FAZ 23.02.2026
20:28 Uhr

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: So legen die Deutschen ihr Geld an


Aktien sind beliebter geworden. Doch setzen viele Deutsche auf Sicherheit statt auf Rendite. Für Frauen und Geringverdiener kann es sich lohnen, mehr zu investieren.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: So legen die Deutschen ihr Geld an

Illustration Claudia Bothe Schneller Schlau Wie die Deutschen ihr Geld anlegen von Claudia Bothe 21. Februar 2026 · Aktienanlagen sind beliebter geworden. Dennoch setzen viele mehr auf Sicherheit, statt auf Rendite. Für Frauen und Geringverdiener kann es sich lohnen, mehr zu investieren. Knapp 114.000 Euro an privaten Geldvermögen hat ein Deutscher im Durchschnitt. Während der Großteil der Bundesbürger zwar bewusst spart, verfolgen aber nur wenige von ihnen eine konkrete Anlagestrategie. Das zeigt eine Erhebung des Verbands der Privaten Bausparkassen: 41 Prozent der Deutschen lassen ihr aufbewahrtes Geld am liebsten auf dem Girokonto liegen. Und dort lassen sie es unverzinst an Wert verlieren. 1000 Euro sind nach fünf Jahren auf einem zinsfreien Konto bei einer durchschnittlichen Inflation von zwei Prozent nominal zwar immer noch 1000 Euro, entsprechen dann aber nur noch einer Kaufkraft von gut 900 Euro. Um dem Wertverlust durch die Inflation entgegenzuwirken, legen mehr als 35 Prozent ihr Geld auf ein Sparkonto oder wählen eine andere Sparanlage, 32 Prozent nutzen ein Tagesgeldkonto. Denn die Deutschen meiden das Risiko. So ist das wichtigste Auswahlkriterium die Sicherheit der Geldanlage, gefolgt von der Verfügbarkeit. Erst dann folgt die Aussicht auf Gewinne. Dabei können am Aktienmarkt weit höhere Renditen erzielt werden als mit einem Spar- oder Tagesgeldkonto. Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland setzen auf Aktienanlagen. Der Großteil investiert in Aktienfonds. Gut zwei Millionen legen ihr Geld direkt in Einzelaktien an, während knapp drei Millionen eine Mischung aus beidem im Depot bevorzugen. Besonders beliebt un­ter den Deutschen sind ETFs. Durch ihre breite Streuung der Anlage über viele Einzelwerte gelten die börsengehandelten Indexfonds als vergleichsweise risikoarm und pflegeleicht. Jeden Monat werden in Deutschland 9,5 Millionen ETF-Sparpläne ausgeführt, und das ETF-Sparvolumen summiert sich inzwischen auf mehr als 15 Milliarden Euro. Gut jeder fünfte Erwachsene hierzulande nutzt einen ETF für die Geldanlage. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich weit vorn. In Nachbarländern wie Österreich oder der Schweiz sind es nur 16 Prozent der Erwachsenen, in Belgien und Dänemark liegt der Anteil nur bei neun Prozent. Dabei sind es vor allem Jüngere, die ein steigendes Interesse am Aktienmarkt zeigen. „Aktienmarktteilnahme ist ein gesellschaftsfähiges Thema geworden“, sagt Christine Laudenbach. Sie forscht zu privaten Finanzen und Geldanlage an der Goethe-Universität in Frankfurt und am Leibniz Institut SAFE. Häufig würden Menschen durch das private Umfeld mit dem Thema Geldanlage in Berührung kommen und dann in Gesprächen mit Freunden und Familie mitreden wollen. Ein Viertel der Aktienanlagen ent­fällt laut Daten des Deutschen Aktieninstituts auf die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen. Doch die Anlage beginnt oft in jüngeren Jahren. In der Altersgruppe von 20 und 29 Jahren ist der Anteil derer, die in Aktien investieren, gegenüber dem Vorjahr sogar um 26 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind bei Bürgern unter 40 Jahren ETFs und Sparpläne deutlich beliebter als in den älteren Generationen. Menschen, die älter als 40 Jahre sind, bevorzugen überwiegend Aktienfonds. Frauen sind am Aktienmarkt nach wie vor unterrepräsentiert. Während gut 25 Prozent der Männer investieren, sind es nur 15 Prozent der Frauen. Ein Grund dafür seien traditionelle Rollenbilder, so Laudenbach. Finanzen würden noch immer eher als Männersache gelten, auch die Ansprache in der Finanzwelt sei häufig noch sehr männlich geprägt. Hinzu komme, dass Frauen oft