FAZ 22.05.2026
17:04 Uhr

F.A.Z. exklusiv: Der Wirecard-Prozess geht in die Verlängerung


Kein Ende in Sicht: Der Prozess gegen den früheren Wirecard-Chef Markus Braun dehnt sich weiter in die Länge – die neuen Termine reichen bis zum Jahresende 2026.

F.A.Z. exklusiv: Der Wirecard-Prozess geht in die Verlängerung

In der Münchner Strafjustiz und unter den Prozessbeteiligten des Wirecard-Verfahrens ist es schon länger kein Geheimnis mehr. Das komplexe Strafverfahren gegen den ehemaligen Konzernchef Markus Braun und zwei weitere Angeklagte wird nach gut 270 Verhandlungstagen abermals verlängert. Auf Nachfrage der F.A.Z. gab die vierte Große Strafkammer des Landgerichts München I am Freitagnachmittag weitere Termine bis zum Jahresende 2026 bekannt. Damit könnte der Mammutprozess insgesamt mehr als vier Jahre dauern. Beginnend mit dem 8. Juli sind zunächst 39 weitere Verhandlungstage vorgesehen. Ein Justizsprecher wies im Gespräch mit der F.A.Z. jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Strafkammer zum derzeitigen Zeitpunkt nicht davon ausgeht, alle vorgesehenen Termine bis zur Verkündung einer Entscheidung zu benötigen. Wann das Urteil gegen Braun fällt, der im Juli 2026 seit sechs Jahren ununterbrochen in Untersuchungshaft sitzt, ist dennoch weiterhin offen. Bis zu 15 Jahre Haft drohen Im Fall einer Verurteilung wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, Bilanzfälschung, Marktmanipulation und Untreue drohen dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Wirecard bis zu 15 Jahre Haft. Braun bestreitet die Vorwürfe, für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Der Wirecard-Prozess begann im Dezember 2022 und wurde mehrfach verlängert. Zuletzt gab die Münchner Strafjustiz im vergangenen Dezember Termine bis Ende Juni 2026 bekannt; seinerzeit war im ersten Quartal dieses Jahres mit einem Urteil gerechnet worden. Inzwischen ist jedoch klar, dass die Strafkammer unter Vorsitz von Markus Födisch die Verhandlungstermine im Hochsicherheitsgerichtssaal der Münchner Justizvollzuganstalt Stadelheim über den 25. Juni ausreizen wird. Weitere Zeugen für Juni-Termine geladen Da sich die Beweisaufnahme weiter in die Länge zieht und mehrere Zeugen, teils aus dem Ausland, für die verbleibenden Termine im Juni geladen sind, ist der ursprüngliche Zeitplan nicht mehr einzuhalten. So teilte Födisch den Prozessbeteiligten am gestrigen Donnerstag, dem letzten Sitzungstag vor der mehr als zweiwöchigen Pfingstpause, in Stadelheim mit, dass ein Vorstandsreferent von Alexander von Knoop, dem ehemaligen Finanzvorstand von Wirecard, erst am 24. Juni als Zeuge aussagen wird. Selbst wenn die Beweisaufnahme damit abgeschlossen sein sollte und das Gericht an dem bisherigen Kurs von zwei Sitzungstagen pro Woche festhält, wäre mit einer Entscheidung im Wirecard-Prozess erst Wochen später zu rechnen. Trotz der Beschränkung auf die zehn wichtigsten Anklagepunkte ist davon auszugehen, dass allein schon die Schlussanträge der Staatsanwaltschaft, der Strafverteidiger von Braun sowie der beiden Mitangeklagten – dem ehemaligen Chefbuchhalter von Wirecard, Stephan von Erffa, und dem einstigen Statthalter des Konzerns in Dubai, Oliver Bellenhaus – mehrere Tage in Anspruch nehmen werden. Anschließend bekommen Braun, von Erffa und Bellenhaus, alle noch die Gelegenheit zu einem letzten Wort. Da sich alle drei Angeklagten im Laufe des Mammutverfahrens zunehmend mit Wortbeiträgen und Fragen an die Zeugen eingebracht haben, dürfte es auch hier keine Frage von Minuten, sondern eher von Stunden sein. Für die Verkündung des Urteils hat die Große Strafkammer dann zwei Wochen Zeit. Neben den Strafverfahren zum Abgasbetrug vor den Landgerichten in Braunschweig und München ist der Wirecard-Prozess schon jetzt einer der längsten Wirtschaftsstrafprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik.