländern und in­ter­natio­na­len Partnern“. Auf die konkrete Frage, ob die Bundesregierung deshalb auch Kontakt mit den Regierungen von Kanada und den USA aufgenommen habe, geht das Mi­nisterium in seiner Antwort nicht ein.