FAZ 12.01.2026
21:19 Uhr

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: Warum Stricken ein Comeback erlebt


Selbstgestrickte Unikate liegen im Trend. Doch der Gesamtmarkt für Handarbeit schrumpft – und die globale Wollproduktion steht unter Druck.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: Warum Stricken ein Comeback erlebt

Illustration: Julia Bellan Schneller Schlau Maschenhaftes Comeback Von JULIA BELLAN 12. Januar 2026 · Man sieht sie überall: in der Regionalbahn wie im ICE, im Café an der Ecke und sogar im Kino. Flinke Hände, die mit klappernden Nadeln aus bunten Wollknäueln Schals, Pullover oder Mützen zaubern. Gelegentlich vernimmt man ein Fluchen, wenn plötzlich eine Masche verloren geht oder ein Loch klafft, wo keines hingehört. Stricken erlebt eine Renaissance. Was lange als Hobby für ältere Damen galt, ist bei immer mehr jungen Menschen wieder gefragt. Besonders in diesem Januar interessieren sich die Deutschen für die Themen „Stricken“ und „Häkeln“, wie eine Auswertung der Suchanfragen von Google Trends zeigt. Das Interesse am Stricken ist fast so groß wie im Pandemiejahr 2020, als viele sich mangels Alternativen kreativen Hobbys für zu Hause zuwandten. Auch Häkeln erfährt seit 2018 ein steigendes Interesse. Während im Jahr 2021 der größte Anteil der Frauen, die Handarbeit ausübten, älter als 50 Jahre war, stellten 2024 die 18 bis 29 Jahre alten Frauen die größte Gruppe. Stricken gilt wieder als cool, die Designs sind modern – etwa die der dänischen Designerin Mette Wendelboe Okkels. Die Gründerin der Marke PetiteKnit trägt maßgeblich zum Strick-Hype unter Jüngeren bei. Ihr Strickmuster für den „Sophie Scarf“ ging in den sozialen Medien viral. Er war im vergangenen Jahr in aller Munde – und um aller Hälse. Die französische Modezeitschrift „Elle“ kürte ihn zum „unverzichtbaren Winteraccessoire“. Der kurze, spitz zulaufende Schal eignet sich gut für Anfänger, und er ist schnell gestrickt. Das Erfolgserlebnis machte vielen Strick-Neulingen Lust auf mehr. 79 Prozent der Personen, die stricken oder häkeln, wollen laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Skopos vor allem eigene Unikate schaffen. Für 88 Prozent dient die Handarbeit der Entspannung, 16 Prozent nennen die Gemeinschaft als Motiv. Entsprechend regelmäßig wird zu Nadel und Garn gegriffen: 33 Prozent stricken mehrmals pro Woche, 23 Prozent ein paarmal im Monat, elf Prozent einmal pro Woche. Gestrickt wird längst nicht mehr nur allein auf der Couch, sondern teils auch gemeinsam – mit Freundinnen im Café, auf einer Picknickdecke im Park oder bei Strick-Events im Kino, bei denen das Licht extra heller bleibt. Der Umsatz im Gesamtmarkt Handarbeit ist seit dem Corona-Hoch trotzdem rückläufig: Im Jahr 2020 setzte die Branche knapp 1,4 Milliarden Euro um, 2024 waren es 961 Millionen Euro. Zahlen für das Jahr 2025 liegen noch nicht vor. Für das Minus sorgt das rückläufige Geschäft mit Stoffen oder Näh- und Strickmaschinen. Das Segment der Strick- und Häkelgarne wächst gegen den Trend: Der Umsatz stieg von 370 Millionen Euro im Jahr 2023 auf 375 Millionen Euro 2024. Damit entfielen 39 Prozent des Gesamtumsatzes auf Garne. „Die Menschen sind wieder deutlich mehr unterwegs. Strick- und Häkelprojekte bieten sich an, um zum Beispiel auch auf dem Weg ins Büro oder auf Reisen kreativ zu sein“, sagt Hedi Ehlen, Geschäftsführerin der Initiative Handarbeit, eines Zusammenschlusses führender Handarbeitsunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sinkende Zahlen verzeichnet allerdings auch die globale Produktion von Rohwolle – also ungewaschener, unverarbeiteter Wolle, die noch natürliche Fette und Schmutz enthält. Während des Aufbereitungsprozesses verliert die Wolle fast die Hälfte ihres Gewichts. Im Jahr 2000 wurden insgesamt 2,3 Millionen Tonnen Rohwolle erzeugt, 20 Jahre später nur noch 1,92 Millionen Tonnen. Seitdem erholt sich die Produktion leicht, im Jahr 2024 wurden 1,98 Millionen Tonnen Rohwolle produziert. Die Gründe für die sinkende Produktion über die vergangenen Jahrzehnte sind vielfältig. Zwar ist die Zahl der gehaltenen Schafe weltweit gestiegen. Doch laut der International Wool Textile Organisation (IWTO) steigen immer mehr Viehzüchter von der reinen Wollproduktion auf die zusätzliche oder vorrangige Produktion von Lamm- und Schaffleisch um. Die Nachfrage nach Lammfleisch ist hoch, die Preise sind gestiegen – Fleischverkauf ist für viele Betriebe daher lukrativer als Wolle. Tiere werden geschlachtet statt geschoren. Hinzu kommen klimatische Risiken: Dürren wie zwischen 2017 und 2019 im Hauptproduktionsland Australien zwangen viele Farmer, ihre Herden zu verkleinern, weil Wasser für die Versorgung großer Schafbestände fehlte. Australien bleibt dennoch der wichtigste Rohwoll-Lieferant: 2023 stammten knapp 406.000 Tonnen Rohwolle von dort, was 20,5 Prozent der weltweiten Produktion entspricht. Daraus wurden fast 268.000 Tonnen reine Wolle. China produzierte 356.000 Tonnen Rohwolle, Neuseeland 124.000 Tonnen. In Deutschland fielen gut 11.400 Tonnen Rohwolle an, die zu knapp 6400 Tonnen reiner Wolle aufbereitet wurden. Laut der gemeinnützigen Organisation Textile Exchange waren 2024 fünf Prozent der australischen Wolle mit dem RWS (Responsible Wool Standard) zertifiziert. Der 2016 eingeführte Standard legt den Fokus auf artgerechte Schafhaltung, nachhaltige Landbewirtschaftung und transparente Lieferketten. Neben dem RWS gibt es weitere international anerkannte Siegel wie den Global Organic Textile Standard (GOTS), der für alle Naturfasern gilt, ökologische und soziale Kriterien kombiniert und biologische Tierhaltung verlangt. Bei RWS-zertifizierter Wolle ist etwa das sogenannte Mulesing verboten: Dabei werden Merinoschafen in der After- und Genitalregion Hautfalten entfernt, um einen Befall mit Fliegenmaden zu verhindern. Diese siedeln sich in verschmutzten, schlecht belüfteten Hautfalten an und können Entzündungen bis hin zum Tod des Tieres verursachen. Das Verfahren wird jedoch häufig ohne Betäubung durchgeführt und verursacht den Tieren große Schmerzen. In China, dem zweitgrößten Wollproduzenten der Welt, wurde das RWS-Siegel erst 2024 eingeführt; entsprechend sind bisher nur wenige Schafzuchtbetriebe zertifiziert, der Anteil der RWS-zertifizierten Rohwolle liegt bei 0,001 Prozent. Am höchsten ist der Anteil RWS-zertifizierter Farmen mit 66 Prozent auf den Falklandinseln vor der Ostküste Argentiniens – dort gibt es allerdings nur wenige Zuchtbetriebe, die zusammen 1489 Tonnen Rohwolle erzeugen. Die Tierschutzorganisation PETA kritisiert, Wolle könne grundsätzlich nicht tierleidfrei und damit nicht wirklich nachhaltig produziert werden – unabhängig vom Siegel. Auch die routinemäßige Schur bedeute für die Tiere Stress. Für die Strickenden rückt damit neben Design und Preis zunehmend auch die Frage in den Vordergrund, unter welchen Bedingungen die Wolle für ihr nächstes Projekt entstanden ist. F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Erst Lebkuchen, dann Fitnessstudio F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Die große KI-Wette in Zahlen Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge