FAZ 21.02.2026
12:24 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen: Suizidprävention: „Es braucht Mut, Schüler anzusprechen“


Sie sehen sie fast so häufig wie die Familie: Oft sind Lehrer die Ersten, die Veränderungen bei Kindern und Jugendlichen bemerken – wenn sie darin geschult sind. Tomoni bringt ihnen bei, worauf es ankommt.

F.A.Z.-Leser helfen: Suizidprävention: „Es braucht Mut, Schüler anzusprechen“

Wie geht man als Lehrer damit um, wenn sich ein Schüler suizidiert? Was sagt man den anderen Kindern oder Jugendlichen? Was können Lehrer dafür tun, um ihren Schülern zu helfen, bevor etwas passiert? Es sind Fragen wie diese, auf die das gemeinnützige Unternehmen Tomoni versucht, Antworten zu finden. Dass das nötig ist, weiß Christoph Elenz genau. Denn in Elenz’ letztem Schuljahr hat sich ein Schulfreund suizidiert. „Unsere Schulgemeinschaft, unsere Lehrer, aber auch wir Schüler waren mit der Situation überfordert“, erinnert sich der mittlerweile Sechsundzwanzigjährige. „Das war der Moment, in dem ich mich gefragt habe: Wenn mir das später im Berufsleben passiert, wie würde ich damit umgehen?“ Auch er wäre damit überfordert, habe Elenz damals gedacht. Mittlerweile hat er Lehramt studiert, er unterrichtet selbst, und bald wird er sein Referendariat beginnen. Irgendwann habe er Angebote zu einer Schulung von Tomoni bekommen. Die habe er sofort angenommen. Denn das Frankfurter Unternehmen, dessen Name auf Japanisch „zusammen“ bedeutet, schult und klärt Lehrer, Eltern und Sporttrainer über psychische Erkrankungen auf, um deren Anzeichen schon im Kindes- und Jugendalter zu erkennen. Dadurch sollen Betroffene so früh wie möglich dabei unterstützt werden, professionelle Hilfe zu erhalten und Suizide zu verhindern. Schüler sind nicht die „perfekte Zielgruppe für Aufklärung“ Die Fortbildungen und Informationsveranstaltungen von Tomoni sind wissenschaftlich fundiert, Beiräte sorgen dafür, dass die Angebote praxisnah sind und klinische Erfahrungen und neueste Forschungsergebnisse  einfließen. Regelmäßig tauschen sich etwa die Mitglieder des pädagogischen Beirats mit den Gründern von Tomoni, Alix und Oliver Puhl, darüber aus, welche Programme funktionieren und welche nicht, was Lehrkräfte noch brauchen oder was verbessert werden kann. „Das ist ein totales Geben und Nehmen“, sagt Judith Junk. Sie ist Lehrerin an einer Rüsselsheimer Schule und Mitglied im pädagogischen Beirat, der aus Lehrern, Studenten und Schulsozialarbeitern von verschiedenen Schulformen und unterschiedlichen Alters besteht. „Wir geben Input und bekommen Input“, sagt Junk. Das Konzept von Tomoni, Lehrer in Hinblick auf psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen zu schulen, funktioniert laut Andreas Reif. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt und leitet den wissenschaftlichen Beirat von Tomoni. Zunehmend werde sichtbar, wie groß das Problem der psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen sei. „Und viele Lehrkräfte sind sehr überfordert, damit umzugehen“, sagt er. Das sei keine „Lehrerschelte“, sondern liege daran, dass sie schlicht nicht dafür ausgebildet seien. Tomoni erreiche mit seinen niedrigschwelligen Schulungen aber viele Lehrer und habe damit einen großen Hebeleffekt. Laut Reif ist es sinnvoll, zunächst Lehrer über psychische Erkrankungen aufzuklären und nicht direkt an die Schüler heranzutreten. Denn die seien „nicht wirklich die perfekte Zielgruppe“ für die klassischen Aufklärungskampagnen darüber. Lehrern beizubringen, die Warnsignale für Erkrankungen zu erkennen, sei „eine gute Sache“. Damit Tomoni weiter dabei helfen kann, Suizide zu verhindern, bittet die F.A.Z. ihre Leser in diesem Jahr um Spenden für das Projekt. Das gemeinnützige Unternehmen aus Frankfurt will vor allem in ihre Mitarbeiter investieren, An­gebote weiterentwickeln und das Projekt bekannter machen. Laut der COPSY-Studie von 2024 berichten in Deutschland 22 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen von psychischen Auffälligkeiten. „Es ist überhaupt keine Option mehr als Lehrer, sich davor zu verschließen“, sagt Christoph Elenz. In zwei seiner drei Klassen haben Kinder eine Autismusdiagnose. Elenz findet es wichtig, dass sich Lehrer untereinander austauschen und auch kleine Anzeichen erkennen und ernst nehmen. Zum Beispiel, wenn ein Schüler sich zurückziehe, weil es ihm zu laut sei. In den Modulen von Tomoni hat Elenz gelernt, wie wichtig es ist, das Gespräch mit Schülern zu suchen, wenn er das Gefühl hat, etwas könnte nicht in Ordnung sein. „Wegschauen ist keine Option“, fasst der Sechsundzwanzigjährige die Schulungen zusammen. Das sei „entscheidend, wenn es um mentale Gesundheit geht“. Es braucht Mut, das Gespräch mit den Schülern zu suchen „Man braucht diesen geschärften Blick dafür“, findet auch Melissa Grothgar, die Förderschullehramt in Frankfurt studiert und sich ebenfalls im pädagogischen Beirat engagiert. Diesen lerne man bei Tomoni. „Und man braucht Mut, Schüler anzusprechen, wenn einem etwas auffällt.“ Solche Gespräche anzufangen und zu führen, sei nicht immer einfach. Es sei wichtig, den Schüler nicht zu überrumpeln, Grenzen zu wahren und ihm nicht unbeabsichtigt Worte in den Mund zu legen, sagt die Achtunddreißigjährige. Junk weiß, wie sie dafür auf die Schüler zugehen kann. Genaue Worte lege sie sich dafür nicht zurecht, „sonst wirkt es künstlich“. Sie versuche, den Schüler unter vier Augen oder mit der besten Freundin zu erwischen und dann so etwas zu sagen wie: „Du, mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit sehr ruhig warst. Ist alles okay?“ Manchmal schreibe sie die Jugendlichen auch über das schuleigene Chatprogramm an. Und Junks Herangehensweise scheint zu funktionieren: „Bisher haben alle Schüler, die ich angesprochen habe, auch mit mir geredet.“ Manchmal meldeten sich sogar ehemalige Schüler bei ihr, um sie um Rat zu bitten. Auch Elenz sagt, er habe bisher nur gute Erfahrungen damit gemacht, auf die Schüler zuzugehen. Er nehme eine gewisse Dankbarkeit wahr. Ob sich die Schüler den Lehrern öffneten, hänge aber auch davon ab, wie Lehrer ihnen begegneten, meint Elenz. Schüler würden sehr gut merken, ob das nur „Lippenbekenntnisse der Lehrer“  oder ob sie wirklich offen seien, sagt auch Grothgar. Besonders wichtig sei das bei queeren Jugendlichen, sagt Junk. Sie seien eine besonders vulnerable Gruppe: Das Suizidrisiko bei queeren Jugendlichen sei siebenmal höher. „Wenn sie queere Lehrer als Vorbilder haben oder Lehrkräfte, die offener sind, dann kann sie das total entlasten“, sagt die Vierundvierzigjährige. Elenz hat festgestellt: „Wenn sie merken, der Lehrer ist mir gegenüber offen, dann trauen sich die Schüler vielleicht auch eher, den Schritt zu gehen und die Lehrkraft selbst anzusprechen.“ Die Pädagogen wünschen sich, dass mentale Gesundheit Teil des Lehramtsstudiums wird, nicht nur, weil das Thema immer präsenter wird. Sondern auch, weil sie sich nicht mehr nur als Lehrer verstehen, sondern auch als Begleiter. „Gerade vor dem Hintergrund, dass wir einfach neben der Familie die Menschen sind, die die Schüler am meisten sehen“, sagt Grothgar. Während ihres Studiums habe sie zwar Module zu Grundlagen der Psychoanalyse absolviert, aber der Kurs zu psychischer Gesundheit sei nur optional gewesen. „Da kommt man wunderbar dran vorbei“, fasst sie zusammen. Auch Elenz hatte keine Angebote dazu in seinem Studium. Junk hingegen, die vor fast 20 Jahren ihre Ausbildung zur Lehrerin abschloss, hatte ein Modul während ihres Studiums zu mentaler Gesundheit, erinnert sie sich. „Es kommt wohl darauf an, welche Schwerpunkte die Seminarleiter haben.