„Meetings sind langweilig“, sagt Joyce Mubanga. Diese Treffen, bei denen alle zusammengetrommelt werden, damit ihnen einer oder eine erzählt, was von nun an anders laufen soll. Solche Zusammenkünfte, bei denen alle stumm und passiv herumsitzen und am Ende mit dem unbefriedigenden Gefühl nach Hause gehen, Zeit verschwendet zu haben. Man kennt solche Meetings hier – und man kennt sie in Sambia. Joyce Mubanga, die Entwicklungshelferin oder besser: die Beraterin einer Gemeinde, lässt sich anderes einfallen, um die Menschen aus ihren Hütten und Häusern zum Versammlungsort zu locken und mit ihnen über Veränderungen zu sprechen. Sie organisiert Kochkurse, macht Rollenspiele mit den Jugendlichen, Theaterstücke mit Erwachsenen, spricht mit den Frauen, den Ältesten. Wer sein Verhalten ändern soll, die Art, wie Dinge schon immer geregelt wurden, der reagiert überall auf der Welt erst einmal zurückhaltend. Veränderung braucht Zeit – und einen Zugang, der neugierig macht. Seit wenigen Jahren arbeitet die junge Sambierin Mubanga nun schon für ADRA, den lokalen Partner der Stiftung Kinderzukunft, für die die F.A.Z. in diesem Jahr um Spenden bittet. Gemeinsam haben beide Organisationen schon mehrmals Brunnen im Süden des Landes bohren lassen, immer dicht an Schulen, um dort nicht nur den Wassermangel zu beheben, sondern auch die hygienischen Verhältnisse zu verbessern, indem neue sanitäre Anlagen die einfachen Latrinen ersetzen. Aber sobald ein Brunnen gebohrt, die Solarpumpe installiert ist, die das Wasser nach oben holt, beginnt die Arbeit für die Gemeinde: Wer kümmert sich um die Anlage? Wie sollen Reparaturen bezahlt werden? Wie wird das Wasser verteilt? Reicht es für einen Schulgarten? Es dauert, bis solche Fragen einvernehmlich geklärt sind, fair und am Ende von der Mehrheit getragen. Joyce Mubanga begleitet genau diese Schritte. Ihre Rolle? „Ich muss den Menschen die Dinge überlassen, um zu sehen, was passiert.“ Vor drei Jahren ließ die Stiftung Kinderzukunft an der Kawila Primary School einen Brunnen bohren. Damals musste sich die Grundschule mit der angrenzenden Gemeinde das Wasser teilen. Doch obwohl es einen Stundenplan für die Nutzung gab, konnte der Durst der Menschen, der Pflanzen und des Viehs in der Zeit nicht gestillt werden. Die Nachfrage war zu hoch. Als auch noch Einzelne anfingen, sich einen kleinen Garten anzulegen, der noch mehr Wasser benötigte, musste Joyce Mubanga einschreiten. „Wir mussten ihnen klarmachen: Das Wasser ist für Eure Kinder.“ Bei jedem Projekt ist Lehrgeld zu zahlen. In diesem Fall war es die Erkenntnis, dass jede Schule zwei Brunnen braucht: einen für die Schüler, den anderen für die Gemeinde, die drumherum lebt. Nichts ist umsonst, auch das Wasser kostet etwas, und die Dorfbewohner müssen fünf Kwacha, knapp 20 Cent, jeden Monat in einen Reparaturfonds für die Pumpe, die Leitungen und den Brunnen einzahlen. Ein Wasserkomitee, paritätisch mit Männern und Frauen besetzt, weil die Stiftung Kinderzukunft darauf dringt, verwaltet die Einnahmen und Ausgaben, kümmert sich um Reparaturen. Das geht so lange gut, bis unerwartete Konkurrenz auftaucht: Etwa wenn die Regierung in der Nähe einen weiteren Brunnen baut, aber vergisst, dort einen Wassercent einziehen zu lassen. Plötzlich wollen die Dorfbewohner auch in Kawila keinen Obolus mehr entrichten. Wer soll das Geld eintreiben? Wie viel Druck kann oder darf das Wasserkomitee anwenden? Entscheidend ist dann die Stimme des „Headman“ eines Dorfes. Er ist der Mann, der die Regeln vorgibt, die für alle gelten. Er kümmert sich um das Dorf, er ist „der Präsident“, sagt Joyce Mubanga. Hat man ihn auf der eigenen Seite, ist alles gut. Die Männer in Sambia, besonders in den traditionellen Gemeinschaften auf dem Land, haben deutlich mehr Macht als die Frauen: Sie besitzen Haus und Vieh, sie verfügen über das Geld. Wie sich eine junge Frau wie Joyce Mubanga gegen die Männer behauptet? „Mit Fakten, guten Informationen und Selbstbewusstsein“, sagt sie mit leicht hochgerecktem Kinn, was sie immer ein wenig angriffslustig wirken lässt, wenn sie etwas Wichtiges sagt. Aber es wirkt: Ihr hört Mann zu. Und so erklärt sie, wenn nötig, immer wieder, warum es wichtig ist, regelmäßig Geld einzusammeln und selbst Vorsorge zu treffen, statt