FAZ 21.12.2025
19:16 Uhr

F.A.Z.-Leser helfen: Nähen gegen die Scham


Wo es an Hygiene mangelt, können Mädchen in Sambia nicht zur Schule gehen. Deshalb helfen sie sich dort gegenseitig – mit einem einzigartigen Projekt.

F.A.Z.-Leser helfen: Nähen gegen die Scham
Sky und Amanda Roberts am 18. November 2025 in Washington, D.C.. (Foto: Anna Moneymaker/Getty Images)

Die erste Unterrichtsstunde sei anstrengend gewesen, erinnert sich Joyce Mubanga und seufzt dabei tief. Mit einer Klasse pubertierender Jugendlicher über Menstruationshygiene sprechen zu wollen, ist in Sambia, auf dem Land, noch schwieriger als anderswo. Es seien allerdings weniger die Witze reißenden Jungen als die schüchternen Mädchen gewesen, die schwer für die Sache gewonnen werden konnten: „Madame, wir wollen und können nicht vor den Jungs über diese Dinge sprechen.“ Verständlich, das ist kein Thema, über das man als Teenager gerne spricht. Aber es ist nötig. Die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation ADRA ist keine, die schnell aufgibt: „Ich habe ihnen gesagt, wir werden Stigmata nicht ändern, wenn wir nicht zusammen darüber reden.“ Joyce Mubanga kann einen ernsten Blick austeilen und halten. Damit wird auch dem Letzten in der Klasse klar: Hier geht es um mehr als nur um Mädchenkram. An 26 Tagen im Jahr fehlen die Mädchen in der Schule In den südlichen Bezirken Sambias, Siavonga und Chirundu, fehlen Mädchen, die die Pubertät erreicht haben, im Schnitt 26 Tage im Jahr in der Schule. Nicht wegen Krankheit, sondern weil sie weder Tampons noch Binden haben oder eine Waschgelegenheit in der Schule, falls ein Malheur passiert. Sie schämen sich vor Klassenkameraden, die sie wegen verfärbter Kleidung hänseln könnten, sie bleiben lieber zu Hause und fehlen unentschuldigt, mit allen Konsequenzen. Dass die Mädchen wichtigen Unterricht in den Abschlussklassen verpassen, ist das eine, dass es an Aufklärung über Hygiene, Zyklus und letztlich Schwangerschaft fehlt, das andere. In beiden Fällen hilft die Arbeit von Joyce Mubanga, ADRA und der Stiftung Kinderzukunft, für die die F.A.Z. in diesem Jahr Spenden sammelt. Die Stiftung lässt an Schulen in Sambia, die bisher kein fließendes Wasser hatten, Brunnen bohren und sanitäre Anlagen einrichten. Das ist der erste Schritt, um die Hygiene zu verbessern. Der zweite ist das offene Gespräch über die Vorgänge im Körper einer jungen Frau, die teils tabuisiert werden. Der dritte ist handwerklicher Natur. Mit dem Nähen und Verschenken von wiederverwendbaren Pads wird den Mädchen der regelmäßige Schulbesuch ermöglicht – und das an allen Tagen im Jahr. In den ländlichen Bezirken in Sambia herrscht an vielen Dingen großer Mangel. Es gebe zwar Hilfsorganisationen, die Hygieneartikel an Mädchen und Frauen verteilten. „Aber was ist, wenn die Packung aufgebraucht ist?“, fragt Mubanga. Den Familien fehlt das Geld, um die Produkte nachzukaufen, die Fehlzeiten in der Schule beginnen von Neuem. Daher kam ADRA auf die Idee, selbst Binden nähen zu lassen, um so eine nachhaltigere Lösung zu finden. Jedes Mädchen erhält ein Hygiene-Set Was dabei auch vermittelt wird, ist eine Fähigkeit, die die Jugendlichen jenseits der Schule nutzen können. Wer nähen kann, ist anderen einen kleinen Schritt in die Unabhängigkeit voraus. Mädchen ohne Bildung versuchen, früh zu heiraten, was angesichts von Mehrehen auf dem Land keine Sicherheit bietet. Für manche bleibt dann nur die Prostitution. Florence Kindolo hat sich das Nähen an einer alten Tretnähmaschine beigebracht und dann geübt, geübt, geübt, bis auch ihre Nähte gerade wurden. Heute zeigt sie den Mädchen und einigen Jungen an der Naabanda Primary School, wie sie nach einem Schnittmodell von ADRA die wiederverwendbaren Binden nähen können. Und dazu ein kleines Täschchen, das Kindolo „Dignity bag“ nennt, weil man würdevoll die Binde darin verschwinden lassen kann. Jedes Mädchen, das älter als