FAZ 13.01.2026
13:44 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen: Psychische Gesundheit beginnt mit Aufklärung


Psychische Erkrankungen sind noch immer stigmatisiert. Der Frankfurter Psychiater Andreas Reif plädiert für mehr Wissen, weniger Vorurteile und Aufklärung, die schon bei Kindern und Jugendlichen beginnt.

F.A.Z.-Leser helfen: Psychische Gesundheit beginnt mit Aufklärung

Wenn Andreas Reif in seiner Einführungsvorlesung mit den Studenten wettet, gewinnt er immer. Jedes Mal wettet er, dass jeder seiner Studenten mindestens einen psychisch Kranken in der Familie hat. Jedes Mal hat er recht. Denn Andreas Reif beschäftigt sich nicht nur beruflich, sondern auch in seiner Freizeit mit psychischen Erkrankungen. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt und leitet den wissenschaftlichen Beirat von Tomoni. Das gemeinnützige Unternehmen setzt sich für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein, dafür, dass früh darüber aufgeklärt wird, welche Erkrankungen es gibt und wie diese sich äußern können, damit die betroffenen jungen Menschen Unterstützung erhalten können. Dazu bietet Tomoni Fortbildungen und Informationsveranstaltungen für Eltern, Lehrer und auch Trainer in Sportvereinen an. Der wissenschaftliche Beirat sorgt dafür, dass stets die neuesten Erkenntnisse aus Forschung und Lehre, klinische Best Practices und langjährige Praxiserfahrung in die Angebote Tomonis und deren wissenschaftliche Evaluierung einfließen. Tomoni setzt sich mit seiner Aufklärungsarbeit dafür ein, Suizide zu verhindern, die von unbehandelten psychischen Erkrankungen verursacht werden können. Denn 90 Prozent aller Selbsttötungen in Deutschland haben ihre Ursache in einer psychischen Erkrankung. Doch nicht jeder Suizid sei das Ergebnis einer Depression, sagt Reif, dessen Arbeitsschwerpunkte auf Depressionen, ADHS und Suizidprävention liegen. Nicht für jeden ist Psychotherapie die ideale Behandlung Auch andere unbehandelte psychische Erkrankungen können zu Suiziden führen. Warum das so ist, dafür gibt es keine einfache Antwort. Manche psychischen Erkrankungen können gleichzeitig auftreten, was Experten als Komorbidität bezeichnen. Die Gründe dafür seien nicht unbedingt psychologisch nachvollziehbar, erklärt Reif. „Wenn jemand sagt, er hat zum Beispiel eine Autismus-Spektrum-Störung und ist deswegen depressiv, greift das zu kurz.“ Man wisse mittlerweile, dass eine Vielzahl psychologischer Mechanismen, also unbewusste Strategien des Gehirns, zum Beispiel mit Angst oder Konflikten umzugehen, in verschiedenen psychischen Erkrankungen gleich seien und sich zum Teil die Genetik zwischen den Erkrankungen überlappe, sagt Reif. Eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung etwa teile sich viele Mechanismen und Risikogene, die die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung erhöhten, mit Depressionen. Manchmal verstärken sich die Erkrankungen auch gegenseitig: ADHS könne im Leben der Betroffenen zu vielen Misserfolgen und dadurch zur Abwertung der eigenen Person führen, ebenso zu Streitigkeiten und sozialen Konflikten. „All das wiederum sind auch Risikofaktoren für Depressionen.“ Aber unabhängig davon haben ADHS-Patienten laut Reif ein erhöhtes Suizidrisiko, er vermutet, wegen ihrer gesteigerten Impulsivität. Umso wichtiger sei es, psychische Erkrankungen rechtzeitig zu diagnostizieren. „Je früher man sie erkennt, umso früher kann man behandeln und dann auch intervenieren.“ Dabei sei eine Psychotherapie nicht für jeden die ideale Behandlung. Es sei ein Vorurteil, dass eine medikamentöse Therapie keine richtige Therapie sei, sagt Reif. Bei ADHS etwa haben Medikamente laut dem Spezialisten einen größeren Effekt als eine reine Gesprächstherapie. Jeden Erkrankten eine Psychotherapie machen zu lassen, wäre nicht nur unzweckmäßig, sondern würde auch das Gesundheitssystem überlasten. „Das führt zu dem, was man als Inverse Care Law bezeichnet“, erklärt Reif. Das bedeutet, dass die Menschen, die am dringendsten einen Therapieplatz benötigen, aber wegen ihrer Erkrankung nicht in der Lage sind, sich ausdauernd um ihn zu kümmern, keinen