auf staatliche oder ausländische Hilfe zu warten. Sie selbst spricht die säumigen Zahler nicht an, das muss das Wasserkomitee selbst übernehmen. Joyce Mubanga hilft ihnen mit Argumenten, vielleicht in Rollenspielen, aber ausfechten müssen die Dorfbewohner ihre Konflikte selbst. „Sie müssen das als ihr Projekt sehen, sonst werden sie es nicht fortführen, sobald wir weg sind“. Die Dreißigjährige hat vor knapp fünf Jahren ihren Abschluss in Erwachsenenbildung gemacht, sich in Gemeindeentwicklung weitergebildet. Schon während der Schulzeit hat sie beim Roten Kreuz gejobbt, hat versucht, ärmere Communitys zu unterstützen. Seither sei ihre Leidenschaft für diese Arbeit nur gewachsen, sagt sie. Groß geworden ist sie in der Hauptstadt Lusaka. Ein raues Pflaster, wie sie sagt, aber abends war sie aufgehoben in der Gesellschaft ihrer fünf Schwestern und ihrer Mutter. Aus allen ist etwas geworden, Joyce Mubanga hat nun eine Anwältin, eine Buchhalterin und eine Köchin in der Familie. Eine jüngere Schwester studiert Wirtschaftswissenschaften. „Sie hat jeden Penny in unsere Ausbildung gesteckt“, sagt Joyce Mubanga über ihre alleinerziehende Mutter. Dadurch standen den Töchtern Türen offen, die von ihrem Startpunkt aus nicht möglich erschienen waren. Nun ist es Joyce Mubanga, die anderen die Tür aufhält. Unterstützung von einem Ernährungsberater Aus der Stadt hat sie schon einmal eine Theatergruppe eingeladen, die kleine Szenen auf Tonga, der im Bezirk verbreiteten Sprache, spielte: Eine Gruppe sitzt schwitzend in der Sonne, nichts geht mehr, weil alles zu heiß ist. Ein Baum, der Schatten spendet, wäre jetzt schön – aber die sind alle illegal abgeholzt worden. „Lasst uns neue Bäume pflanzen oder auf die, die noch da sind, besser achten.“ Gibt es keine Schauspieler, übt sie eben selbst mit den Dorfbewohnern ein Stück ein. Oder sie lädt zum gemeinsamen Tanz, das lockt ebenfalls viele an, die dann oftmals bleiben, um sich zu unterhalten. Unterstützung holt sie sich aber auch beim Ernährungsberater des nahe gelegenen Krankenhauses. Mit ihm hat sie einen Kochkurs angeboten, in dem über ausgewogene Ernährung gesprochen wird, von Babybrei bis Abendessen. Wer kommt, das sind nur Frauen und Mädchen, die Männer bleiben gerne fern. Und schon ist eine neue Gesprächsrunde geboren. Ihre Arbeit bei ADRA hat sie nach Chirundu geführt, jenem pulsierenden Grenzort, an dem jeden Tag Hunderte Lastwagen die Brücke über den Sambesi in Richtung Simbabwe überqueren. Ebenso viele stehen auf staubigen Parkplätzen, manchmal tage- und wochenlang. Es dauert, bis die Fahrer die Formalitäten für Mensch und Ware zum Grenzübertritt erledigt haben. Viele Männer müssen Zeit totschlagen, keine gute Gegend für einen Abendspaziergang. Joyce Mubanga kannte niemanden, als sie nach Chirundu kam. „Abends höre ich eben Musik, dann gehe ich schlafen“. Sie fährt jetzt, im dritten Jahr, immer noch ein- bis zweimal in der Woche in „ihre“ Community, ein Weg dauert anderthalb Stunden über staubige Pisten auf dem Motorrad, das ihr Kollege Famous lenkt. Dort wird sie schon von den Kindern fröhlich als „Tante“ begrüßt, ein Vertrauensbeweis, denn Tanten haben in Sambia einen ähnlichen Stellenwert wie Mütter. Allerdings wird mit den Tanten meist offener und vertrauensvoller geredet als mit der eigenen Mutter. Wem soll, wem darf man sich anvertrauen, wenn man ein Problem hat? Eines, das man noch niemandem erzählt hat? Joyce Mubanga kennt auch auf solche Fragen eine spielerische Antwort. In einer Schulklasse verteilt sie an einzelne Kinder Rollen und stellt sie in je eine Ecke: Du bist der Schulleiter, du die Vertrauenslehrerin, du eine Schwester, du die Tante. Dann fragt sie die Klasse: Zu wem geht ihr, wenn ihr ein Problem habt? Die Kinder rennen in die Ecke ihrer Wahl und sprechen dann, wenn sie wollen, darüber, warum sie dort Zuflucht gesucht haben – oder warum sie in der Mitte stehen geblieben sind. Und Joyce Mubanga spricht mit ihnen über Dinge, über die sonst nicht gesprochen wird: „Niemand darf euch anfassen, wenn ihr das nicht wollt. Niemand darf euch bedrängen.“ In traditionellen Gemeinschaften werden Kinderehen, auch wenn sie vom Staat verboten wurden, immer noch arrangiert. Veränderung braucht Zeit – und tatkräftige Unterstützung.