elf Jahre ist, erhält dank der Nähklasse ein Set: zwei der weichen, gepolsterten Baumwollbinden, deren Flügel man mit Druckknöpfen unter dem Slip schließt, ein Täschchen und mehrere einfache Unterhosen. Die Unterwäsche liegt dem Set erst seit einem Jahr bei. Weil einige Mädchen ratlos auf die Binden geblickt hatten und sie nirgends zu befestigen wussten: Sie besaßen überhaupt keine Unterwäsche. Das Geld ihrer Familie hatte dafür nicht gereicht. Wie schwierig es ist, eine gerade Naht zu nähen, weiß Kindolo und gibt geduldig Anweisungen. Wenn sie einen Arbeitsschritt vormacht, stehen die Mädchen still und aufmerksam beobachtend daneben. Kindolo achtet auf jedes Detail, sie selbst ist Perfektionistin, was man ihren zum Verkauf angebotenen Taschen und Kleidern ansieht. Für die Frauen in der Gemeinde näht sie auf Bestellung auch Festkleider in kräftigen Farben mit bauschigen Röcken. Die Schülerinnen lernen aber zunächst nur einfache Dinge von ihr, Röcke, Taschen und ihre „re­usable pads“. Dass man aus seinen Nähkenntnissen auch ein Geschäft machen kann, lernen die Schüler schon während des Unterrichts: Weil nicht nur Teenager Binden brauchen, sondern auch erwachsene Frauen, verkauft die Schule Sets an ein nahe gelegenes Krankenhaus, wo sie an Mütter nach der Geburt ausgegeben werden. Nicht nur an der Naabanda Primary School, auch an der Kawila Community School im benachbarten Bezirk Siavonga unterstützt die Stiftung Kinderzukunft eine Schule mit robusten Singer-Nähmaschinen, die ohne Strom auskommen. Dort setzt sich Ocean Hakoonde auch vor Publikum an eines der Geräte, um zu zeigen, was er gelernt hat: Nadel einfädeln, eine Stoffkante falten und auflegen, den Nähfuß senken, dann fängt er an, das Pedal rhythmisch zu treten und damit das Schwungrad der Maschine anzutreiben. Ein scheuer Blick zur Seite auf seine Lehrerin Elly Sitwala, dann tackert die Nadel auch schon eine recht gerade Naht in den Stoff. Auch die Jungen unterstützten das Projekt Ocean hat große Pläne, Modedesigner würde er gerne werden, aber erst einmal muss er hier die Grundlagen lernen, an Einkaufstaschen und Röcken und den wiederverwendbaren Binden. Dass manche Jungen gar keine Berührungsängste mit einem Thema wie dem weiblichen Zyklus haben, das vielen im Land immer noch als Tabu gilt, wirkt verblüffend. Ist der Knoten erst einmal durchgeschlagen, scheint es kein Halten mehr zu geben. Dann sind männliche Klassenkameraden und erwachsene Mitarbeiter von ADRA bei Werbeveranstaltungen in pinkfarbenen T-Shirts zu sehen, auf denen in großen Lettern für „Menstrual Hygiene“ geworben wird. ADRA schafft es sogar, Jungen für ihr Awareness-Team zu motivieren, das an Schulen Aufklärungsarbeit leistet. Fragt man nach deren Motivation, sagt einer schlicht: „Ich habe doch Schwestern.“ Aufklärung geschieht hier zwar in schreiend bunten Shirts, aber dennoch behutsam. Denn es ist wichtig, die ganze Gemeinschaft zu überzeugen. Lehrer hatten Vorbehalte, dass Mädchen und Jungen gemeinsam in einer Klasse dazu unterrichtet werden sollten, erinnert sich Joyce Mubanga. Eltern wollten wissen, was an die Mädchen verteilt wurde: Sind die Produkte sicher? Was gebt ihr unseren Kindern? Tampons oder Menstruationstassen, Dinge, die bei der Benutzung eingeführt werden müssen, wären ohnehin abgelehnt worden. Aber auch die wiederverwendbaren Binden wollen gut behandelt werden, und wie man sie nach der Nutzung wieder sauber macht, muss auch besprochen und erklärt werden. Um derlei müssen sich die Jungen im Awareness-Team allerdings nicht kümmern, sie richten ihre Aufmerksamkeit auf ihre Freunde und versuchen, deren Verhalten zu beeinflussen: „Wenn du siehst, dass ein Mädchen Flecken auf der Kleidung hat, lache nicht darüber, sondern sprich sie höflich an, wie du ihr helfen kannst. Sie ist deine Schwester.“ Und, so die Hoffnung, sicher froh, wenn ihr Schulbesuch künftig ein wenig erleichtert werden kann.