“ Auch sie findet, es gibt zu wenig verpflichtende Kurse zu diesem Thema. An dänischen Schulen gibt es bereits seit den Neunzigerjahren ein verpflichtendes Programm für „Trivsel“, also das Wohlergehen der Schüler. Fächerübergreifend sollen Schüler dabei Kompetenzen entwickeln, um ihre Gesundheit zu fördern und zu lernen, wie sie über ihre Gefühle sprechen und sie einordnen. Gefühle seien Zustände, die vorüberziehen, sagt Junk. „Erst wenn sie nicht mehr vorüberziehen, dann wird es Ernst. Das müssen Schüler lernen.“ Dafür brauche es nicht unbedingt ein spezielles Schulfach, das gehe auch beispielsweise in Deutsch durch das Betrachten von literarischen oder fiktiven Charakteren. Georg Büchners „Lenz“ sei ein sehr gutes Beispiel, um über Zustände und Gefühle zu sprechen und damit auch über mentale Gesundheit. Dosiert über psychische Erkrankungen sprechen Junk findet aber auch, dass man psychische Gesundheit im Klassenzimmer nicht „überthematisieren“ sollte. „Schule ist auch ein Schutzraum“, sagt die Pädagogin. Bei Schülern, die etwa aus der Psychiatrie zurück in die Schule kommen und wieder eingegliedert werden, sei eine Mischung aus „so viel Normalität wie möglich und gleichzeitig so viel Hintergrundwissen wie möglich“ wichtig, sagt Junk. Da müssten die Lehrer genau darauf achten, welche Bedürfnisse der Schüler habe. Beachten müsse man außerdem die sogenannte „Social-Contagion-Hypothese“, sagt Psychiater Reif. Wenn nämlich zu viel Aufmerksamkeit auf die Erkrankung und ihre Symptome, etwa die einer Angststörung, gerichtet werde, könne das dazu führen, dass Schüler vermehrt Symptome bei sich selbst beobachten, die sie eigentlich gar nicht haben. Deshalb ist laut Reif wichtig, wie über die Erkrankungen gesprochen wird: „Richte ich meinen Blick immer nur auf das Negative, auf die Symptome, oder richte ich meinen Blick auch auf Bewältigungsstrategien und Selbstwirksamkeit, was kann ich tun, um Krisen zu bewältigen?“ Junk hat die Erfahrung gemacht, dass die Kinder und Jugendlichen über mentale Gesundheit sprechen wollen. An ihrer Schule werde ein Wahlpflichtunterricht zum Thema Psychologie für Zehntklässler angeboten, und „da haben die uns echt die Türen eingerannt“, sagt sie. Die Jugendlichen wollen über klinische Psychologie und Themen wie eine posttraumatische Belastungsstörung sprechen, „weil das alles in Social Media thematisiert wird“. Junk sei es lieber, wenn sich die Jugendlichen im Unterricht mit diesen Themen beschäftige, als „mit irgendwelchen dubiosen Internetquellen, wo sie sich ein komisches Halbwissen und Nichttipps von Nichtprofis aneignen“. „Aber wir werden Social Media nicht mehr los“, sagt Junk. Deswegen sei es wichtig, die Medien bewusst zu nutzen und ihren Konsum gleichzeitig insgesamt zu beschränken. Es werde zu viel auf Bildschirme geschaut. „Und wenn man sich überlegt, dass sich das kindliche Gehirn noch entwickelt, dann ist das doppelt und dreifach schädlich.“ Auch Elenz findet, dass von Social Media eine Gefahr ausgeht, besonders für Betroffene von psychischen Erkrankungen. „Weil man sich durch den Algorithmus in eine Bubble begeben kann, die alles nur noch schlimmer macht.“ Online gebe es kein Korrektiv, das ein ungesundes Verhalten anmerke, sagt Grothgar. „Es bedarf dann noch mehr Kraft und noch mehr Skills und noch mehr Reflexion, da wieder herauszukommen.“ Für Andreas Reif sind die sozialen Medien ein „zweischneidiges Schwert“. Zwar schaffe der offene Umgang mit dem Thema eine Normalität. Aber viele Social-Media-Nutzer fänden es „fancy“, eine psychische Erkrankung zu haben. „Das Gefährliche ist, dass das, was in der Social-Media-Welt als Erkrankung bezeichnet wird, oft nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was wir Psychiater als Erkrankung bezeichnen würden“, sagt Reif. Christoph Elenz ist froh, die Schulung von Tomoni absolviert zu haben. Denn schon kurz danach habe er das Wissen daraus benötigt. Zwar habe sich herausgestellt, dass es „nichts Ernstes“ war, erinnert sich Elenz. „Aber bei der Äußerung, die die Schülerin gemacht hat, war ich dann froh, dass ich wusste, wie ich darauf reagieren kann.“