FAZ 03.12.2025
19:59 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen: Wenn der Drillmeister kommt


Wo es an Flüssen und Regen fehlt, müssen in Sambias Trockenregionen immer mehr Brunnen erschlossen werden. Aber wie bohrt man eigentlich in mehr als 100 Meter Tiefe?

F.A.Z.-Leser helfen: Wenn der Drillmeister kommt

Stanley Mweembela muss ein Star sein. Ein sambischer Popstar wahrscheinlich. Anders ist die Anziehung kaum zu erklären, die er auf Kinder und Erwachsene ausübt. Sie tauchen urplötzlich zwischen den Büschen auf, wenn Mweembela mit seinem Lastwagen auf den Platz vor der Mangaba Community School fährt. Aber er und sein Team bringen keine Songs in diese Region im Süden des Landes, sondern dringend benötigtes Wasser: Sie sind die Brunnenbohrer, die in mehr als 100 Metern Tiefe nach nassen Erdschichten suchen. Mweembela ist der „Supervisor Drilling“, der Mann, der die Bohrung lenkt, überwacht, überprüft. Erfolgreich war er schon in der vorherigen Woche, als er mit seinem Team genau 112 Meter tief in die Erde vorgedrungen und auf Trinkwasser gestoßen ist. Jetzt kommt der Trupp ein zweites Mal, um das Bohrloch zu säubern, es mit Druckluft durchzupusten, damit am Ende nur sauberes Wasser nach oben befördert wird. Was das Team für seine Arbeiten benötigt, kann es auf einem besonders ausgestatteten Truck mitbringen, der etwa so groß wie ein Feuerwehrauto ist. Die Technik ist hier vielfach erprobt, an vielen Stellen in den trockenen Südbezirken Chirundu und Siavonga wird gegraben. Mweembela ist im Auftrag der Regierung unterwegs, der Gemeinde von Mangaba einen Brunnen zu verschaffen, damit Frauen und Kinder nicht stundenlang von weither Wasser holen müssen. Das Vorgehen erklärt der Experte so: Um in den Untergrund zu bohren, fräst sich ein rotierender Bohrkopf durch den Boden, während eine zäh­flüssige Mischung aus Wasser und Tonmineral, meist Bentonit, durch das Bohrgestänge nach unten gepumpt wird. Diese „Bohrflüssigkeit“ kühlt das Werkzeug, transportiert das abge­tragene Material nach oben und stützt die Wand des Bohrlochs, damit sie nicht gleich wieder unter nachströmenden Sand einbricht. Hier zeigt die Methode ihre Stärke: Die Bohrflüssigkeit bindet Sand, hält das Loch stabil und bringt die zer­kleinerten Bohrspäne zuverlässig an die Oberfläche. Nach dem Bohren wird das Loch ausgebaut. Das heißt: Man setzt ein etwas schmaleres Rohr ein, meist aus robustem Kunststoff. In jener Tiefe, in der Wasser gefunden wurde, kommt ein Filterrohr zum Einsatz – das ist ein Rohr mit Schlitzen, die so schmal sind, dass zwar Wasser einströmen kann, Gestein aber außen vor bleibt. Sobald das Wasser aus dem Rohr durch eine Pumpe nach oben geholt wird, sickert neues Wasser nach. So füllt sich das Rohr immer wieder von Neuem. Rund um diesen Bereich wird ge­waschener Kies eingefüllt, der wie ein na­türlicher Filter wirkt. Näher an der Oberfläche muss die neue Quelle vor Verschmutzung geschützt werden, deshalb sind die Rohre dort nicht durchlässig und werden rundum mit einer dichten Ton- oder Zementmischung abgedichtet, damit kein verschmutztes Oberflä­chenwasser aus Latrinen, Abfallgruben oder Vieh­gehegen in den Brunnen sickert. Die Wasserprobe muss erst ins Labor geschickt werden Eine Probe des Wassers, das Mweembela und sein Team auf dem Gelände der Mangaba-Schule aus der Tiefe gefördert haben, wurde im Labor untersucht, um sie auf Verunreinigungen und den Salzgehalt zu prüfen. Denn auch hier, fernab vom Meer, können Bohrungen auf Salzwasser stoßen. Gründe dafür sind die Geologie und das trockene Klima der Region: Das Grundwasser ist oft viele Tausend Jahre alt und wird nur langsam durch Regen erneuert. Dadurch hat es Zeit, Mineralien aus dem umgebenden Gestein zu lösen. Durch starke Verdunstung reichern sich außerdem Salze im Boden an. Für Menschen wäre solch eine Quelle so gut wie unbrauchbar. Ihre Nutztiere können zwar leicht salzhaltiges Wasser eine Weile vertragen, ebenso einige wenige Pflanzen, wie die Getreideart Sorghum. Doch hier hat das Labor an der Wasserprobe von Mweembela nichts aus­zusetzen. Das Ergebnis war so gut, dass das Drilling-Team nun für den zweiten Teil seiner Arbeit gekommen ist. Die Schulkinder haben sich mittler­weile alle in der Nähe des Trucks in den Schatten gestellt. Ein Kompressor drückt nun Luft in das Bohrloch, und plötzlich schießt eine dreckige braune Brühe heraus. In der Hitze eines sambischen Septembernachmittags bei 35 Grad ist das dennoch ein erhebender Anblick. Der Zeitpunkt im Spätsommer ist mit Bedacht gewählt: In der Trockenzeit sind Wege besser passierbar, gleichzeitig liegt der Grundwasserspiegel niedriger – ein realistischer Härtetest für den Brunnen. Immer mehr Menschen kommen hinzu, starren auf die trübe Fontäne, die sich über den ausgedörrten Boden ergießt. Wenn alles gut läuft, wird an dieser Stelle ein Brunnen errichtet, aus dem eine Solarpumpe das Trinkwasser nach oben befördert. Das Wasser wird dann zunächst in großen Tanks gespeichert, damit es jederzeit abrufbar ist. Genügend Vorrat für alle zum Trinken, Kochen, Waschen. Und vielleicht auch noch etwas für etwas Landwirtschaft. Binnen 20 Minuten wird das Wasser, das aus dem Bohrloch schießt, langsam klarer. Mweembela ist sehr zufrieden, denn der Kompressor jagt 2,5 Liter in der Sekunde nach oben: „Ein sehr guter Wert.“ Brunnen müssen in manchen Regionen in Sambia immer tiefer gebohrt werden, damit zuverlässig Wasser zur Verfügung steht; mehr als 100 Meter sind mittler­weile in den südlichen Landesteilen Standard. Wo in der Vergangenheit 40 oder 70 Meter genügten, sind die Quellen teils versiegt, oder sie liefern nur noch ein Bruchteil dessen, was ein Dorf oder eine Schule benötigt. Vertraut man den Dorfältesten oder einem Gutachter? Aber wo soll gebohrt werden? Die Dorfältesten wissen am ehesten, wo es schon Quellen gab, wo vielleicht eine tiefere Bohrung ertragreich sein könnte. Hydrogeologische Gutachten können ebenfalls Aufschluss geben, kosten aber Geld. Das Bohrwesen in Sambia ist fest in der Hand indischer Firmen. Sie rücken mit ihren Trucks an und bohren auf den Fingerzeig des Auftraggebers hin ein Loch in die gewünschte Tiefe. Wenn sie dabei auf Wasser stoßen, sind alle zufrieden, eine Garantie geben sie aber in der Regel nicht. Bleibt das Bohrloch trocken – Pech gehabt. Dann muss eben ein wei­terer Versuch an anderer Stelle bezahlt werden. Der Verein Kinderzukunft, für den die F.A.Z. in diesem Jahr Spenden sammelt, um Brunnen für Schulen in Sambia bohren zu lassen, hat in den Bezirken Chirundu und Sia­vonga schon erfolgreich nach Wasser suchen lassen. Sein lokaler Partner, die Hilfsorganisation ADRA, arbeitet nur mit Bohrfirmen zusammen, die eine Erfolgsgarantie geben. Heißt: Sie über­nehmen das hydrogeologische Gutachten, das auch ins Kalkül zieht, ob dort mutmaßlich Süß- oder Salzwasser zum Vorschein kommen wird. All das kostet mehr, zahlt sich aber am Ende aus. Jeder Meter, den der Bohrkopf in der Tiefe weiter vordringt, kostet. Etwa 15 Euro, wenn man auf die Erfolgsgarantie verzichtet, rund 23 Euro, wenn man sicher auf Wasser stoßen will, sagt Kennedy Habasimbi, der Landesdirektor von ADRA in Sambia. Dazu kommen dann noch die Kosten für Wasserleitungen, den Tank, die Hähne und die Solarpumpe, die in dem heißen Land die besten Resultate liefert. Das Wichtigste aber ist, die Anlage in die Verantwortung der jeweiligen Gemeinde oder eben einer Schule zu geben. Denn wenn die Drillingmaster abge­zogen sind, braucht es Vertrauensleute, die sich um den Brunnen kümmern, erklärt Habasimbi. Für ADRA ist es wichtig, die Verantwortung schrittweise zu übertragen, üblicherweise über ein sogenanntes WASH-Komitee, eine Abkürzung, die für Wasser, Sanitäre Anlagen und Hygiene steht. Dieses Komitee hat dann die Aufgaben, den Wasserzugang und die Wasserqualität zu überwachen, sanitäre Anlagen zu warten und die Gemeinde über Gesundheitsthemen aufzuklären. Jede Familie muss für Wasser zahlen, einen kleinen Obolus von umgerechnet wenigen Cent im Monat, der dann in einen Fonds für anfallende Reparaturen fließt. An diesem Morgen ist aber von all der anstehenden wichtigen Überzeugungsarbeit, der neuen Aufgabenverteilung, der Weiterbildung noch nicht die Rede. Die Freude über das sprudelnde Wasser ist ungetrübt.