weniger verdienen oder mit geringerer Stundenzahl in ihrem Beruf arbeiten und dann annehmen, es lohne sich nicht zu investieren. „Die größte Zugangshürde ist oft, dass Menschen glauben, sie müssen unheimlich viel wissen, und dass Investieren mit hohem Aufwand verbunden ist“, sagt Laudenbach. Natürlich müsse man sich informieren, aber oft seien weniger oder andere Finanzkenntnisse nötig, als viele glaubten. „Verfolgt man den langfris­tigen Vermögensaufbau, dann ist Aktienmarktteilnahme eigentlich ziemlich langweilig“, so Laudenbach. „Man braucht ein möglichst breit gestreutes und kostengünstiges Produkt. Viel mehr muss man nicht machen.“ Inzwischen gibt es eine Vielzahl an leicht verfügbaren Informationen zur Geldanlage. Dennoch scheint die Un­sicherheit in Bezug auf die Aktienmarktteilnahme oft noch groß zu sein – vor allem unter Frauen. Weniger als jede vierte Frau fühlt sich mit Blick auf Aktien gut informiert, unter Männern sagt das knapp jeder zweite. In einer Umfrage der Commerzbank gaben Frauen eher an, sich gut auszukennen, wenn es um Lebensversicherungen oder private Rentenversicherungen (34 Prozent) geht. Bei ETFs und ETCs waren es nur 17 Prozent der Frauen, aber 34 Prozent der Männer. Gleichzeitig scheint die Entscheidung für Aktienanlagen eng mit dem Einkommen verknüpft zu sein. Unter den Bürgern mit einem Nettoeinkommen von 1000 bis 2000 Euro investieren knapp 13 Prozent. In der Einkommensgruppe ab 4000 Euro investiert so gut wie jeder Zweite. „Wenn man weniger Geld hat, dann kümmert man sich auch weniger darum“, sagt Laudenbach. Doch gerade mit einem geringen Einkommen sei es sinnvoll, möglichst früh mit dem Investieren anzufangen, um dann vom Zinseszins über einen langen Zeitraum zu profitieren. Viele Neobroker bieten inzwischen kostenlose Sparpläne mit niedrigen Sparraten an. Das erleichtert Menschen mit geringerem Einkommen den Einstieg in den Aktienmarkt. Trade Republic zählt dabei zu den bekanntesten Onlinebrokern und ist inzwischen mit einer Bewertung von über 12 Milliarden Euro eines der wertvollsten Finanz-Start-ups Deutschlands. Auch in Zukunft werden ETFs eine der beliebtesten Geldanlagen der Deutschen bleiben. Einer Erhebung des Vermögensverwalters Blackrock zufolge planen 70 Prozent derjenigen, die schon in ETFs investieren, 2026 ihr Geld weiter in Ak­tien-ETFs anzulegen. Unter denjenigen, die schon an der Börse aktiv sind, aber bisher noch keinen ETF in ihrem Depot haben, liegt der Anteil sogar noch höher. Aber auch das Interesse an Rohstoffen wie Gold oder Silber sowie an Anleihen-ETFs ist groß. Gerade in unruhigen Zeiten an der Börse gelten Edelmetalle als sichere Geldanlage, die das Depot sta­bilisieren. Gleichzeitig scheint sich eine Verschiebung weg von US-amerikanischen Anlagewerten hin zu heimischen und europäischen Aktien abzuzeichnen. 65 Prozent derjenigen, die 2026 in ETFs investieren möchten, planen, sich dabei auf Deutschland und Europa zu fokussieren. Der Anteil der USA liegt bei 37 Prozent. Bei ETFs mit Schwerpunkt China oder Japan erreicht der Anteil 16 beziehungsweise 15 Prozent. Und dennoch schreckt immer noch ein Großteil der Deutschen vor der Teilnahme am Aktienmarkt zurück. Ein Grund dafür kann sein, dass es in Deutschland keinerlei staatliche Instanz gebe, die Orientierungshilfe für ein Einstiegsportfolio biete, sagt Laudenbach. „Das heißt, ich persönlich muss all diese Entscheidungen treffen, und das ist eine Hürde.“ In Skandinavien sei das zum Beispiel mit dem norwegischen Staatsfonds anders. Hätten wir in Deutschland ein System, in dem beispielsweise die betriebliche Altersvorsorge stärker kapitalmarktgebunden wäre, dann gäbe es automatisch ei­nen Basisplan, den jeder zusätzlich mit eigenen Anlagen aufstocken könne. „Es fehlt eine Leitlinie, mit der Menschen, die keine Zeit haben, sich mit dem Aktienmarkt zu beschäftigen, oder auch ein bisschen Angst davor haben, etwas gelenkt werden.“ Die USA dominieren die Börsenwelt - aber Europa ist kein Zwerg Das Comeback der Kartoffel Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge