FAZ 02.02.2026
10:10 Uhr

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: Die USA dominieren die Börsenwelt – aber Europa ist kein Zwerg


Die größten Börsenplätze befinden sich in den USA. Und Europa verliert bei Börsengängen an Boden, während China und Amerika zulegen. Friedrich Merz fordert eine zentrale europäische Börse.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: Die USA dominieren die Börsenwelt – aber Europa ist kein Zwerg

Illustration: Nina Hewelt F.A.Z.-Serie Schneller schlau Die USA dominieren die Börsenwelt – aber Europa ist kein Zwerg Von DANIEL MOHR, Grafiken: RAHEL GOLUB, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 2. Februar 2025 · Ein Film wie „The Wolf of Wall Street“ heißt nicht ohne Grund so – und nicht „Der Wolf vom Börsenplatz“. Die berühmte amerikanische Börsenstraße ist seit jeher Ort schillernder Phantasien, wo sich Gier und Absturz treffen. Er ist es, weil die Vereinigten Staaten geübt darin sind, Geschichten Hollywood-reif zu erzählen. Sie sind aber auch die größte Volkswirtschaft der Welt, das reichste Land der Welt. Und da ist es nur zwangsläufig, dass sie auch die größten Börsen der Welt haben. Dass es auch deutsche Unternehmen wie Biontech oder Birkenstock lieber dorthin zieht als nach Frankfurt, kommt vor. Die Zahl der Adressen, die einem Börsenneuling Geld zur Verfügung stellen könnten, ist dort einfach um ein Vielfaches größer als hierzulande. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gefällt der Sog der Wall Street nicht. Seine Sorge ist berechtigt, dass der Unternehmensfinanzierung, dem Kapital, irgendwann auch das ganze Unternehmen folgen könnte. Linde hat nach einer transatlantischen Fusion nicht nur die Börsennotiz, sondern auch seinen Sitz verlagert. Merz sprach daher in seiner Regierungserklärung aus dem Oktober von der Idee einer European Stock Exchange – einem zentralen Kapitalsammelplatz in Europa, der die geballte Finanzmacht des alten Kontinents vereint. Seither ringen Frankfurt und Paris mehr als sonst, welcher Ort das ihrer Ansicht nach in der EU sein könnte. Unter den größten Börsenplätze der Welt liegen die USA mit 72 Billionen Dollar Börsenwert der dort an der Börse notierten Unternehmen ganz weit vorne. Alleine Nvidia kommt auf 4,5 Billionen Dollar, Apple auf 3,8 Billionen. Aber aggregiert muss sich Europa mit knapp 20 Billionen Dollar nicht verstecken. China liegt mit rund 22 Billionen Dollar nur knapp davor, Japan mit acht Billionen Dollar weit dahinter, ebenso Indien mit fünf Billionen Dollar. Schaut man eine Ebene tiefer, zeigt sich jedoch, das der US-Markt ungefähr hälftig auf die beiden Wall-Street-Riesen Nasdaq und New York Stock Exchange (NYSE) aufgeteilt ist. Alle anderen Aktienbörsen in den USA sind irrelevant. In China ist es ähnlich: Das Volumen drittelt sich ungefähr auf die Börsenplätze Hongkong, Schanghai und Shenzhen. In Europa sieht dies anders aus. Nur die Euronext hat es geschafft, viele Aktienbörsen unter einen Hut zu bringen und kommt mit knapp acht Billionen Dollar an den Börsenplätzen Paris, Amsterdam, Mailand, Brüssel, Lissabon, Dublin und Oslo auf ein ordentliches Gesamtgewicht. Der Rest teilt sich auf in London, Zürich, Frankfurt und einige kleinere Börsen, von Stockholm bis Malta und von Luxemburg bis Zypern. Regionale Verteilung der Börsengänge Zahl und Emissionsvolumen in Amerika, China und Europa China USA Europa Übrige Welt Quelle: EY /F.A.Z.