Platz bekommen, weil die Menschen, die sich intensiv um einen Therapieplatz bemühen, ihn aber nicht so dringend brauchen, die Plätze besetzen. „Das ist keine besonders gute Art, mit der Ressource Psychotherapeut umzugehen“, sagt Reif. Er wünscht sich eine bessere Steuerung der Platzvergabe. Unbehandelte psychische Erkrankungen sind ein „riesiger“ Kostenfaktor Psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, ist aber nicht nur für die Patienten wichtig, wie Reif sagt. Denn unbehandelte psychische Erkrankungen seien ein „riesiger“ Kostenfaktor für die Wirtschaft und das Gesundheitswesen. Nach Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sind laut einer Erhebung der DAK aus dem Jahr 2024 psychische Erkrankungen der häufigste Grund für Fehltage. Depressionen sind demnach der häufigste Grund für psychisch bedingte Krankschreibungen. Doch noch erheblicher sei die finanzielle Belastung für das Wirtschaftssystem, sagt Reif. Erkrankte, die zwar auf der Arbeit präsent, aber nicht produktiv seien, kosteten Geld, ebenso wie diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt fehlten, weil sie etwa krankgeschrieben oder durch ihre Erkrankung sogar gänzlich arbeitsunfähig seien. Psychische Erkrankungen treten laut Reif am häufigsten zwischen 20 und 40 Jahren auf, in der „produktiven Lebensspanne“. Dem könne entgegengewirkt werden, wenn mehr in Projekte wie Tomoni investiert werde, findet Reif. Auch der Fachkräftemangel könne so bekämpft werden. Schließlich beginnen 50 Prozent aller psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter noch vor dem 15. Lebensjahr, 75 Prozent vor dem 25. Jahr. Wird den jungen Betroffenen früh geholfen, haben sie die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und unter Ausschöpfung ihrer Möglichkeiten zu zufriedenen Erwachsenen zu werden. Aus einer normalen Erziehung entsteht keine psychische Erkrankung Allerdings sind psychische Erkrankungen noch immer für viele ein Tabuthema. Dass vor allem in den sozialen Netzwerken vermehrt offen über solche Krankheiten gesprochen wird, sieht der Professor als „zweischneidiges Schwert“. Einerseits wirke es gegen Stigmata, das sei gut. Auf der anderen Seite komme es in den sozialen Medien oft zu „Gleichmacherei und Nivellierung“. Viele fänden es „fancy“, eine psychische Erkrankung zu haben, diagnostizierten sich selbst Autismus oder eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung, sagt Reif. „Das Gefährliche ist, dass das, was in der Social-Media-Welt als Erkrankung bezeichnet wird, oft nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was wir Psychiater als Erkrankung bezeichnen würden.“ Damit psychische Erkrankungen nicht länger ein Tabuthema sind, braucht es laut Reif rationales Wissen über sie, etwa darüber, wie man sie behandele oder wie sie entstehen könnten. „Und vor allem, dass sich niemand eine Krankheit frei­willig aussucht.“ Niemand sei schuld daran, auch nicht die Eltern, wenn jemand krank werde, wie es manche Posts in den sozialen Medien suggerierten. Bei den meisten psychischen Erkrankungen spiele die Erziehung keine Rolle, sagt Reif. „Aus einer normalen mitteleuropäischen Kindererziehung entsteht keine psychische Erkrankung und aus einem Hausarrest kein Mikrotrauma. Das nennt man Leben.“ „Leider“ gebe es noch immer viele Vorurteile und laienpsychologisch interpretierte Thesen aus der Psychoanalyse von vor hundert Jahren, „an die aber heutzutage keiner mehr glaubt“, sagt Reif. Jeder meine, mitreden zu können, weil er auch eine Psyche habe. „Dabei haben wir auch alle eine Leber, und niemand käme auf die Idee zu diskutieren, wie man Hepatitis B behandelt.“ Reif setzt gemeinsam mit Tomoni auf fundierte Wissensvermittlung, um psychische Erkrankungen, die Vorurteile darüber und deren Folgen zu bekämpfen. Ungefähr 17 Millionen Menschen in Deutschland sind psychisch krank. „Das ist etwas ganz Normales“, sagt Reif. „Ich glaube, wenn erst einmal durchgesickert ist, dass das nicht nur Menschen sind, die in der forensischen Psychiatrie sitzen und grüne Männchen sehen, sondern Menschen wie wir alle sind, dann ist das schon ein wichtiger Schritt.“