Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf die Olympischen Winterspiele zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus der Welt des olympischen Wintersports, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Eishockey-Nationalspieler Moritz Müller, der an diesem Dienstag (12.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) mit der deutschen Nationalmannschaft im Play-off auf Frankreich trifft. Was ist für Sie das größte Glück als Sportler/in? Für mich ist das größte Glück als Sportler, mit dem, was man macht, Menschen wirklich erreichen zu können – auch emotional. Zu spüren, welchen Effekt man hat, eine Vorbildfunktion zu übernehmen oder bei anderen Glücksgefühle auszulösen, das ist etwas ganz Besonderes. Ich würde noch hinzufügen: Nach harter Arbeit ein Ziel zu erreichen. Und natürlich die Stimmung in der Mannschaft – gemeinsam unterwegs zu sein, Spaß zu haben, als Team zu funktionieren. Das sind für mich ganz zentrale Dinge. Und was ist für Sie das größte Unglück als Sportler/in? Wenn man sehr ambitioniert ist, macht man sich selbst oft viel Druck. Mit der eigenen Erwartungshaltung und den Erwartungen von außen klarzukommen, ist nicht immer leicht. Man kann in einen Zyklus geraten, in dem man sich extrem unter Druck setzt und vielleicht eine schlechte Phase durchlebt. Diese Tage können negative Gedanken hervorrufen, die man nicht einfach in der Halle lassen kann. Das nimmt man dann auch mit ins Privatleben. Woran erkennen Sie eine/n gute/n Gegner/in? Bezogen auf Eishockey würde ich sagen: an gutem Coaching und daran, dass sich alle dem Gesamtkonstrukt unterordnen. Es gibt nicht nur ein oder zwei Spieler, die herausstechen, sondern jeder wirft sich für die gemeinsame Sache in die Waagschale. Wenn alle dasselbe System spielen, sich daran halten und hart arbeiten, dann merkt man sofort: Das ist eine gute Mannschaft. Wer ist für Sie der/die beste Gegner/in? International ist das schwer zu sagen. In der Liga wäre es auch schwierig, einen einzigen herauszupicken. In den letzten Jahren waren es aber wahrscheinlich oft die Eisbären Berlin. Welche/r Sportler/in in Ihrem Sport ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Das ist eine gute Frage. Eishockey ist für viele schwer zu greifen. Man sieht oft nur die Torschützen oder den Torwart, aber es gibt so viele „unsung heroes“. Bei uns zum Beispiel jemand wie Alex Ehl: Er sorgt nicht für die großen Schlagzeilen, hat aber eine unglaublich wichtige Rolle in der Mannschaft. Und davon gibt es einige. Wer ist der/die wichtigste Trainer/in in Ihrer Karriere? Ich hatte viele wichtige Trainer, gerade im Nachwuchs. Ganz am Anfang natürlich mein Vater, der mir sehr viel mit auf den Weg gegeben hat. Aber besonders zum Ende meiner Karriere habe ich mit Kari Jalonen noch einmal enorm viel gelernt. Er ist ein herausragender Trainer – beeindruckend, wie er eine Mannschaft führt und welches taktische Verständnis er hat. Über was möchten Sie vor dem olympischen Wettbewerb nicht sprechen? Grundsätzlich kann jeder mit mir über alles sprechen, und ich werde auch auf alles antworten. Diese klassische Frage „Was wollt ihr erreichen?“ ist manchmal schwierig. Man beantwortet sie zwar, aber die Erwartungshaltung, die wir intern haben, und das, was man nach außen kommuniziert, ist ein sehr fragiles Thema. Man muss vorsichtig sein, wie man sich positioniert. Gleichzeitig muss man intern ganz klare Ziele benennen. Ich kann die Frage also beantworten, merke aber oft, dass ich innerlich abwäge: Was sage ich jetzt – und was denke ich wirklich? Wen bewundern Sie? Ich bewundere viele Menschen. Am meisten aber diejenigen, die sehr viel geben und dafür kaum Anerkennung bekommen. Im Profisport erhalten wir viel Aufmerksamkeit für das, was wir tun. Es gibt aber Menschen, die enorm viel leisten, ohne im Rampenlicht zu stehen – und denen das auch gar nicht wichtig ist. In einer Welt, in der viele nach Bekanntheit, Aufmerksamkeit oder Likes streben, bewundere ich Menschen, die ihren Job mit Leidenschaft machen, gut darin sind und nichts dafür erwarten. Was bewundern Sie? Menschen, die sagen: Ich stelle mich in den Dienst einer größeren Sache und nehme mich selbst nicht so wichtig. Ich denke da an ganz normale Berufe – wie eine Krankenschwester oder einen Polizisten, die sagen: ich halte es für richtig anderen Menschen zu helfen und deshalb mache ich diesen Job. Das sind für mich die echten Helden. Was fürchten Sie in einem Wettbewerb? Eigentlich fürchte ich im Wettbewerb nicht viel. Wenn überhaupt, dann die Situation, dass eine Mannschaft nicht zusammenfindet, sich unterwegs verliert und vielleicht sogar beginnt, das Ende herbeizusehnen. Das ist nie gut – wenn ein Team innerlich nicht zusammengewachsen ist. Das wäre wohl meine größte Sorge. Ein Gedanke, der Sie während eines Wettkampfs überrascht hat? Ein Spiel dauert oft zweieinhalb Stunden, man kann nicht permanent nur im Tunnel sein. Neulich ist ein Mannschaftskollege etwas unglücklich hingefallen. Und ich habe gemerkt, wie ich mitten im Spiel anfangen musste zu lachen, obwohl ich voll konzentriert war und die Scheibe gleich zu mir kam. Ich habe die Scheibe angenommen und gleichzeitig gelacht. Das hat mich selbst überrascht. Welche Regeln in Ihrem Sport würden Sie ändern? Ich bin da eher Traditionalist. Wenn etwas funktioniert, bin ich kein großer Fan davon, ständig Regeln zu ändern. Ich würde vielleicht Schwalben noch härter ahnden, damit das Spiel sauber bleibt. Respekt vor dem Spiel ist mir sehr wichtig – und dass man nicht versucht, sich Vorteile zu erschleichen. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Die führe ich tatsächlich selbst. Ihr/e Lieblingssportler/in? Das ist immer schwierig. Man kennt so viele beeindruckende Sportler. Als Kind hatte ich natürlich Vorbilder im Eishockey. Und ich bin mit Muhammad Ali groß geworden – den fand ich unglaublich beeindruckend, auch wegen seiner Persönlichkeit. In Deutschland haben wir mit Dirk Nowitzki jemanden ganz Besonderen. Er war einer der ersten Deutschen, die in der NBA wirklich erfolgreich waren, ein echter Pionier. Und man hatte immer das Gefühl: Egal, wo er war oder wie groß der Erfolg wurde, er ist menschlich geblieben, nahbar, nie abgehoben. Deshalb würde ich Dirk Nowitzki nennen. Ihre/e Lieblingstrainer/in? Ich hatte viele gute Trainer. Wenn ich mehrere nennen darf: Marco Sturm, Toni Söderholm und Kari Jalonen. Eisbad oder warme Dusche? Warme Dusche macht definitiv mehr Spaß. Ich zwinge mich aber immer wieder ins Eisbad – der Gesundheit wegen. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Ich lese aktuell Anna Karenina von Leo Tolstoi. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Teammitglied am meisten? Wenn sich jemand dem Team unterordnet, sich nicht größer macht als die Mannschaft und bereit ist Opfer zu bringen. Das schätze ich am meisten. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem/er Freund/in am meisten? Humor, Ehrlichkeit und die Fähigkeit, offen miteinander sprechen zu können. Achtsam und ehrlich miteinander zu sein – das ist mir wichtig. Ihr größter Fehler? Ich bin sehr früh ausgezogen. Meine Mutter ist früh gestorben, mein Vater und ich waren lange allein, und mit 14 bin ich nach Weißwasser gezogen. Damals war das für mich der richtige Schritt. Aber rückblickend denke ich oft, dass ich meinen Vater von heute auf morgen sehr allein gelassen habe. In dem Moment habe ich das nicht so gesehen. Heute glaube ich, ich hätte manches anders lösen oder zumindest anders aussprechen können. Ihre Helden der Gegenwart? Als ich zur Nationalmannschaft abgereist bin, haben meine Kinder geweint, weil ich gefahren bin. Und da habe ich plötzlich gedacht: Es gibt Väter, die in Krisengebiete müssen und nicht wissen, ob sie ihre Kinder jemals wiedersehen. Das ist eine außergewöhnlich schwierige Vorstellung. Und wenn jemand das für sein Land und andere Menschen tut, dann muss ich sagen: Das sind für mich Helden. Ihre Heldinnen der Geschichte? Da fragst du eigentlich den Richtigen, weil ich mich sehr für Geschichte interessiere. Ich habe keinen speziellen Namen parat, eher Situationen im Kopf: Fälle, in denen Kinder in Schächte oder Brunnen gefallen sind, oder Unglücke, bei denen Bergleute verschüttet wurden. Und dann gibt es immer Menschen, die da hinuntergehen – oft Feuerwehrleute oder andere Rettungskräfte, die ihr eigenes Leben riskieren, um andere zu retten. Das sind für mich Helden der Geschichte. Was ist der größte Irrtum über das Leben als Wintersportler? Vielleicht, dass viele denken, Wintersport findet nur im Winter statt – und dass wir den Rest des Jahres frei haben. So ist es überhaupt nicht. Unsere Saison beginnt im August, und auch die Sommermonate verbringen wir auf dem Eis. Das ist wahrscheinlich einer der größten Irrtümer. Worauf hätten Sie für eine Teilnahme an Olympischen Spielen verzichtet? Als Profisportler verzichtet man ständig auf Dinge. Im Moment verzichte ich vor allem auf meine Familie. Das ist das Schwerste. Auf die Kinder, auf den Alltag. Meine Frau ist berufstätig, wir haben drei Kinder und einen Hund – da geht man nicht einfach so aus dem Haus. Wenn sie gesagt hätte: Ich schaffe das nicht, dann wäre das für mich ein Punkt gewesen. Worauf würden Sie für eine olympische Medaille verzichten? Die Frage ergibt für mich keinen Sinn. Eine Medaille bekommt man nicht durch Verzicht geschenkt. Die muss man sich verdienen. Alle Athletinnen und Athleten, die bei Olympia antreten, haben sehr viel verzichtet. Am Ende gewinnt nicht der, der am meisten verzichtet hat, sondern der, der es sich verdient hat. Olympisches Gold oder Weltmeister? Olympisches Gold. Was lieben Sie am meisten an Winterspielen? Die Energie vor Ort. Die Atmosphäre an der Austragungsstätte, das Umfeld, die Athleten die zusammenkommen. Man merkt: Alle Menschen, die dort sind, haben ihr ganzes Leben darauf hingearbeitet, genau an diesem Ort zu sein. Diese Spannung ist etwas ganz Besonderes. Was nervt Sie am meisten an Winterspielen? Oftmals der Blick der deutschen Medien auf die Austragungsorte. Man hat ständig das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen: Wird die Halle fertig? Wie wird das Eis? Ist das überhaupt ein geeigneter Austragungsort? Als Sportler wird man oft für Dinge verantwortlich gemacht, die man gar nicht beeinflussen kann. Ich glaube, wir könnten uns manchmal einfach mehr freuen und das Ganze mehr genießen. Ihr bewegendster Moment bei Olympischen Spielen? Ganz klar der Einzug ins Finale 2018. Wir haben damals eine olympische Medaille gewonnen – das war für das deutsche Eishockey vorher unvorstellbar. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem trainingsfreien Tag? Am liebsten mit meiner Familie frühstücken gehen, danach mit dem Hund im Wald spazieren. Im besten Fall ist Samstag, es läuft Fußball-Bundesliga, ich kann entspannen – und abends vielleicht mit Freunden zu Hause essen. Ganz ruhig, ganz normal. Das ist für mich perfekt.