-Grafik: rago. Was Merz’ Ansinnen besonders begründet, spiegelt sich in der regionalen Verteilung der Börsengänge. Die Zahl der Börsengänge wuchs im vergangenen Jahr in China um 20 Prozent, in den USA um 25 Prozent, in Europa ging sie um 24 Prozent zurück. Das Volumen des eingeworbenen Kapitals schoss in China um 157 Prozent in die Höhe, wuchs in den USA um 22 Prozent, sank aber in Europa um 11 Prozent. Mit einem Anteil von fünf Prozent an den Börsengängen und zehn Prozent des Volumens kann Europa nicht zufrieden sein. Was indes wächst, ist die Zahl der Aktionäre, insbesondere in Deutschland. Der Aufschwung von Sparplänen in börsengehandelten Indexfonds (ETF) ist hier weit größer als in anderen europäischen Ländern. Hierzulande sparen mittlerweile 14 Millionen Menschen in Aktien direkt oder über Fonds und ETF. Das ist eine Rekordzahl und zeigt, dass die Offenheit für den Kapitalmarkt unter den Sparern steigt. Das ist eine wichtige Botschaft, denn eine Börse lebt vom Angebot an Kapital, das in den USA weit größer ist, und der Nachfrage der Unternehmen danach. Börsen sind aber längst mehr als nur der volkswirtschaftlich wichtige Zusammenführer von Kapital und Unternehmen, die investieren und wachsen wollen. Der Vergleich der wertvollsten Börsengesellschaften der Welt zeigt an der Spitze ein amerikanisches Unternehmen. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) hat mit Aktienhandel indes nur indirekt zu tun. Gegründet wurde sie als Eier- und Butterbörse, auch heute spielen Agrarrohstoffe, ebenso Terminkontrakte für Energie und Metalle eine wichtige Rolle, ansonsten Kontrakte und Optionen auf Aktien, Indizes und Zinsen, sowie das Geschäft mit Indizes wie S&P und Dow Jones. Auf Platz zwei folgt mit der Intercontinental Exchange (ICE) eine weitere US-Terminbörse, zu der seit 13 Jahren auch die New York Stock Exchange gehört. In Europa ist die London Stock Exchange auf Rang eins vor die Deutsche Börse gerückt, seit sie Refinitiv und damit das Thomson-Reuters-Datengeschäft übernommen hat. Der Blick auf die Geschäftszahlen der Deutschen Börse zeigt, womit sie ihr Geld verdient. Weit mehr als mit Aktien und ETF spielen für die Deutsche Börse Derivate eine Rolle. Auch die sichere Abwicklung von Transaktionen hat an Bedeutung gewonnen. Überwiegende Aktienbörsen wie die Euronext bleiben im Börsenwert daher vergleichsweise gering. Doch seit der wiedererlangten Unabhängigkeit von der amerikanischen Muttergesellschaft NYSE im Jahr 2013 ist die Euronext kräftig expandiert. Nach Merz Äußerungen zu einer European Stock Exchange hat der umtriebige Vorstandsvorsitzende Stéphane Boujnah zu einem größeren Neujahrsempfang an den Pariser Champs-Elysées geladen und eine Reise nach Berlin angekündigt. Damit hat er sein Engagement auf dem Weg zu Europas Aktienbörse Nummer eins verstärkt. Der Deutsche-Börse-Vorstandschef Stephan Leithner kann darauf verweisen, dass zu seiner Jahreseröffnung an diesem Montag Friedrich Merz höchstselbst nach Eschborn als Hauptredner kommt. Leith­ner betont noch nachdrücklicher als zuvor, dass die Deutsche Börse nicht nur 4000 Mitarbeiter in der Rhein-Main-Region hat, sondern 6000 weitere quer verteilt durch Europa. Sie sei der „Infrastrukturanbieter für Kapitalmärkte mit der geografisch breitesten Präsenz in Europa“. Es kommt wieder Bewegung in den europäischen Börsenmarkt, wie auch die geplante Übernahme von Europas größtem Fondsdienstleister Allfunds durch die Deutsche Börse für gut fünf Milliarden Euro zeigt. Der Pariser Euronext war die Übernahme vor gut zwei Jahren missglückt. Schneller Schlau Wenn Davos einmal im Jahr zur Festung wird Schneller Schlau Kleingärten sind in der Beliebtheit wieder ganz groß Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge