Als Martha krank geworden ist, hat sich viel geändert. Sie hat sich zurückgezogen, sich von ihrer Familie distanziert, und nicht nur ihr Alltag, sondern auch der ihrer Familie wurde ein anderer. Sie wollte nicht, dass jemand sieht, wie schlecht es ihr geht. „Eigentlich hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen“, sagt die mittlerweile Achtzehnjährige. Auch die Beziehung zu ihrem jüngeren Bruder ist eine andere, als sie vor ihrer Erkrankung war. Sie ist besser. Mit 13 Jahren wird bei Martha sowohl eine Depression als auch eine Essstörung diagnostiziert. Wenige Monate später kamen eine Angst- und eine Zwangsstörung dazu, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, und sie wurde auf die Akutstation der Frankfurter Uniklinik gebracht, später wechselte sie auf die offene Jugendstation. Dort blieb sie mehrere Monate, und nach zwei „kleineren Aufenthalten“ dort, wie Martha sich erinnert, kam sie nach Hause. Während dieser Zeit habe sich ihr Alltag stark verändert, sie konnte die Schule nicht besuchen, weil es ihr so schlecht ging. Manchmal habe Martha das Gefühl, dass ihr Bruder deshalb ein „bisschen aus seiner Kindheit herausgeschubst“ worden ist. „Weil dieses Heile-Welt-Bild kaputt geht, wenn die große Schwester plötzlich weg ist, und er gar nicht richtig einschätzen konnte, was da eigentlich los war“, sagt sie. „Meine Eltern und ich haben alles versucht, damit er das meiste nicht mitbekommt.“ Aber ihr Bruder habe wohl doch einiges geahnt, denn irgendwann ging es auch ihm schlecht, weil er sich um seine drei Jahre ältere Schwester sorgte. „Ich glaube, mein Bruder hat zu wenig Aufmerksamkeit bekommen“ Dass Martha schon als Jugendliche krank geworden ist, ist nicht ungewöhnlich: 50 Prozent aller psychischen Erkrankungen beginnen vor dem 15. Lebensjahr, 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden an einer psychischen Störung. Das sind zwei Millionen junge Menschen jedes Jahr. Eine Essstörung und eine Depression treten laut dem Verein Therapienetz Essstörung oft zusammen auf. Typisch sei, dass sich die Erkrankungen gegenseitig verstärkten. Das kann gefährlich werden. Denn laut dem Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit haben Menschen mit Magersucht, wie Anorexie auch genannt wird, ein mehr als fünffach höheres Sterberisiko als Gleichaltrige ohne die Erkrankung. Die Todesrate bei Magersucht steigt vor allem, wenn weitere psychische Erkrankungen vorliegen. Martha hat ein schlechtes Gewissen ihrem Bruder gegenüber. „Ich glaube, mein Bruder hat eine Zeit lang zu wenig Aufmerksamkeit bekommen“, sagt die junge Frau, wenn sie an die ärgste Zeit ihrer Erkrankung zurückdenkt. „Nicht, weil es beabsichtigt war, sondern weil ich einfach alles auf mich bezogen habe, weil meine ganze Familie Angst um mich hatte.“ So sei beispielsweise zu spät bemerkt worden, dass ihr kleiner Bruder eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung habe. Er nehme zwar mittlerweile Medikamente, und es gehe ihm viel besser damit, aber das sei viel zu lange nicht aufgefallen. „Und das tut mir so leid“, sagt Martha. „Ich konnte die Situation nicht ändern.“ Nina weiß, wie es sich anfühlt, Schwester von jemandem zu sein, der besonders viel Aufmerksamkeit von den Eltern braucht. Einer ihrer jüngeren Brüder war nicht nur als Baby schon sehr früh schwer krank, sondern hat auch eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Eine unter ASS leidende Person hat oft Schwierigkeiten, normale soziale Beziehungen aufzubauen, benutzt Sprache nicht normal oder gar nicht und zeigt wiederholte stereotypische Verhaltensweisen und Interessen. Wie stark die einzelnen Merkmale dieser neurologischen Entwicklungsstörung ausgeprägt sind, kann von Person zu Person mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Obwohl Ninas Familie seit seiner Diagnose im Alter von etwa neun Jahren immer versucht hat, ihren Alltag zum Wohle ihres Bruders zu organisieren, hat Nina das nie als Last empfunden. „Ohne meinen Bruder wäre ich nicht der Mensch, der ich bin, glaube ich“, sagt sie. Sie glaube, dass sie und ihre Familie wegen ihres drei Jahre jüngeren Bruders ein „sehr besonderes Familienleben“ haben. Es habe immer viel „Familienzeit“ gegeben, um ihrem Bruder, der wenig andere Kontakte hatte, sozialen Austausch zu ermöglichen. Außerdem sind sie gemeinsam den besonderen Interessen ihres Bruders nachgegangen, die ASS-Betroffenen liegen. So hat Nina beispielsweise einen Biathlon-Workshop mit ihrem Bruder absolviert. „Meine Mutter, meine Brüder und ich – wir waren immer ein sehr starkes Team.“ Alle drei Kinder seien immer als Individuen betrachtet worden. Errungenschaften seien voneinander unabhängig betrachtet und gefeiert worden. Ihre Mutter habe sehr darauf geachtet, dass alle Kinder genügend Aufmerksamkeit bekamen. Es sei zwar nicht immer einfach gewesen, für ihren Bruder eine entsprechende Betreuung zu finden, aber ihre Mutter habe in einer Krankenschwester jemanden gefunden, der für die speziellen Bedürfnisse ihres Sohnes ausgebildet gewesen sei und dieser Aufgabe nachkommen konnte. Außerdem sei es immer so gewesen, dass Nina und ihre Brüder ihre jeweils eigenen Hobbys hatten, wie Nina sagt. „Unsere Mutter hat immer darauf geachtet, dass wir entscheiden dürfen, ob jetzt ein anderes Geschwisterkind das gleiche Hobby hat oder nicht.“ Nicht immer ist alles harmonisch Natürlich sei aber auch nicht immer alles harmonisch, und in manchen Situationen auch herausfordernd gewesen. Nina und ihre Familie leben schon ihr ganzes Leben im selben Stadtteil Frankfurts, überall war sie „nur“ die große Schwester ihres Bruders und nicht einfach Nina. Weil er „anders ist“, sei er oft angeeckt. „Ich finde das nicht negativ, aber es wurde oft als etwas Negatives wahrgenommen.“ Deshalb habe sie eine Zeit in England verbracht, um „einfach mal Nina zu sein“. Ihr Bruder ist mittlerweile fünfzehn und mitten in der Pubertät. Manchmal wisse sie nicht, ob ihr Bruder sie deshalb nerve oder ob es sein Autismus sei. Es sei schwierig, damit umzugehen, denn sie versuche, ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Denn manche Dinge könne er aufgrund seiner Entwicklungsstörung nicht verstehen, wie etwa die Tatsache, dass Nina kein gutes Verhältnis zu ihrem gemeinsamen Vater habe, vor allem, nachdem sich ihre Eltern getrennt hätten. Das störe ihren Bruder, aber warum genau, könne er ihr auch nicht erklären, sagt Nina. „Ich kann es ihm auch nicht besser erklären, und ich will ihm auch nicht alles erklären.“ Manchmal bohre er dann weiter nach. „Dann sage ich ihm aber auch, dass ich ab einem gewissen Punkt auch einfach nicht mehr darüber sprechen möchte, weil wir es halt einfach anders sehen.“ Dankbarkeit für ihre Brüder Nina ist ihrem Bruder aber auch sehr dankbar. „Ich glaube, er hat mich so viel gelehrt wie nichts anderes“, sagt sie. Das habe auch viel mit Geduld und Zuneigung zu tun. Er habe ihr gezeigt, dass man versuchen solle, ohne Vorurteile auf Menschen zuzugehen. Auch Martha ist ihrem jüngeren Bruder dankbar. Bevor sie krank wurde, stritten die beiden viel, seit ihrer Erkrankung kümmere er sich aber sehr um sie. „Die Rollen sind ein bisschen vertauscht“, sagt Martha. „Ich glaube, es gibt keinen Menschen in meinem Leben, der sich so süß kümmert wie mein kleiner Bruder.“ Der sei zwar mittlerweile zwei Köpfe größer als sie, aber „man merkt einfach, wie groß die Liebe ist. Und dass er alles tut, damit es mir gut geht.“ Und es gehe ihr mittlerweile auch wieder besser, jedenfalls meistens. Sie könne jetzt einen normalen Alltag führen und die schönen Dinge in ihrem Leben genießen. „Und ich glaube, das ist eigentlich mein größtes Ziel, das ich erreicht habe.“ Dabei spenden ihr Hund und ihr Pferd ihr viel Kraft, sind mit die größte Stütze. Ihr Bruder habe Martha nie Vorwürfe gemacht, dass sie ihn „aus seiner Kindheit geschubst“ hat, wie sie es ausdrückt. Aber sie glaubt, dass ihn die Zeit ihrer Erkrankung, die für ihre ganze Familie schwierig war, geprägt hat. „Das ist, was mir leidtut“, sagt Martha. Sie glaube zwar nicht, dass das zwischen ihnen stehe, aber sie habe Angst davor, wie sich diese Zeit auf ihren Bruder langfristig auswirke. Dennoch glaubt Martha, dass sie und ihr Bruder daran gewachsen seien als Geschwister. „Krisenverbindung“ nennt sie es. Wenn es beiden gut gehe, können sie auch „streiten und motzen. Aber sobald es einem schlecht geht, ist der andere immer da.“ Sie sei zwar noch immer nicht gesund, und vieles sei noch immer sehr anstrengend, sagt Martha, aber ihre Familie sei während ihrer schlimmsten Zeit eine große Hilfe gewesen. Es sei ein „großes Privileg“, dass sich beide Elternteile in dieser Zeit um sie kümmern konnten. Sie blickt zu Nina, deren Situation eine andere war. Nina und ihre Mutter, die sich quasi allein um Ninas Bruder gekümmert hätte, seien deshalb für sie „Superheldinnen“. Die Gesellschaft soll sich ändern Nina sagt dagegen, sie habe nie das Gefühl gehabt, ihr Bruder sei schuld daran, dass etwas für sie schlimmer sei. Das Gegenteil sei der Fall. „Mir hat es immer leidgetan, dass es für meinen Bruder in der Welt, in der wir leben, schwieriger ist“, sagt sie. Für eine Krankheit oder Störung könne niemand etwas. Ihr Bruder leide auch darunter, dass er so oft anecke und nicht nach seiner eigenen Intuition handeln könne, weil diese eben nicht „unserer neurotypischen Welt“ entspreche. Aber sie mache die Gesellschaft dafür verantwortlich, dass sie sich manchmal allein gefühlt habe und auch immer noch fühle. Immer nur werde über gute Dinge gesprochen und auf eine Bilderbuchwelt gesetzt. Oft fühle sie sich, als seien sie die einzigen, bei denen es nicht so gut laufe. Auch Martha ist davon genervt. „Diese Welt ist nicht perfekt, und niemand redet darüber.“ Und wenn doch etwas passiert, wie der Moment, als Martha krank wurde, wurde nur über sie und ihre Familie gesprochen, aber nicht mit ihnen, wie sie sagt. Psychische Erkrankungen seien noch immer schambehaftet und tabuisiert, meint auch Nina. „Ich glaube, es würde helfen, wenn wir ein bisschen mehr darüber reden würden.“ Sie wünscht sich außerdem mehr Verständnis und Unterstützung für Menschen wie ihren Bruder, die einfach ein wenig anders seien. „Wir brauchen viel mehr Aufklärung in unserer Gesellschaft darüber, wie man mit betroffenen Menschen und auch deren Familien umgeht“, findet auch Martha. Nicht darüber zu sprechen oder es sogar zu ignorieren, sei schlimmer, als etwas Falsches zu sagen. „Schon einfach bloß da zu sein, kann helfen“, sagt sie. Sie erinnere sich beispielsweise an Freunde, die regelmäßig mit ihren Eltern essen gegangen sind, als Martha krank war. Unter anderem deshalb engagieren sich Nina und Martha bei Tomoni. Denn Tomoni setzt sich für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein, dafür, dass früh darüber aufgeklärt wird, welche Erkrankungen es gibt und wie diese sich äußern können. Dazu bietet das gemeinnützige Unternehmen wissenschaftlich fundierte Fortbildungen und Informationsveranstaltungen für Eltern, Lehrer und auch Trainer in Sportvereinen an. Und auch die jungen Menschen selbst lernen bei Tomoni, auf sich und ihre Freunde, Schulkameraden oder Nachbarskinder zu achten. Dadurch sollen Betroffene so früh wie möglich dabei unterstützt werden, professionelle Hilfe zu erhalten und somit auch Suizide aufgrund psychischer Erkrankungen zu verhindern. Und das alles kostenfrei. Das Herzstück von Tomoni sind dabei aber die „Gamechanger“: Jugendliche wie Martha und Nina, die teils selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen haben und die Initiative aktiv mitgestalten. Sie bewerten die verschiedenen Projekte, etwa danach, ob sich die Jugendlichen davon auch wirklich angesprochen fühlen. Damit Tomoni damit weiter machen kann, bittet die F.A.Z. ihre Leser in diesem Jahr um Spenden für das Projekt. Das gemeinnützige Unternehmen aus Frankfurt will vor allem in ihre Mitarbeiter investieren, Angebote weiterentwickeln und das Projekt bekannter machen. Einmal im Monat treffen sich die „Gamechanger“, sprechen über Tomoni und dieses und jenes. Am Anfang ist es Martha gar nicht so leichtgefallen, sich den anderen Jugendlichen zu öffnen, wie sie sagt. „Aber sie sind alle nett und haben ähnliche Geschichten. Wenn man hier sitzt, ist das wie ein Safe Space, keiner urteilt über die Geschichte des anderen.“ Zwar seien die Gespräche über Problematiken wie Essstörungen, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen anstrengend. „Aber ich gehe immer mit einem guten Gefühl nach Hause“, sagt Martha. „Es hilft mir. Ich kann meine negativen Erfahrungen nutzen, um etwas Positives draus zu entwickeln. Und das finde ich sehr, sehr schön.“
